Gewiss, man kann das Thema Jarrett kontrovers angehen, denn er sorgte nicht zuletzt in seinen kürzlich erschienen Interviews (ZEIT, SPIEGEL), getragen von einem kaum angekratzten Selbstbewusstsein, für genügend Gesprächsstoff. Man könnte zudem einwenden, das die x-te Variante von "Straight, No Chaser" eine zuviel ist usw. usf. Nur, die vorliegende Platte scheint mir das falsche Objekt zu sein, um sich an Jarretts Schaffen überkritisch abzuarbeiten. Sie ist m.E. schlicht hervorragend, vor allem deshalb, weil hier bei allen drei Mitgliedern des Trios, neben Jarrett bekanntermassen Gary Peacock b und Jack DeJohnette dm, eine grosse Spiellust und Spielfreude durchschlägt. Zeit, Ort und Publikum schienen bei diesem Auftritt zu stimmen. Nach wie vor besteht das Programm aus bewährten Standards wie etwa "Oleo", "Green Dolphin Street" oder dem erwähnten "Straight, No Chaser", welch letzteres sehr frei angegangen wird. Aber das Trio bewegt sich auch weiter, in diesem Falle jazzgeschichtlich gewissermassen zurück, indem auch Stücke wie "Ain't Misbehavin'" oder "Honeysuckle Rose" ins Repertoire aufgenommen wurden; mit grossem Gewinn, denn die Musiker reiten diese Fats Waller Schlachtrösser meisterlich. Jarrett, der eine lange und schwere Krankheit durchlitt, hat sich mit Hilfe seiner kongenialen Kollegen in erstaunlicher Frische zurückgemeldet.