Mit gut fünfzig Minuten Spielzeit (Die Bonustracks des Re-Release nicht mit eingerechnet) ist My Arms, Your Hearse das bisher kürzeste Opeth-Album - was nichts daran ändert, dass es eines der größten Meisterwerke ist, die je meine Ohren umschmeichelt haben. Trotzdem haben sich - was ich nicht verstehen kann - mit diesem Album einige alte Fans von der Band abgewandt, da sie hiermit einen gewissen Stilwandel erfahren hat, ohne jedoch etwas von ihrer Genialität einzubüßen; das Gitarrenspiel ist damals generalüberholt worden und klingt seitdem tiefer und einfach anders als auf den ersten beiden Alben. Auch Mikaels Gesangsstimme hat sich stark verändert und klingt jetzt insgesamt viel besser; die Growls sind tiefer und deutlicher artikuliert, während sich die Cleanvocals klarer und mitreißender präsentieren.
My Arms, Your Hearse hat aber nicht nur in der Beziehung eine Sonderposition in der Diskographie von Opeth, sondern auch aus einigen weiteren Gründen: Das Line-Up hat sich geändert, es handelt sich um ein Konzeptalbum und noch dazu ist es noch bis heute das wohl härteste Album, das die Schweden je aufgenommen haben. Die Akustik- und cleanen Passagen kommen lange nicht so häufig vor wie im Nachfolger Still Life, aber wenn sie auftauchen, dann auch richtig. Die Melodien sind dann unübertroffen schön und melancholisch, und man kann die darin steckende Inspiration und Begeisterung deutlich heraushören; der Song „Credence" gehört damit zu den besten Akustiksongs, die ich je gehört habe, und ist zudem ein perfekter Song zum Mitsingen. Der Hauptaspekt dieses Albums - die härteren Riffs - überzeugen dann erst recht auf ganzer Linie; geballte Aggression schließt sehr progressive, komplexe und meist düstere Melodieführungen hier kein einziges Mal aus, und diese Aggression wird niemals bis ins Unangenehme hochgeschraubt, sondern bleibt stets faszinierend. Wie bei allen Opeth-Alben, so macht auch hier der stetige Wechsel von einem Riff zum anderen, dann wieder in eine ruhigere Akustikpassage usw. die perfekte Mischung aus, die das Ganze so unwiderstehlich genial macht. So reagiert man sich zunächst ab, und das auf die genialste Art und Weise, um danach von einem großartigen Übergang in pure, wunderschöne Melancholie überführt zu werden. Fesselnder kann eine Geschichte musikalisch kaum erzählt werden. Zur Geschichte des Konzeptalbums selbst sei an dieser Stelle nichts verraten, die Spannung soll ja schließlich erhalten bleiben.
Auffällig ist die unglaubliche Stimmigkeit unter den Songs; nichts scheint unpassend, nirgends geht die Motivation auch nur ansatzweise in den Keller. Im Gegenteil - Gleich zu Anfang wird die Motivation bereits in ungeahnte Höhen getrieben. Während man noch, begleitet von Regengeräuschen und einem sanften Klavier, den Text des „Prologue" liest (denn selbst die Instrumentals haben auf diesem Album Lyrics), baut sich eine ungeheure Spannung auf; es folgt ein langgezogener Ton von Harmony-Vocals, der dann im ersten und sofort treibenden Riff von „April Ethereal" mündet und die Spannung auflöst. Wenn Mikael dann mit an dieser Stelle etwas Blackmetal-angehauchtem Gesang loslegt, verschlägt es einem glatt den Atem: „And she was swathed in soorroooow...". Derart geniale Übergänge zwischen den Songs ziehen sich durch das gesamte Konzept; wenn man von den Bonustracks absieht, welche man beim Studium des Konzeptalbums ohnehin zunächst außen vor lassen sollte, gibt es auf der ganzen Scheibe nur eine einzige Pause, und die befindet sich vor dem Epilog. Alle anderen Tracks gehen nahtlos ineinander über. Nur an zwei Stellen gestaltet sich das Einsetzen des nächsten Tracks etwas abrupt, nämlich wenn bei „The Amen Corner" bzw. „Credence" das letzte melodische Akustikriff noch nicht ganz ausgeklungen ist und dann plötzlich der nächste Song auf den Hörer einballert; dies fällt aber später, wenn man das Album einigermaßen kennt und sich somit an diesen Stellen nicht mehr halb zu Tode erschreckt, gar nicht mehr auf und kann das Bild ohnehin nicht trüben, zumal mit dieser einen Kleinigkeit die Liste der Kritikpunkte eigentlich auch schon vollendet ist. Ich könnte jetzt noch sagen, dass „Epilogue" ein wenig langatmig ist, da der ganze Song im Prinzip nur aus einer ständig wiederholten Melodie besteht, aber auch das ist nicht weiter schlimm, denn es passt einfach perfekt.
In punkto Aggression, aber auch Melodik, findet der Opeth-Fan auf diesem Album die größten Höhepunkte - Für ihn ist My Arms, Your Hearse absolute Pflicht. Alle anderen Freunde progressiver, düsterer Metalopern dürfen sich dieses Meisterwerk aber ebenso wenig entgehen lassen; Wer hier nicht zugreift, ist selber schuld! Anspieltipps herauszusuchen ist schier unmöglich, da die Songs alle sehr stark in das Konzept eingebunden sind; am besten einfach einmal durchhören. Der Song „Demon Of The Fall" ist noch am ehesten herauszugreifen, da dieser nicht ganz so stark vom Konzept abhängt und auch für sich ziemlich geil ist, allerdings vermag er alleine keineswegs die vielen mannigfaltigen Facetten dieses Albums wiederzugeben. Also: Statt noch groß zu überlegen, sollte man hier besser gleich zugreifen.
Klangqualität: 10/10
Eingängigkeit: 4/10
Innovation: 10/10
Wiederspielwert: 10/10
Stimmigkeit: 9,5/10
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Kaufempfehlung: 10/10