Auf einer Zentralbalkanreise im April 2009 konnte ich das am 1. Februar in Skopje eröffnete "Mutter Teresa Haus" besichtigen. Das Monument verbindet es in postmoderner Manier Bauelemente eines osmanischen Bürgerhauses um 1900 mit indischen Bauelementen und einer christlichen Kapelle. Die eklektizistische Bauweise dokumentiert das globale Wirken Mutter Teresas....
....gut zweieinhalb Jahre zuvor hatte die Professorin für Kirchengeschichte und Patrologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Diözese St. Pölten, Dr. Marianne Sammer, in der Reihe C.H. Beck Wissen den Band "Mutter Teresa. Leben, Werk, Spiritualität" veröffentlicht.
Bereits in Ihrem Vorwort lässt die Autorin erkennen, dass sie mit ihrer Mutter Teresa Monographie ein Bild zeichnen möchte, das jenseits von Legenden und hagiographischer Vereinfachungen auf gesicherte Quellen basiert. Sammer weist auch darauf hin, dass sogar Mutter Teresas frömmigkeitsgeschichtliche Einordnung und die theologische Würdigung ihrer Spiritualität der Popularisierung zum Opfer gefallen sind, währen ihr Lebenswerk, insbesondere die Geschichte der zahlreichen, von ihr gegründeten religiösen Gemeinschaften und deren Leistungen wenig erforscht wurden.
Die ersten Seiten widmen sich der Familie Mutter Teresas, die am 27. August 1910 im damaligen osmanischen Üsküp als Agnes Gonxha Bojaxhiu geboren wurde. Mit ihren streng religiösen Eltern und zwei älteren Brüder gehörte sie zur sozialen und religiösen Minderheit der katholischen Albaner. Sie stammt keinesfalls aus einfachen bäuerlichen Verhältnissen, sondern aus großbürgerlichen Verhältnissen, die ihr 1928 das Abitur ermöglichten. Bereits in Jugendjahren pflegte sie Kontakt zum Jesuitenorden und übernahm den Kerngedanken der Heiligen Theresia von Lisieux, durch eigenes körperliches und seelisches Leiden das Leiden Christi zu lindern. Am 26. September 1928 reiste sie über Zagreb und Paris nach Indien, wo sie am 24. Mai 1931 im Orden der "Loreto-Schwestern" ihr erstes zeitliches Gelübde ablegte. Nachdem Schwester Teresa fünfzehn Jahre an der ordenseigenen St.-Mary's High Scholl Mädchen aus den besten kolonialen Kreisen in Religion, Erdkunde, Geschichte und Englisch unterrichtet hatte, wechselte sie an die ebenfalls jesuitennahe Schule der Töchter der Heiligen Anna. Der blaue Sari der Annen-Töchter diente ihr später vermutlich als Vorbild für das Habit ihrer "Missionarinnen der Nächstenliebe".
Der hagiographische Wendepunkt Teresas trat am 10. September 1946 während einer Zugfahrt nach Darjeeling ein, als Teresa beschloss einen neuen Orden zu gründen, um mit ihm zu den Ärmsten der Armen zu gehen. Das zweite Kapitel beschreibt den Aufbau und die spartanische Lebensweise des Ordens der "Missionarinnen der Nächstenliebe", der 1953 die Gründung der Gemeinschaft der kranken und leidenden Mitarbeiter folgt, die jeder Missionarin ein zweites Selbst verlieh. Kapitel drei beschreibt Mutter Teresas langen Weg von Kalkutta nach Oslo, der von einer Vielzahl weiterer Gründungen weltweit und der Verleihung unzähliger Ehrendoktorwürden und Auszeichnung begleitet wird. Im Zeitalter des Kalten Krieges war sie als zeitlose Ikone der Nächstenliebe überall willkommen. Gleichwohl die Verleihung des Friedensnobelpreis in sachlicher Hinsicht einen Konventionsbruch bedeutete und Mutter Teresa in ihrer Preise gegen Abtreibung und nicht-natürliche Empfängnisverhütung predigte und bekannte, keine Sozialarbeit im landläufigen Sinne zu leisten, unterblieb eine kontroverse öffentliche Diskussion um die Preisverleihung. Während sich Kapitel vier mit weiteren Ordensgründungen zu einem "weltweiten Organismus der Liebe" beschäftigt, hat das fünfte Kapitel die "Verehrung von Leid und Elend" als Grunderfahrung von Mutter Teresas Spiritualität zum Gegenstand. "Im Kreuzfeuer der Kritik" lautet die Überschrift des sechsten Kapitels. Kritisiert werden Mutter Teresas Glaube an die göttliche Vorsehung, mit der sie regelmäßige finanzielle Zuwendungen, den Einsatz gespendeter professioneller medizinischer Geräte sowie Schmerz- und Betäubungsmittel verbot und mangelnde krankenschwesterliche Ausbildung und grundlegende Hygienevorschriften unbeachtet ließ. Nach ihrem Verständnis findet dort, wo keine Armut und kein Leid ist, keine Gottesbegegnung und keine Entsühnung statt. Auch der in Kapitel sieben beschriebene Weg zur Heiligsprechung wird durch die Verleihung weitere Preise, aber auch Mutter Teresas Kampagnen gegen Abtreibung, Verhütung und die Emanzipation der Frau begleitet. Zu ihrer, päpstlich bestätigten "Ordnung der Liebe" gehört der "Vorrang des Mannes gegenüber seiner Gattin und deren freiwillige Unterwerfung".
Eine Zeittafel, ein Literaturverzeichnis und ein Personenregister bilden den Abschluss einer realistischen Monographie, die auch bei aller Kritik den Respekt vor einer der herausragenden Frauen des 20. Jahrhunderts nicht vermissen lässt.