Die Autorin Leland Bardwell ist in Deutschland so gut wie unbekannt. Sie ist Irin, inzwischen ungefähr achtzig Jahre alt, Mutter von sechs Kindern. Sie hat Kurzgeschichten, Hörspiele und auch Romane geschrieben. Ihr neuestes Buch ist im Becks Verlag erschienen.
Es geht in diesem Buch um das glückliche Ehepaar Mc Donald, beide stehen in der Mitte des Lebens. Der Mann Jim ist Archäologe, die Frau Nan ist Konzertpianistin. Sie führen ein harmonisches Eheleben im Nordwesten Irlands. Eines Tages kommt aus heiterem Himmel ein Brief von einem Rechtsanwalt aus England. Und in diesem Brief steht, dass Nan ihr Sohn, den sie zur Adoption frei gegeben hatte, jetzt dreißig Jahre alt ist und dass die Adoptiveltern tödlich verunglückt sind. Dieser Sohn möchte nun seine leibliche Mutter kennen lernen.
Jetzt gerät alles durcheinander, weil Nan ihrem Mann nie von diesem Kind erzählt hat. Die Ehe gerät unter einen fast unerträglichen Druck. Nan hat dieses Kind mit 16 Jahren heimlich zur Welt gebracht und es sofort zur Adoption frei gegeben. Und jetzt fragt sich Jim natürlich zu Recht, wie er 16 Jahre neben seiner Frau leben konnte, die so ein Geheimnis vor ihm hatte und darüber nie mit ihm geredet hat. Das Vertrauen ist mehr als gestört und das Zusammenleben wird auch gestört, denn dieser Sohn reist jetzt an.
Er heißt Charles Henry, ein dreißig jähriger Sohn, der für die Mutter ein Fremder ist - Mutter eines Fremden -, heißt das Buch ja auch. Und Jim sagt mit Recht, eine Frau die weniger mütterliche Gefühle hat als Nan, die muss man auf dieser Welt wirklich suchen. Was macht man jetzt mit diesem Fremden? Und was macht man unter diesen Umständen mit der eigenen fast zerstörten Ehe? Was ist das für ein Theater!!! Und was hat es eigentlich auf sich, mit den angeblichen so genannten Blutbanden?
Mutter und Sohn verstehen sich so wenig, dass sogar die beiden Männer, die doch gar nicht miteinander verwandt sind, harmonischer in der Wohnung sitzen, reden und trinken, als dieser Sohn und diese Mutter miteinander reden können.
Und die Mutter muss sich jetzt mit der Vergangenheit auseinandersetzen, vor der sie dreißig Jahre so gründlich davon gelaufen ist. Das tut sie schließlich auch, aber sie weigert sich Mutter zu sein und Klischeegefühle zu entwickeln.
Leland Bardwell hat mit der "Mutter eines Fremden" einen faszinierenden, psychologischen Eheroman geschrieben, über ein großes Thema. Und wieder erleben wir hier wie ein harmonisches, fest zementiertes Leben durch einen einzigen Brief von einer Minute auf die andere völlig in sich zusammen brechen kann.