St. Aubyn führt den Stift wie ein Skalpell. Der so entstandenen messerscharfen Prosa, gibt er auch noch, wie in seinen anderen Büchern (s. meine Rezension "Schlechte Neuigkeiten" vom 8. Dezember 2007) eine Portion rabenschwarzen Humor hinzu. Seine drei bisherigen stark biografisch gefärbten Romane sind im englischsprachigen Raum zu der Trilogie "Some Hope" zusammengefasst.
Mit seinem neuesten Buch "Muttermilch" liefert Edward St. Aubyn wieder ein Meisterwerk ab, in dem er wunderbar bösartig über die Familie schreibt und über die hässlichen Verheerungen die da im Innenverhältnis Tag für Tag entstehen können. Der Protagonist Patrick ist ein von Existenzsorgen gezeichnetes Familienoberhaupt. Seine Frau Mary geht ganz in ihrer Mutterrolle auf. In diesem witzigen Konterfei einer Familie, bei dem es um die Kinder und die Ehe geht, wie die Kinder den Ich-Erzähler emotional auffressen und wie sie geschickt wechselnde Bündnisse schmieden. Wir erfahren auch wie das Sexualleben zwischen Patrick und seiner Frau gestört wird. Aus diesem Stoff, Szenen eines tragikkomischen Lebens, besteht eigentlich die erste Hälfte dieses Dramas.
In der zweiten Hälfte beginnt Patricks schreckliche, im Sterben liegende Mutter, dem armen Familienvater das Leben zur Hölle zu machen. Sie schikaniert ihn, um seine Abhängigkeit von ihr zu erhalten. So droht sie damit, das geliebte Zuhause der Familie einem dubiosen "New-Age-Guru" zu vermachen. Das kommt alles sehr komisch und sehr verzweiflungsvoll herüber. Die schonungslose Darstellung, kongenial wieder mit einer Vielzahl von Metaphern geschmückt, kühl und elegant, in einer fidelen Prosa geschrieben, mit viel hintergründigem englischen Humor, führt dazu, dass der Leser nach der Lektüre nicht fassungslos verloren ist, sondern seine eigene Familie wieder richtig lieben lernt.