Ich habe endlich den neuen Mutschler von April 2008 bekommen. Vorher hatte ich die 5. (?) Auflage von 1991, die sich so langsam in Luft aufloeste, von der Aktualitaet moechte ich garnicht reden.
Für mich persoenlich ist der Mutschler eine unglaubliche Wissensquelle, die Gliederung finde ich persoenlich total nachvollziehbar und intuitiv, und für mich als Mensch, der klinisch Tätig ist, und sich irgendwie auch für Pharmazie interessiert, ist das ein tolles Buch.
Ich muss dazu sagen, dass ich noch kein alternatives Buch gelesen habe, habe aber auch noch nie das Verlangen danach verspuert.
In der aktuellen Ausgabe sind fast alle Medikamente drin, die ich bisher gesucht habe, lediglich ein paar Salben konnte ich nicht finden, wie z.B. Faktu (Nein, Haemorrhoidensalben sind nicht scheißegal!), zu Dexpanthenol z.B. wird lediglich erwähnt, das es gut gegen postoperative Magen-Darmatonie oral gegeben werden kann und lokal zur "Wundheilungsförderung". Wieso wird zu Dexpanthenol nicht, wie zu den meisten anderen Präparaten, die Pharmakogenetik, Nebenwirkung etc. etc. erlaeutert? Komisch.
Was mich sowieso wundert bei der Ausgabe, ist die fehlende Kontinuitaet bei dem Detailgrad der Beschreibungen der Medikamente und den Fremdwörtern. Teilweise werden die schlimmsten Fremdwörter in den Raum geworfen (Ataraxia etc. etc.), die klinisch nun wirklich nicht oft gebraucht werden, auf der anderen Seite steht dann wieder der "Laienbegriff", und auf der naechsten Seite steht dann zum Fremdwort auch noch eine kurze erlaeuterung. Vielleicht sollte man sich in der naechsten Ausgabe mal für eine der drei Varianten entscheiden (vorzugsweise für die letztere).
Was mich viel mehr stört, ist die stiefmütterliche Behandlung mancher Praeparate bzw. ganzer Präparatgruppen. Ich arbeite in der Psychiatrie, meine Hauptabteilung sind also Psychopharmaka. Gerade hier merkt man das alles besonders.
Beispiel Phenothiazine (das sind, grob gesagt, die "klassischen" Neuroleptika). Es gibt ca. 6 Präparatgruppen, erklärt (mit Wirkung, Nebenwirkungen) wird aber nur eine, naemlich die grundsaetzliche Wirkung des "Ur"-Präparats Chlopromazin, das uebrigens garnicht mehr auf dem Markt ist. Alle anderen Präparate sind lediglich mit Handelsnamen aufgeführt. Die Spitze des Eisbergs ist die Erklaerung der Azaphenothiazine: Da steht lediglich (Zitat): "Einziges Medikament aus der A.Gruppe ist Prothipendyl (Dominal (R))." Das wars. Also wie bitte?
Jetzt drängt sich mir die Frage auf, die sich in der Praxis IMMER stellt: WARUM nehme ich Dominal, und nicht z.B. Promethazin? Es muss doch einen Unterschied zwischen den beiden Präparaten geben, sonst haette eins von beiden ja keine Daseinsberechtigung. Und das ist nur ein Beispiel, bei den meisten Neuroleptika und bei den Benzodiazepinen muss man sich mehr zusammenreimen als lesen.
Ich muss natuerlich zugeben, die Medikamente in beiden Arzneimittelgruppen unterscheiden sich jetzt nicht allzu signifikant voneinander von Wirkung/NW. Dennoch sollte man das schon begruenden koennen, wenn ein Patient einem eine solche Frage stellt.
Wie gesagt, die beiden Gruppen sind nur stellvertretend für ein paar andere.
Das bei den Potenzmitteln (Tadalafil, Sildenafil) nicht beschrieben ist, welches die Vorteile der Praeparate sind ist verzeihlich ^^.
Was mir ausserdem aufgefallen ist, um in die im Buch ausfuehrlich beschriebene Pharmakokinetik/Dynamik einzutauchen, braucht man schon ein umfangreiches Anfangswissen über die Biologischen Ablaeufe im Koerper. Ich hätte mir noch eine eindeutige Erklaerung ueber ATP und ATPase gewünscht.
So, jetzt stellt sich die Frage, für wen das Buch geeignet ist?
1. Gruppe: Ärzte i. P.
Für Aerzte ist das Buch meiner Meinung nicht geeignet, da die Präparate wie oben beschrieben nicht unterscheidbar sind. Wie will man das in der Praxis durchsetzen? Man braucht meiner Meinung nach für jedes Fachgebiet noch ein Extrabuch.
2. Gruppe: Medizinstudenten
Ja, da passt das Buch schon eher rein. Um einen Überblick über die einzelnen Präparate und den Wirkmechanismus zu bekommen, und das dann in die Klausuren reinpinseln zu koennen, ist das genau richtig.
3. Gruppe: Krankenpfleger
Für Krankenpfleger ist das Buch, meiner Meinung nach, nur bedingt geeignet. Wenn man sich nicht 100% für Pharmaka interessiert, und nicht viel eigeninitiative leistet, reicht das in der Ausbildung vermittelte Wissen über Pharmaka nicht aus, um das Buch komplett zu verstehen. Ich kenn die ganzen Krankenschwestern die mir sagen "ich sammle immer alle Beipackzettel, so lern ich die Medikamente am besten!". Mit Verlaub, zieht euch eure Wischzettel durch den Hintern und kauft euch den Mutschler, wenn ihr euch für Pharmaka interessiert. Da gibt es wenigstens fundiertes Wissen.
Also, als Fazit: Ich empfehle den Mutschler, für alle, die beruflich mit Pharmaka zu tun haben, aber für alle, die sich spezialisieren, kann ich nur andere Bücher empfehlen.