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Wäre Jesus nicht vor 2000 Jahren, sondern in unserer heutigen Gegenwart geboren, was wäre mit ihm geschehen? Wären ihm auch die Herzen der Armen und Schwachen zugeflogen oder wäre er als harmloser Spinner in einem Heim gelandet? In seinem Roman "Muttersohn" entwirft Martin Walser ein Szenario, in der sich Gottes Sohn zwar in einer Psychiatrie wiederfindet, nicht jedoch als Patient, sondern auf Seiten der Betreuer. Der wunderliche Percy ist Pfleger in einer Anstalt im imaginären Kloster Scherblingen und behauptet felsenfest, keinen leiblichen Vater zu haben: "Fräulein Hedwig gegenüber sprach er es zum ersten Mal aus, dass er keinen Vater hatte. Sie meinte natürlich, er sei ein Halbwaise oder der Vater habe sich davongemacht. Er aber, ohne in einen rechthaberischen Ton zu verfallen: Nein, meine Mutter hat es mir gesagt, dass sie mich geboren habe, ohne dass vorher ein Mann nötig gewesen sei" (19). In der Klinik ist Percy aufgrund seiner besonderen Fähigkeit, mit den Patienten stundenlang schweigend zusammenzusitzen und diese dadurch zum Reden zu bringen, verantwortlich für die besonders schweren Fälle. Doch eines Tages wird er zu einem Patienten geschickt, der ihn wie ein Mysterium durch seine Kindheit begleitet hat: Ewald Kainz, dem seine Mutter Hunderte von Briefen geschrieben hat, ohne diese jemals abgeschickt zu haben Welches Geheimnis verbirgt sich hinter Kainz und was hat er mit Percys Leben zu tun?

Walser gelingt es in "Muttersohn" durchaus überzeugend, in das Leben und vor allem die Abgründe seiner Charaktere einzudringen. Dabei konzentriert sich der Roman auf Fini, Percys Mutter, Ewald Kainz und natürlich Percy selbst. Im Gegensatz zu anderen Büchern Walsers, hat "Muttersohn" jedoch durchaus seine Längen. Percys Predigten oder die Gespräche mit seinem Mentor Professor Feinlein erstrecken sich teilweise über dreißig Seiten und bieten dabei, so scheint mir, nicht mehr als pseudo-intellektuelles Geschwafel auf Kalenderblättchenniveau. Dass Walser es viel besser kann, hat er gerade erst in Das dreizehnte Kapitel bewiesen. Sein Versuch jedoch, eine Art postmoderne Jesusfigur zu erschaffen, ist auf hohem Niveau gescheitert.
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am 20. Oktober 2013
Hauptfigur ist Anton Parzifal Schlugen, genannt Percy, von dem seine Mutter behauptet, zu seiner Zeugung sei kein Mann nötig gewesen. Zu großen Teilen angesiedelt in einem Landeskrankenhaus, handelt das Buch auch vom Verschwimmen der Grenzen zwischen "Normalen" und Verrückten". Aus verschiedenen Erzählfragmenten und Perspektiven muss sich der Leser Percys Geschichte zu großen Teilen selbst erschließen. Wie Walser dabei hilft, das ist große Literatur. Walser hat seinen eigenen Erzählstil, der mir sehr gut gefällt und mich fesselt.

Der Kern des Romans schlägt sich für mich im folgenden Zitat nieder:
"Ich ging immer an einer Wand entlang, die würde aufhören, dann begänne das Leben, die volle Berührung. Das war ein Irrtum. Diese Wand war das Leben."
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am 18. Juli 2011
"Die zeitlichen Dinge entstehen aufgrund ihrer Teilhabe an den ewigen Dingen. Zwischen beiden vermittelt
etwas, das die Wirklichkeiten des Zeitlichen mit der Zeitlosigkeit des Potentiellen verbindet."
(Alfred North Whitehead in: Prozeß und Realität, 1987, S.92)

Martin Walser (1927-) zu lesen ist eine Freude. Sein Opus Magnum seiner alten Tage zeitigt eine Frische, die bedeutend ist. Die Gazetten sind voll des Lobes, und doch gilt: Lesen ist die Ergänzung des Schreibens, die Vollendung jeden Romans liegt beim Leser und damit ist jede Haltung und Kritik von substantieller und zugegeben auch subjektiver Bedeutung. Das Fazit des Rezensenten wird damit vorweggenommen: ein brillanter Walser und ein brillantes Werk.

