Dieser Roman ist eine Offenbarung des Menschen, seines Idealbildes, seines möglichen Strebens und auch seiner Schwächen.
Im Mittelpunkt steht ein Mann, ein Arzt, der seinen Mitmenschen in seiner inneren Entwicklung weit voraus ist. In gewisser Weise stellt die Autorin in diesem Roman das Schicksal des abendländischen Menschen überhaupt vor Augen. Und so kommen keinerlei persönliche Namen vor, was dem Ganzen eine eigentümliche Reinheit und Größe verleiht.
Auf den ersten Seiten entfaltet Mieke Mosmuller Schilderungen, die so reich an innerem Gehalt sind, daß sie schon für sich jeweils wie ein ganzer Roman wirken.
In tief wesenhafter Sprache schildert sie zunächst einen ganz mit dem Naturgeschehen verbundenen Jungen. Die Kräfte der Natur offenbaren sich ihm schließlich in einer wunderschönen Vision, einer Frauengestalt, die ihn später auch zu den ersten Gedankenflügen inspiriert. Heranwachsend verliert der Junge diese Einheit mit der Natur, während sein Denkvermögen sich entfaltet. Dann wird er auf der Durchreise in einem Bergdorf zufällig Zeuge einer Beerdigung und meint in der Verstorbenen das Mädchen zu erkennen, das für ihn bestimmt gewesen wäre. Sophia war ihr Name...
Fortan lenkt er alle Leidenschaft ausschließlich in seine Arbeit. Weit eilt er allen davon in seinen Fähigkeiten, seiner inneren Disziplin, seiner Denkkraft. Nirgendwo begegnet er Menschen, die seine Anforderungen erfüllen. Einsam auch kämpft er für eine moralische Medizin. Doch inmitten aller unbewußten Güte hat er alles außer sich selbst verloren. Immer mehr wird ihm der Tod zum Rätsel und erscheint ihm all sein Wissen selbst wie ein toter Leichnam...
Eine Schicksalsfügung beschenkt ihn mit einem ganz gegensätzlichen Freund: Ein Meister, der niemals die Verbindung zu den Kräften des Lebens verlor, dafür zeitlebens den Verstand als Ursache der Trennung bekämpfte. Es beginnt eine tiefe Geistesfreundschaft, in der jeder den anderen und an ihm sich selbst zu verstehen beginnt.
Fast zeitgleich begegnet der Mann einer jungen Frau. Sie sind füreinander bestimmt, auch wenn sie dies zunächst nicht wissen. Und in welche Bahnen soll der Mann seine Gefühle lenken, die er nie zugelassen hatte?
Als klar wird, daß sich diese beiden Menschen finden, sind kaum mehr als 100 Seiten vergangen. Hier hätte der Roman enden können, doch dann stieg er herab (oder hinauf) zu den eigentlichen zwischenmenschlichen Begegnungen.
Trotz aller innerer Größe des Mannes gibt es noch genug menschliche Schwächen, die sich in der konkreten Begegnung offenbaren und überwunden werden wollen. Und so wird die eigentliche Tiefe des seelischen Weges nun erst sichtbar (und man kann durch jede der handelnden Personen auch viel über die eigenen Schwächen lernen).
Immer deutlicher wird auch die Lebensaufgabe des Mannes: vom Denken aus den Weg zurück zum Wesen der Natur zu finden. Dabei ist ihm gerade jener Freund die größte Hilfe, der zwar die Geheimnisse der Natur kennt, jedoch das le-bendige Denken erst lernen muß.
Die Spiritualisierung des Denkens ist der rote Faden, der immer wieder an die Oberfläche tritt. Den großen Teil des Bu-ches aber macht die Schilderung der Liebe zwischen dem Mann und dem Mädchen aus. Bewegend ist es, wie dieser große Mann seine verbliebenen Schwächen erkennt und nie stehenbleibt; bewegend die Liebe zwischen diesen beiden Menschen, aber auch die Wandlungen anderer Menschen, die diesem leitenden Arzt, seiner Größe und seinen Ansprü-chen, zunächst feindselig gegenüber stehen...