"Die zeitlichen Dinge entstehen aufgrund ihrer Teilhabe an den ewigen Dingen. Zwischen beiden vermittelt
etwas, das die Wirklichkeiten des Zeitlichen mit der Zeitlosigkeit des Potentiellen verbindet."
(Alfred North Whitehead in: Prozeß und Realität, 1987, S.92)
Martin Walser (1927-) zu lesen ist eine Freude. Sein Opus Magnum seiner alten Tage zeitigt eine Frische, die bedeutend ist. Die Gazetten sind voll des Lobes, und doch gilt: Lesen ist die Ergänzung des Schreibens, die Vollendung jeden Romans liegt beim Leser und damit ist jede Haltung und Kritik von substantieller und zugegeben auch subjektiver Bedeutung. Das Fazit des Rezensenten wird damit vorweggenommen: ein brillanter Walser und ein brillantes Werk.
Nicht von einem Alterswerk kann man sprechen, und doch erscheint es so, wenn man den Autor und sein Alter hinzunimmt. Doch diese Aktualität, die sich Walser annimmt, ist von betonter Ewigkeit und Anerkenntnis geprägt, Anerkenntnis dem Leben zuliebe, diesem Leben zum Trotz, dem Fortleben als Hoffnung. Er stellt sich den Fragen der Bedeutung von Religion, der Bedeutung von Glauben und Lieben. Sind es die Ergänzungen von äußerer und innerer Schönheit, die den Goethe Liebhaber Walser prägen und somit seinen Protagonisten Percy? Ist es sein Reden, von beredter Schönheit und Anmut geprägt, die die Zuhörer ihn feiern lassen? Ist es der Gegensatz von Fülle und Beweglichkeit, die diesen Percy zum Nazarener machen? Oder ist es in der Tat nur seine Mutter, die ihn gebiert, ohne dass ein Vater eine Bedeutung hat? Ohne Flügel, aber ein Engel, so wird dieser Erleuchtete eingeführt in die Umgebung und den Alltag einer psychiatrischen Klinik. Anton Parcival Schlugen, genannt Percy, spendet als Pfleger Trost den Patienten, weil er sich so gibt, als wenn er zur Gruppe gehört. Ein Gleicher unter Gleichen und doch ein Auserwählter. Ihn prägt nicht die manchmal absurde und oft gesellschaftliche Paarbeziehung früherer Walser Romane, sondern vielmehr die intensive spirituelle Begegnung. Letztendlich widmet er sich in all seinem Tun dem Augenblick. Es ist, es wird gut - "Tu autem" sein Schlusswort für all die Dinge, die den letzten Kern der Sache als Gebet begreifen.
Und diese letzten Dinge sind immer unvorbereitet, weil sie in einem sind, zumindest in Percy. Seine Rede ist eine offenbarte Sprache, es spricht aus ihm, wie es Platon im Phaidros so eindrucksvoll schon beschrieb. "Furcht und Ungeduld" sind Percy fremd. Es erinnert an "Die Kunst des Liebens" in dem Erich Fromm schrieb: "Glauben erfordert Mut. Damit ist die Fähigkeit gemeint, ein Risiko einzugehen, und auch die Bereitschaft, Schmerz und Enttäuschung hinzunehmen. Wer Gefahrlosigkeit und Sicherheit als das Wichtigste im Leben ansieht, kann keinen Glauben haben." Und Walser erinnert, auch wenn er es einen Insassen des psychiatrischen Anstalt sagen lässt, an Platon mit den Worten: "Der Mensch kann sein Interesse nur dann zu seinem Wohl wahrnehmen, wenn er zugleich die Interessen seiner Mitmenschen bedenkt."
Glauben und Liebe sind Walsers Botschaften und er verknüpft sie im Text in der Tat zur Trias des Korinther-Briefes, in dem er die Hoffnung hinzufügt. Für ihn und seinem Protagonisten entsteht aus der Dualität der Welt eine Einheit. Glauben und Kunst als Elemente der Soziologie zu begreifen, sind Walsers Prämissen, vielleicht bei Georg Simmel entdeckt. Schopenhauer sagte über die Kunst: "Die Kunst ist immer am Ziele." Simmels Versuch über die Religion und ihre Vergleichbarkeit mit gesellschaftlichen wie künstlerischen Prämissen führt zu dem Schluß, dass im Sinne der individuellen Kunst, die an unterschiedlichen Orten wie Zeiten subjektiv als Vollkommen oder Unvollkommen gelten kann, die individuelle Religion ebenso betrachtet und eingeordnet werden kann. Sie ist somit wie die Kunst immer am Ziel. "Glauben heißt die Welt so schön machen, wie sie nicht ist", lesen wir bei Walser. Nichts anderes macht Kunst und in beiden Fällen entsteht eine Wahrheit, die subjektiv und zufällig wird aus dem Gegebenen, ja nicht einmal Wirklichkeit, sondern nur Vorstellung sein muss, um Glauben zu können. Walsers Roman ist eine Modulation aus Kunst und Religion, eine Bildkomposition aus den Tafelbildern und Reliquien vorheriger Jahrhunderte, die die Vorbilder und ihr Maßstab zugänglich hält.
Welchen Vater hat nun Percy, der, wie seine Mutter sagt, ohne diesen geboren wurde. Walser erzeugt eine jungfräuliche Geburt und erzeugt sich selbst als Vater eines literarischen Geschöpfs. Percy als der neue Jesus, Walser als der große Gott? Entstanden aus einer Klinik, die zuvor ein Kloster war. Augustin Feinlein leitet sie, er wird zu Percys Vater als Angebot, wenn die Mutter nur zustimmt. Aus allem ragt von hoher Bedeutung die Erklärung von Feinlein über
"Mein Jenseits". Dieser zuvor als Novelle veröffentlichte Auszug (siehe Rezension des Rezensenten) ist von besonderer Güte. In Summe erzählt Walser hier über die Anziehungskraft des Unerklärlichen und nimmt in gewisser Weise Kafkas Gedanken des Unzerstörbaren in jedem Menschen auf. Trotz aller Vernebelung im Leben, gilt es, das Jenseits im Diesseits zu begreifen. Wir lesen "Muttersohn" als eine fünfte frohe Botschaft aus der Psychiatrie, in der Martin Walser den Dualismus aufhebt und eine Versöhnung einleitet zwischen Wahn und Realität, Religion und Realität und letztendlich den Traum ins Leben einführt. Aber auch kann der Rezensent den Gedanken nicht vernachlässigen, dass Walser nachträglich seinen Sohn (Jakob Augstein), wie Catull einst über die Römer schrieb, emporhebt in die Initiation des Lebens. Ihn damit moralisch und gesellschaftlich freiwillig etabliert als seinen Jakob, entgegengesetzt der biblischen Geschichte, in der Jakob seinem Vater Isaak den Segen gegen seinen Bruder Esau entlockte.
Walser ist heute so alt, wie es einst Sophokles war, als er die Antigone schrieb. Walser gibt dem Leser heute etwas gänzlich Neues, nichts Wiederholendes und deshalb will der Rezensent es nicht ein Alterswerk nennen. Aber das Evangelium vom Bodensee ist einmalig und lesenswert, vielleicht eine privilegierte Erfüllung der Bedürfnisse, die mit der Zeitlosigkeit des Potentiellen in jedem schlummern.
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