Nicht von einem Alterswerk kann man sprechen, und doch erscheint es so, wenn man den Autor und sein Alter hinzunimmt. Doch diese Aktualität, die sich Walser annimmt, ist von betonter Ewigkeit und Anerkenntnis geprägt, Anerkenntnis dem Leben zuliebe, diesem Leben zum Trotz, dem Fortleben als Hoffnung. Er stellt sich den Fragen der Bedeutung von Religion, der Bedeutung von Glauben und Lieben. Sind es die Ergänzungen von äußerer und innerer Schönheit, die den Goethe Liebhaber Walser prägen und somit seinen Protagonisten Percy? Ist es sein Reden, von beredter Schönheit und Anmut geprägt, die die Zuhörer ihn feiern lassen? Ist es der Gegensatz von Fülle und Beweglichkeit, die diesen Percy zum Nazarener machen? Oder ist es in der Tat nur seine Mutter, die ihn gebiert, ohne dass ein Vater eine Bedeutung hat? Ohne Flügel, aber ein Engel, so wird dieser Erleuchtete eingeführt in die Umgebung und den Alltag einer psychiatrischen Klinik. Anton Parcival Schlugen, genannt Percy, spendet als Pfleger Trost den Patienten, weil er sich so gibt, als wenn er zur Gruppe gehört. Ein Gleicher unter Gleichen und doch ein Auserwählter. Ihn prägt nicht die manchmal absurde und oft gesellschaftliche Paarbeziehung früherer Walser Romane, sondern vielmehr die intensive spirituelle Begegnung. Letztendlich widmet er sich in all seinem Tun dem Augenblick. Es ist, es wird gut - "Tu autem" sein Schlusswort für all die Dinge, die den letzten Kern der Sache als Gebet begreifen.

Und diese letzten Dinge sind immer unvorbereitet, weil sie in einem sind, zumindest in Percy. Seine Rede ist eine offenbarte Sprache, es spricht aus ihm, wie es Platon im Phaidros so eindrucksvoll schon beschrieb. "Furcht und Ungeduld" sind Percy fremd. Es erinnert an "Die Kunst des Liebens" in dem Erich Fromm schrieb: "Glauben erfordert Mut. Damit ist die Fähigkeit gemeint, ein Risiko einzugehen, und auch die Bereitschaft, Schmerz und Enttäuschung hinzunehmen. Wer Gefahrlosigkeit und Sicherheit als das Wichtigste im Leben ansieht, kann keinen Glauben haben." Und Walser erinnert, auch wenn er es einen Insassen des psychiatrischen Anstalt sagen lässt, an Platon mit den Worten: "Der Mensch kann sein Interesse nur dann zu seinem Wohl wahrnehmen, wenn er zugleich die Interessen seiner Mitmenschen bedenkt."

Glauben und Liebe sind Walsers Botschaften und er verknüpft sie im Text in der Tat zur Trias des Korinther-Briefes, in dem er die Hoffnung hinzufügt. Für ihn und seinem Protagonisten entsteht aus der Dualität der Welt eine Einheit. Glauben und Kunst als Elemente der Soziologie zu begreifen, sind Walsers Prämissen, vielleicht bei Georg Simmel entdeckt. Schopenhauer sagte über die Kunst: "Die Kunst ist immer am Ziele." Simmels Versuch über die Religion und ihre Vergleichbarkeit mit gesellschaftlichen wie künstlerischen Prämissen führt zu dem Schluß, dass im Sinne der individuellen Kunst, die an unterschiedlichen Orten wie Zeiten subjektiv als Vollkommen oder Unvollkommen gelten kann, die individuelle Religion ebenso betrachtet und eingeordnet werden kann. Sie ist somit wie die Kunst immer am Ziel. "Glauben heißt die Welt so schön machen, wie sie nicht ist", lesen wir bei Walser. Nichts anderes macht Kunst und in beiden Fällen entsteht eine Wahrheit, die subjektiv und zufällig wird aus dem Gegebenen, ja nicht einmal Wirklichkeit, sondern nur Vorstellung sein muss, um Glauben zu können. Walsers Roman ist eine Modulation aus Kunst und Religion, eine Bildkomposition aus den Tafelbildern und Reliquien vorheriger Jahrhunderte, die die Vorbilder und ihr Maßstab zugänglich hält.

