...ist die CD -Mutual Friends- von Boy. Das fällt mir zwar, in meinem fortgeschrittenen Alter, mittlerweile schwer, aber bei Boy passiert es mir nicht zum ersten Mal, dass ich ergriffen zu Boden sinke. Als Valeska Steiner aus Zürich und die Hamburgerin Sonja Glass bei TV-Noir in Berlin auftraten, hat es mich schon(sinnbildlich) zu Boden gestreckt. Eine akustische Delikatesse der ganz besonderen Art wurde da dem Publikum gereicht. Valeska Steiners Stimme, die nicht nur über jeden Zweifel erhaben ist, sondern auf geradezu magische Weise die Moleküle der Theaterluft in musikalische Tonwellen umwandelt, ist ein Teil der hohen Suchtgefahr, die Boy beim Zuhörer verursachen kann. Begleitet von der sachlichen Sonja Glass und mit einem Dutzend qualitativ hervorragender Songs im Gepäck strahlt dieses Duo eine derart hohe Bühnenpräsenz aus, wie ich sie nur selten erlebt habe. Im Nachhinein festzustellen, dass die beiden jungen Damen auch noch bereitwillig Autogramme schrieben und für jeden Zuhörer, der sich ein Autogramm holte, ein paar nette Worte übrig hatten, vervollständigte den absolut positiven Gesamteindruck. Die damals angebotenen EPs waren im Handumdrehen vergriffen und jeder im Saal fragte sich: Kommt da noch was?
Ja...jetzt...endlich! Selten habe ich auf ein Album so sehnsüchtig gewartet, wie auf -Mutual Friends-. Nach den ersten Durchläufen im Player, meine persönliche Meinung: Würde ein arivierter Künstler dieses Album präsentieren; der Rolling Stone brächte vermutlich eine Sonderbeilage heraus. Beim relativ unbekannten Duo Boy ist das nicht zu erwarten, aber wie hat Radio 1 aus Berlin diese Woche, als Steiner und Glass zu Gast waren, es so schön formuliert: "Ein Duo auf dem Weg nach ganz oben!" Ich drücke jedenfalls die Daumen und verweise schon jetzt auf den guten Riecher, den die Berliner Radiomacher in den letzten Jahren hatten.
-Mutual Friends- kommt in einem Guss daher. Aufgebaut rund um Valeska Steiners unverkennbare, saubere und glasklare Stimme, wirbelt ein kleines Heer aus Gitarren, Streichern und Bläsern jeden Song direkt ins Ohr des Hörers. Das ist ein Stück weit Songwriting, Pop und Folk; nie wirklich einzuordnen. Dabei überraschte mich am meisten, dass die Akustikversionen der Songs von den Studioaufnahmen teilweise noch getoppt wurden.
Anspieltipps: -Drive Darling- ist für die Kenner von Boy schon fast ein Klassiker. Live ein Traum, Studiomäßig ein fragiles Kunststück, das einem nicht mehr aus dem Kopf geht. -Army- zeigt alles, was Boy ausmacht. Eine eingängige Melodie mit einem poetischen Text und einer schmal instrumentierten Begleitung. Ein Song, der einen mit seiner ganzen Sanftheit im Sturm erobert. -July- kannte ich bisher nur als Akustikversion. Die "neue" Version ist derart gut gelungen, dass einem die Tränen kommen. Musik ist ja angeblich das emotionalste Medium. Nach dem Anhören von -July-, unterschreibe ich das sofort. Als Clap-Song mit Pianobegleitung geht -Little Numbers- durch. Wenn sich ein eingefahrener Radiomoderator mal trauen würde, dass Ding durch den Äther zu jagen, könnte das tatsächlich ein Hit werden. -Oh Boy- ist die Pop-Perle des Albums. Schnell im Ohr, mit gängigen Beats und einem starken Sound. Als Zugabe gibt es auf der Limited Edition sechs Lieder auf einer Bonus-CD in der Akustik Version. Das kennen Boy-Fans zwar schon, nichtsdestotrotz besteht keine Chance, dass der Bonus Silberling im CD-Schuber verstaubt.
Ja...das ist wieder eine viel zu lange Rezension geworden, ich weiß. Aber das musste einfach raus. Eigentlich müsste ich noch ein paar Sätze zu dem hervorragend gestalteten Booklet und der CD-Aufmachung loswerden und noch mal mitteilen, dass ich mir schon jetzt die Tourneedaten von Boy notiert habe. Wenn man, so wie ich, weiß was einen da erwartet, dann wird man Valeska Steiner und Sonja Glass ganz sicher nicht live verpassen. Falls sie das noch nicht erlebt haben, gibt es von mir, genau so wie für -Mutual Friends-, die gnadenlose, absolute, unwiderrufliche Empfehlung. Schon jetzt viel Spaß dabei!