Neue Zürcher Zeitung
sks. «Ein Lied will ich machen rein aus nichts», sang der Troubadour Guihelm, Graf von Poitiers und Urgrossvater von Heinrich Löwenherz, im 12. Jahrhundert. Er schlug damit ein neues Kapitel in der Geschichte der Poesie auf. Bestimmten auch in früheren Werken der Lyrik Metrum, Mathematik und Musikalität den Fluss der Verse, so trat hier mit der Gematrie ein poetisches Verrätselungssystem auf den Plan, das jedem Buchstaben einen Zahlenwert zuordnete und so einen Subtext von geheimen Botschaften mitlieferte. Dechiffriert man zudem die Silbenkombinatorik nach einem bestimmten Schlüssel, erhält man das Akrostichon: «Wilhelm hat gut gerechnet.» Raoul Schrott ist nicht nur selbst als Dichter ein Meister der lyrischen Form, er ist auch ein Literatur-Detektiv, der mit weltläufigem Sensorium die Ursprünge des Dichtens freilegt. In Lesungen und einem Gespräch mit Hans Magnus Enzensberger werden zentrale Schauplätze der Poesie von ihren Anfängen im 24. Jahrhundert vor Christus bis in unsere Tage besichtigt und in ausgewählten Beispielen zu Gehör gebracht. Auf zwei CD mit einem ausführlichen Textbuch kommentieren die beiden Dichter, angeleitet von Denis Scheck und Hubert Winkels, ihren höchst anregenden Besuch im Hause der Poesie.
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Zwei CDs, die ein langes Interview enthalten, das zwei Rundfunkredakteure mit Raul Schrott und Hans Magnus Enzensberger geführt haben, schält Hans-Herbert Räkel aus bibliophilem Büttenpapier mit etwas Text und viel pompejanischer Wandmalerei. Zunächst spürt man noch das große Wohlwollen des Kritikers gegenüber dem Projekt, das aber bald deutlicher Enttäuschung weicht. So folgt Räkel erst noch willig Schrotts Ausführungen über die "Erfindung der Poesie", ärgert sich dann aber zusehends über die selbstverliebte Oberflächlichkeit und eine zur Stilblüte neigende Geschwätzigkeit des Dichters, dem die Interviewer nichts entgegen zu setzen hätten. Ihre Gesprächsanregungen seien häufig auf dem Niveau von Prüfungsfragen. Auch Enzensberger "der nun wirklich über das Verfassen von Lyrik genug nachgedacht hat" enttäuscht den Rezensenten. Am Ende hält er die schöne Hülle in den Händen und stellt erschüttert fest, dass "Inhalt und Ausdruck ... sooft nicht auf dem Niveau dieser Gestaltung sind".
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