Welchen Vater hat nun Percy, der, wie seine Mutter sagt, ohne diesen geboren wurde. Walser erzeugt eine jungfräuliche Geburt und erzeugt sich selbst als Vater eines literarischen Geschöpfs. Percy als der neue Jesus, Walser als der große Gott? Entstanden aus einer Klinik, die zuvor ein Kloster war. Augustin Feinlein leitet sie, er wird zu Percys Vater als Angebot, wenn die Mutter nur zustimmt. Aus allem ragt von hoher Bedeutung die Erklärung von Feinlein über "Mein Jenseits". Dieser zuvor als Novelle veröffentlichte Auszug (siehe Rezension des Rezensenten) ist von besonderer Güte. In Summe erzählt Walser hier über die Anziehungskraft des Unerklärlichen und nimmt in gewisser Weise Kafkas Gedanken des Unzerstörbaren in jedem Menschen auf. Trotz aller Vernebelung im Leben, gilt es, das Jenseits im Diesseits zu begreifen. Wir lesen "Muttersohn" als eine fünfte frohe Botschaft aus der Psychiatrie, in der Martin Walser den Dualismus aufhebt und eine Versöhnung einleitet zwischen Wahn und Realität, Religion und Realität und letztendlich den Traum ins Leben einführt. Aber auch kann der Rezensent den Gedanken nicht vernachlässigen, dass Walser nachträglich seinen Sohn (Jakob Augstein), wie Catull einst über die Römer schrieb, emporhebt in die Initiation des Lebens. Ihn damit moralisch und gesellschaftlich freiwillig etabliert als seinen Jakob, entgegengesetzt der biblischen Geschichte, in der Jakob seinem Vater Isaak den Segen gegen seinen Bruder Esau entlockte.

Walser ist heute so alt, wie es einst Sophokles war, als er die Antigone schrieb. Walser gibt dem Leser heute etwas gänzlich Neues, nichts Wiederholendes und deshalb will der Rezensent es nicht ein Alterswerk nennen. Aber das Evangelium vom Bodensee ist einmalig und lesenswert, vielleicht eine privilegierte Erfüllung der Bedürfnisse, die mit der Zeitlosigkeit des Potentiellen in jedem schlummern.
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Martin Walser hat einen Roman geschrieben, in dem das Thema 'Glauben' eine wichtige Rolle spielt, wenn nicht sogar das Leitmotiv ist. Insofern ist es eine Art narrative Predigt. Dennoch wirkt das Buch an keiner Stelle gewollt oder konstruiert. Die Erzählung steht ganz im Vordergrund. Die Personen entfalten ihr Potential in der erzählten Interaktion und im erzählten Gespräch. Die Hauptperson Anton Parzival Schlugen, genannt Percy, ist im Hauptberuf Krankenpfleger, scheint jedoch nicht zum Stammpersonal der psychiatrischen Klinik Scherblingen zu gehören. Er wird vielmehr vom Leiter Augustin Feinlein geholt, wenn es schwierige Fälle zu bearbeiten gilt. Percys Begabung liegt eher auf spirituellem als auf pflegerischem Gebiet. Er pflegt zu predigen. Den Patienten gegenüber gebraucht er die Methode des 'Schwerblinger Schweigens'. Dies Schweigen wird jedoch dahingehend gebrochen, dass er dem ausgewählten Patienten Ewald Kainz seine Lebensgeschichte erzählt, die eigentlich die Geschichte seiner Mutter Josephine ist. Percy ist kein Sohn ihres damaligen Ehemanns, soweit steht fest. Sie ist ohnehin der Meinung, Percy sei ohne Vater auf die Welt gekommen. Ewald seinerseits wird nun ermutigt, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben, doch von Josefine weiß er nichts oder kann bzw. will sich nicht erinnern. Trotzdem sind die Geschichten Ewalds und Percys miteinander verwoben und werden es zusehends. Professor Augustin Feinlein dagegen versteht sich als Ziehvater Percys, seit dem dieser auf der Scherblinger Krankenpflegeschule war. Auch er beschäftigt sich mit Religion, da er sich als virtueller Nachfolger des Abts sieht, da Scherblingen früher ein Kloster war. In vielen Äußerungen Augustin Feinleins und in seiner Niederschrift 'Mein Jenseits' wie in den erzählten Reden und Gesprächen Percys tauchen religiöse Motive auf. Die Erzählung wertet nicht. Sie entfaltet die Religion als Lebensdimension vor dem Hintergrund moderner, säkularer Lebensentwürfe. Obwohl Percy grundsätzlich 'frei' redet, fließen Zitate von Mystikern wie Swedenborg, Nikolaus von Flue und Augustin ein. Biblische Anspielungen werden dagegen selten als solche markiert. Verschiedene religiöse Lebensentwürfe stehen nebeneinander. Einmal sogar hat Percy es sogar mit einer Form von Satanismus zu tun, die aber so nicht bezeichnet wird. Percys Glauben ist nicht mehr der seiner Mutter, die sich 'geleitet' fühlte. Manchmal sagt er, er folge einem Irrlicht oder Gott wohne in einem Dunkel, das zu uns gehört. Er hat nichts dagegen, dass Sinnloses geschieht, weil sich in jedem Geschehen die Heiligkeit des Augenblicks vollzieht. Augustin Feinlein legt dagegen ein eher schon theologisch reflektierten Zugang zur Religion vor, der aber Gott nicht festlegen mag auf das pure 'es gibt'. Die metaphysisch ideologische Gestalt der kirchlichen Religion desavouiert er mittels eines Tricks, der ihn jedoch an den Rand einer kriminellen Handlung bringt. Percys und Augustins Schicksal verknüpfen sich immer enger.
Der Schluss oder das Fazit der Erzählung gehört nicht in den Inhalt einer Rezension. Die Aussagen des Glaubens ließen sich zitieren, wobei zu beachten ist, dass sie im Erzählzusammenhang zu interpretieren sind. Die Formulierungskunst Walsers zeigt sich in diesen weltanschaulichen Aussagen. Wird das Hauptmotiv von Percys Vaterlosigkeit um den Anspruch seine adligen Herkunft ergänzt, ließe sich hier ein Christusmotiv wiederfinden, das jedoch völlig säkular daherkommt und kaum religiös aufgeladen ist. Was bleibt, ist festzustellen, dass es Menschen gibt, die anderen Hoffnung geben und ihnen helfen, selbst zu glauben. So einer war Anton Parzival Schlugen, genannt Percy, erfunden von Martin Walser.
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am 26. März 2013
Wenn ich mir den Text dieses im Roman zitierten Weihnachtsliedes anhöre, bekomme ich eine Idee davon, wie Walser "Muttersohn" gemeint haben könnte. Und anschließend auch gleich das Heulen. Das gebe ich zu.

