Nachdem seine ersten drei Alben von Kritkern wie Fans in höchsten Tönen, jedoch mit absteigender Intensität, gelobt wurden, die letzte Platte allerdings sehr gemischt aufgenommen wurde (808's & Heartbreak), folgt nun KanYe's fünfter Streich.
Der Mann, der sich als Produzent von Größen wie Jay-Z einen Namen machte, bevor er sich auf seine Solo-Karriere konzentrierte, ist vor allem für seine Vielseitigkeit und Innovativität berühmt. Die ersten beiden Tonträger verwendeten größtenteils Soul- oder Klassikeinflüsse, das dritte war mehr eine Mischung. Aus dem Electrogenre, oder wie Kanye West es nannte, der "Pop Art", des vierten Albums nimmt er nur wenige Impressionen mit auf sein neuestes Werk.
Es ist vielmehr ein völlig neues Musikabenteuer, auf welches sich der Hörer begibt. Je öfter sich die Scheibe dreht, desto besser gefallen einem die Titel und desto besser gewöhnt man sich an die beachtlichen Song-Längen (durchschnittlich 5-6 Minuten).
Dabei hat Kanye alles und jeden eingeladen, der, nicht nur in der Hip-Hop-Szene, einen Namen hat: Für die Produktion zeigen sich neben Yeezy himself auch DJ Premier, Pete Rock, RZA, Q-Tip, Swizz Beats und weitere verantwortlich. Lyrisch sind ihm nicht weniger klangvolle Namen wie Raekwon, Jay-Z,RickRoss, Nicki Minaj oder Kid Cudi, aber auch reine Sänger behilflich, so sind zum Beispiel noch Rihanna, John Legend, Fergie, Charlie Wilson und sogar Elton John zu nennen. Auch Comedian und Schauspieler Chris Rock kommt zu einem sehr lustigen Part am Ende von "Blame Game".
Jeder Beat der 13 Titel ist unterschiedlich, aber jeder beeindruckt. So ist schwer einige herauszuheben, ohne andere abzuwerten. Für Neulinge sollte aber schon die klangliche Differenz zwischen der ersten Single "Power" mit seinen an afrikanische Gesänge erinnernden Samples und der Zweiten, "Runaway", welches durch minimalistischen Piano-Sound besticht, ein Anhaltspunkt sein. Die Texte schwanken wie bei Kanye üblich zwischen Hedonismus und Lobhymnen für das eigene Ego, tragen aber auch kritische gesellschaftliche und schulische Inhalte in sich. Raptechnisch bewegt sich alles leicht über dem Niveau der Vorgänger. Einen Höhepunkt stellt sicherlich auch "All of the Lights" dar, bei dem ein Beat nahe der Überfüllungsgrenze am pumpen ist. Aber eben gerade so, dass es einfach ausgezeichnet klingt. Des Weiteren weist der Track eine der längsten und renommiertesten Feature-Listen der Geschichte auf (ich zitiere einfach mal: John Legend, The-Dream, Ryan Leslie, Tony Williams, Charlie Wilson, Elly Jackson, Alicia Keys, Fergie, Kid Cudi, Rihanna & Elton John) und wird wohl als Single auch mal die wieder die Single-Chartspitze anstreben.
Um einige seiner verschreckten Fans (man erinnere sich an den Taylor Swift-Auftritt) wieder für sich zu gewinnen und schlicht und ergreifend aus Publicity-Gründen, laufen nun schon seit 14 Wochen die "Good Friday Weeks", an denen, wie der Name schon verlauten lässt, Mr. West jeden Freitag einen neuen Song zum kostenlosen Download anbietet. Diese Aktion soll noch bis Weihnachten laufen und beinhaltet keinesfalls billige Kompositionen aus der Retorte. Die namhaften Gäste des Albums stoßen auch hier wieder zusammen, so ist "So Appalled" der einzige Song dem es gelang, von Jay-Z und RZA gefeatured zu werden (auch auf dem Album vorhanden). Gleichzeitig verhilft der Rapper auch zukünftigen Stars (Pusha T, CyHi tha Prince etc.) zu mehr Popularität. Mein Favorit aus der Sammlung ist der siebenminütige "Christian Dior Denim Flow".
Auf der "Deluxe-Edition" findet sich noch zusätzlich eine DVD mit dem offiziell längsten Musikvideo der Welt: "Runaway", ein 35-Minuten-Film, der optisch zu beeindrucken weiß, viel Musik des neuen Albums enthält und die ansehnliche Selita Ebanks als Phoenix auf die Erde fallen lässt. Dieser Film lässt sich allerdings auch kostenlos im Internet bewundern.
Ansonsten lohnt sich diese Extraversion auch aus anderen Gründen: Es fängt mit der aufklappbaren, verspielten Hülle an, geht über die 5(!) Albumcover und die posterähnliche Producerliste und endet bei der CD und der (o.g.) DVD. Bilder des Albums von mir werden in naher Zukunft auch auf der Produktseite zu bewundern sein, damit sich jeder ein Bild machen kann - das Aussehen weicht schon stark vom Produktbild ab (die Bilder dürfen Sie selbstverständlich auch mit in die Bewertung der Rezension einfließen lassen :D).
Fazit:
Wer die (meisten) bisherigen Alben mochte, wird auch hier wieder voll auf seine Kosten kommen; Neulinge sollten sich nicht abschrecken lassen. So eigen der Sound auch klingt, so optimistisch sind auch einige Titel, wobei fast jeder Song auf einem hohen Niveau clubtauglich ist, also auch einem gewissen Mainstream frönt. Doch den gelingt es dem zwöflfachen Grammy-Gewinner wie kein Zweiter zu verbergen. Meiner Meinung nach sicherlich eines der besten, wenn nicht sogar DAS beste Album 2010.
Ich bin süchtig nach dem "Gorgeous"-Beat - oder eigentlich nach allen! Trotz dem stolzen Preis lohnt es sich zuzuschlagen.
Noch eine objektive Anmerkung:
Das englischsprachige Rolling Stone Magazin ("5/5 Stars") und die ComputerBILD ("Meisterwerk") vergaben beide ebenfalls die Höchstwertung.