Wie die Hauptfigur "Percy" auf die Welt gekommen ist ... wir erfahren das ebenso wenig wie Percy selbst. Als Realisten müssen wir annehmenen, dass seine Zeugung unter eher unschönen Bedingungen stattfand.

Und dennoch: Was kann ein Kind eigentlich mehr stärken als das Wissen darum, dass es schon vor der Geburt seiner Mutter nicht nur durch den finsteren Dornwald geholfen hat, sondern dass im Gegenteil überall auch noch Rosen blühten, wo vorher nur Dornen waren. Auch wenn das nur metaphorisch gemeint ist.

Der ein paar Jahre zuvor erschienene Roman "Ein springender Brunnen" gilt als das authenthischte Buch Martin Walsers.

Entsprechend würde ich sagen, "Muttersohn" ist bislang das spitituellste.

Da werden von Augustinus bis Swedenborg jede Menge Mystiker zitiert, dass jeder Philologe seine Freude daran haben dürfte. Mir persönlich war bei den entsprechenden Passagen eher zum Überblättern - aber das ist vermutlich mein eigenes Problem.

Da geht es um den Umgang mit Reliquen und da könnte der Protagonist Percy fast sowas sein wie ein wiedergeborener Jesus. Er ist grundsätzlich gegen nichts, was auf der Welt stattfindet, und wenn er vor Publikum spricht, redet er einfach daher, was ihm grad in den Sinn kommt. Das ist sein Ideal: Dass überhaupt alle Menschen daherreden, wie ihnen grad zumute ist!

Dennoch: Ein moderner Roman wäre kein moderner Roman, wenn der Held nicht gebrochen wäre - auch wenn die Brechung wie in diesem Fall weitestgehend in den Subtext verbannt wird - fast so, als wolle der Autor seinen Helden so wenig als möglich beschädigen. So etwa wusste ich zunächst einmal mit dem "runden Hut" nichts anzufangen, der als Assessoire Percys eingführt wird. Handelt es sich dabei um eine Lederkappe, um eine Art Bowler (zu deutsch: Melone) oder ist die Formulierung nix weiter als eine weltliche Übesetzung für einen Heiligenschein, der ja ebenfalls rund ist.

Ebenso darf es fraglich sein, woher Percys demenzkranke Mutter die Geschichte mit ihrem vermeintlich sechsjährigen Enkel nimmt, der immer noch Windeln trägt.

Martin Walser hat "Muttersohn" all denen gewidmet, die ihm geholfen haben.
Ich hääte gern dazu gehört, auch ohne Widmung.

Oder, um aus einem weiteren Werk Walsers zu zitieren:
"Goethe: August, ich wünschte, ich könnte dir das Trinken abnehmen!"
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In diesem Roman wird die Realität nach den Gesetzen des Denkens und Wünschens geformt, so dass sie wenig überzeugt: Was soll die Geschichte um Ewald Kainz? Noch einmal Emotionen gegen das Berufsverbot in den Siebzigern mobilisieren? Soll einen erschüttern, dass der Mann sich zwischen zwei klasse Frauen nicht entscheiden kann? Oder sollten nur ein paar sexuelle Altersfantasien untergebracht werden? Der Diebstahl der Reliquie: Soll das jemand glauben, überzeugend oder gar spannend finden? Der Aufenthalt der Freunde auf der Insel (!) Rheinau: Das ist zu sehr eine Wunschfantasie von einer Insel der Seligen. Oder Percy selbst: Er soll mit seiner unzeitgemäßen Gläubigkeit ähnlich wie Christus sein. Das klingt mehr nach einem kecken Einfall Walsers als dass die Entwicklung der Gestalt eine innere Glaubwürdigkeit hat. Ihr Ende ist dann mehr nach der Analogie zu Christus konstruiert, überhaupt nicht von innen heraus zwingend. Die Mörder sind Mitglieder einer Rockerbande, die sich dem Hass und dem Egoismus verschrieben haben. Mit den Mitgliedern dieser Bande führt Percy noch kurz vor seinem Tod getragene, bedeutungsvolle Dialoge, wie auf der Bühne.

Überhaupt sprechen besonders die Gleichgesinnten miteinander häufig so etwas wie einen Verschwörercode, immer mal wieder auch Latein oder in Gedichtform wie in einer feierlichen Selbstinszenierung. Die Sätze klingen, wie von Akteuren in Toga gesprochen, oft sentenzen- bis orakelhaft, manchmal scheinbar paradox aber voll philosophischem Tiefsinn, als ob sich die Sprecher bereits für die Nachwelt in Szene setzen. Was soll einem das Ganze?

Man spürt, wie der Autor sich mit den Unzeitgemäßen und Jenseitssüchtigen identifiziert, ihnen seine Liebe schenkt. Da wollen sie eine ganze Bibliothek der unzeitgemäßen Schriftsteller herausgeben. Das sind Leute, die sonst überall in den Verlagen abgelehnt werden, weil sie von existenziellen Erschütterungen und Gotteserfahrungen schreiben - wie Walser ja selbst, (obwohl der keinerlei Schwierigkeiten haben dürfte, gedruckt zu werden). "DIE WELT IST EIN TEXT" (S.107), so heben sie ihr Credo in Großbuchstaben hervor und formulieren damit Walsers eigenes romantisches Programm, dass alles im geistigen Gewebe der Literatur gleichwertig nebeneinander bestehen soll.

Das wäre schön und gut, wenn auch die moderne Zeit mit ihren Errungenschaften angemessen behandelt würde. Das ist aber nicht der Fall. Der Sprecher macht eher Stimmung gegen ihre Vertreter. Dr. Bruderhofer, der ärztliche Leiter der Klinik, der Vertreter der modernen Psychiatrie wird als geltungssüchtiger, engstirniger Karrierist verteufelt, seine Wissenschaft pauschal verunglimpft. Der Professor, Percys väterlicher Freund und Wohltäter, wird von Fußballrowdys erschlagen so wie Percy von den Rockern. Stimmung machen schafft vielleicht ein gutes Gefühl in der Lesergemeinde, aber kaum Erkenntnisse. In schöner romantischer Manier tummelt sich Walser in einer abgehobenen Gottgläubigkeit und Daseinsseligkeit, wie es sie nur in der Legende oder in der Literatur geben kann. Zugegeben, es finden sich auch Gegenstimmen im Roman selbst. Da ist die Patientin Gretel Strauch, die Percy vorwirft, in einer heilen, unglaubwürdigen Welt zu leben. Was geschieht? Er rennt mit ihr so lange im Kreis herum und lässt sie Zitate von Mystikern wie Seuse, Jakob Böhme und Swedenborg nachsprechen, bis sie beide vor Erschöpfung umfallen und in mitgebrachten Schlafsäcken einschlafen. Lustig, ja, aber nicht besonders realistisch und wohl kaum als Gegenentwurf zur modernen Therapie geeignet.

Wie Goethe in den "Wanderjahren" bewegt Walser in seinem Buch eine Menge Personen und Ereignisse, das Geröll seiner Fantasie, aber das Didaktische, die Lebensphilosophie überlagern die Ereignisse und die Realität. Da gibt es eine Menge zum Nachdenken und Beherzigen, aber letztlich bleibt bei mir der Eindruck, dass sich hier ein alt gewordener Schriftsteller mit seinem großen Formuliertalent seine eigene Welt zum Wohl- und Heimischfühlen geschaffen hat, die eher gläubige als kritische Leser braucht.
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am 22. Januar 2012
"Wer es verstehen kann, der verstehe es.Wer aber nicht, der lasse es ungelästert und ungetadelt.Dem habe ich nichts geschrieben.Ich habe für mich geschrieben." Dieses Zitat von Jakob Böhme, welches das 3.Kapitel einleitet, möchte ich vorausschicken. Ich habe viele Walser-Bücher gelesen (nicht alle); ich habe darunter natürlich meine Lieblinge, aber mit dem "Muttersohn" kann ich leider nicht viel anfangen.Die zentrale Figur,Percy, dessen Hauptmerkmal darin besteht, ohne männliche Beihilfe gezeugt worden zu sein (das behauptet zumindest seine Mutter)kommt mir im Laufe der ca.500 Seiten nicht näher; er bleibt irgendwie konstruiert. Gab's da nicht einen Sektenführer -oder sogar mehrere- der dasselbe behauptete und zahlreiche Anhänger fand ? Auch mit den übrigen Figuren des Romans, Percys Mutter,dem Professor Feinlein ,dem Motorradlehrer Ewald Kainz, kann ich mich nicht identifizieren; sie bleiben für mich Figuren im eigentlichen Sinn des Wortes.Das ist bei den anderen Walserromanen nicht der Fall; sogar der Goethe in seinem vorletzten Buch "ein liebender Mann" ist lebensnah und menschlich. Walser hat den "Muttersohn" offensichtlich nicht für mich geschrieben; ich will daher weder lästern noch tadeln, sondern nur meine leise Enttäuschung ausdrücken. Der sehr lange Text kommt mir auch etwas unzusammenhängend und langatmig vor; man kann z.B. das Buch ganz gut weglegen und irgendwann später wieder weiterlesen, ohne den Faden zu verlieren, denn es gibt eigentlich keinen...Was bleibt ? Immerhin der Walser-Stil und einige Grunderkenntnisse; zum Beispiel dass Reliquien nicht echt sein müssen; dass allein der Glaube daran wesentlich ist. Das ist wohl auch das Hauptthema des Buches.
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am 14. März 2013
Seit "Tod eines Kritikers" scheint Walser zu seinen literarischen Anfängen zurückzukehren, in denen er nicht nur als schöpferischer Fortsetzer Kafkas, sondern auch Heinrich Manns überzeugte. "Muttersohn" gehört in diese Reihe. Das Buch ist gleichermaßen stark in seinen lebensfrommen, hymnischen Passagen (sie überwiegen) und in seinen satirischen Anspielungen. Oft ist beides miteinander verbunden, wie in den Predigten Percy von Schlogens, des Muttersohns. Herrlich etwa sein Bild für die sog. kritische Öffentlichkeit und speziell die Kritiker, die er Heruntermacher nennt und als liebesunfähig entlarvt: 2Dass sie durch das Runtermachen anderer sich selber deutlicher werden, ist sicher. Aber dass sie andere heruntermachen, um selber besser dazustehen, darf man nicht sagen. Die Heruntermacher bersten vor Gründen. Lieben braucht keinen Grund. ... Uns geht die Sonne immer auf. Den Heruntermachern geht sie immer unter. Die Heruntermacher würden den, den sie vor unseren Augen heruntermachen, kaum heruntermachen, wenn sie ihm allein am Meer oder in der Wüste begegneten. Das ist unsere Rolle: Das Heruntermachen findet statt, weil wir zuschauen." Wer müsste da nicht an die Schirrmacher & Co. denken ...
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am 15. Juli 2014
Ich habe lange gebraucht um einen roten Faden zu finden. Ich bin jetzt auf Seite 426 und quäle mich immer noch durch. Ich bin mir nicht sicher ob es an mir liegt, weil mein Kurzzeitgedächtnis manchmal zu wünschen übrig lässt, oder ob es anderen Leserinnen und Lesern ähnlich mit dem Buch geht.
Allerdings gibt es einige Erlebnisse, die ich in meinem Leben auch so erlebt habe und die Martin Walser wunderbar in Sprache umsetzt, wo mir die Worte fehlen.

Vermutlich ein Buch für Intelektuelle
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Martin Walsers großes und großartiges Werk schlägt Bögen der literarischen Stile und Stilmöglichkeiten (also erfindet er noch dazu welche?), dass einem oftmals der Atem wegbleibt. Und man wird belohnt durch das, was wir gelungene, recht gelungene Sprache zu nennen belieben. Ja, auch Lyrik wird produziert, dass man Bescheid weiß (weißt Bescheid, Du!). -
Und die Psychatrie wird bemüht, das Leben ist doch immer mal komisch genug für einen Anstaltsvergleich und die sich darin tummeln, die sind alle interessant.-
Liebe und Menschlichkeit, besonders die im Alter, aber nicht nur da, in den Vordergrund rücken,das sind die Botschaften (und die gibt es zuhauf). Und der Glaube wird bemüht.-
Aber in Ruhe und Überlegung steigt das Werk hinauf, fast wie in einem Chanson von Brassens klingt es oft,nämlich sentimental, bäuerlich und dann kommt immer noch der Fingerzeig: aber aufpassen!
Nicht gilt eine kleinliche, eine ängstliche Kritik an diesem Werk, dass der (gottseidank) alternde Schriftsteller nunmehr religiös und gläubig wird (oder immer schon war). Nein, es sind die Gedanken ("die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten!"), die ihm einkommen so beim Spazierengehen etwa in Rom. Natürlich können wir die Kirche Sant`Agostino in Rom herbeigoogeln und uns über das betreffende Bild oder die betreffenden Bilder selbst informieren.
Und die Betrachtung über gemalte Fußsohlen auf einem Caravaggio-Bildnis, einfach superb, genau wie die gelegentlichen Schelmereien, z.B. die mit dem Barfußgehen durch Rom und das Tragen der Schuhe am Schnürbendel dabei, dann noch den verlorenen Hut auf dem Kopf, " das wär`s gewesen", super.-
Martin Walser ist ein Weltautor und er schreibt uns einen Roman in ungeheurer Aufmachung, von dem einzelne Teile als Novellen alle einen Preis verdienen würden. Ein Vergleich mit Hemingway? Vielleicht!-
Und die ungeheure Bildung dieses Mannes, seine Männlichkeit und sein freimütiges Wesen, das interessiert und berührt.
Liebe, Erotik, Leben um des Lebens willen, Bezug auf (innere) Gedanklichkeit, religiöses Abwägen, musikalisches Verständnis und die pädagogisch wertvolle Hinführung oder genaue Betrachtung des Chorsinges, des Singens überhaupt, das alles interessiert. Ob es verstanden wird, angenommen? -
Der durch den großartigen Roman sich ziehende rote Faden der Liebe (zwischen dem Protagonisten und zwei Frauen)ist wunderbar einfühlend beschrieben, hier ist er zuhause, der alte Schwerenöter.
Überhaupt, so scheint es, schlüpft er in einige Figuren seines über 500- Seiten-Werkes.
Auf jeden Fall ist "Muttersohn" ein formales und inhaltliches Meisterwerk, auf das der Autor und wir alle in Deutschland und in der Welt sowieso, stolz sein können. Ein moderner Boccaccio, der uns freundlich und vielfarbig unterhält.
Und es endet doch alles als ein Gedicht wie ein freundlicher Todestanz für Jedermann und jede Frau, angekündigt durch ein kleines Rotkehlchen:"Machdr nüt druus!"
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