Buch der 1000 Bücher
Mutmaßungen über Jakob
OA 1959 Form Roman Epoche Moderne
Uwe Johnsons erster veröffentlichter Roman ist wegen seiner komplexen Erzählkonstruktion ein schwieriges Buch, das durch seine Thematik (die deutsche Teilung) den jungen Nachkriegsautor und Grenzgänger aus Ostdeutschland sogleich bekannt machte.
Entstehung: Johnsons Mutter arbeitete bei der Reichsbahn als Schaffnerin, dann beim Gütertransport. Nach ihrer Flucht konnte der Sohn weiter in der Güstrower Bahnkantine essen. So lernte er die Arbeitswelt kennen. Nach Schwierigkeiten, erste Romanskripte drucken zu lassen, schrieb Johnson zwischen dem 6.2. und dem 4.12.1958 an dem Buch, das zunächst »Guten Tag, Jakob« heißen und unter dem Pseudonym Joachim Catt erscheinen sollte.
Inhalt: Jakob Abs, 28 Jahre alt, stammt aus Mecklenburg und ist Beamter bei der DDR-Reichsbahn in Dresden. Im November 1956 wird er auf dem Rangiergelände von einer Lok überfahren. Ob sein Tod ein Unfall im Nebel, Selbstmord oder gar von den Behörden geplant war, kann nur Gegenstand von »Mutmaßungen« sein, welche die Vorgeschichte erhellen.
Der fleißige, ruhige, kollegiale, loyale, gegenüber der DDR-Politik vorsichtige und gegenüber Westdeutschland eher skeptische Abs wird von der Spionageabwehr überwacht, seit seine Mutter und seine Freundin Gesine Cresspahl, die nun für die NATO arbeitet, sich in den Westen abgesetzt haben.
Die Handlung ist geprägt von der Halbdurchlässigkeit des Eisernen Vorhangs in der kurzen Tauwetter-Periode, die nach dem Ungarn-Aufstand 1956 Jakob muss als Eisenbahner die sowjetischen Militärtransporte bemerken wieder endet: Gesine besucht ihren Vater Heinrich und Jakob, wobei sie vom Abwehr-Hauptmann Rohlfs unter Druck gesetzt wird. Während er den regimekritischen, in Gesine verliebten Hochschulassistenten Dr. Blach verhaftet, lässt Rohlfs das Paar Cresspahl-Abs an der langen Leine, um beide möglichst ohne Gewalt zu gewinnen (Aktion »Taube auf dem Dach«), so dass Jakob sogar in den Westen reisen kann, von wo er trotz Gesines Liebe freiwillig zurückkehrt und am selben Tag stirbt.
Aufbau: Die mysteriöse, aber unspektakuläre, für die Schwierigkeiten der innerdeutschen Beziehungen, seien sie privat oder politisch, typische Geschichte aus dem gut beobachteten und durch Fachsprache lebendig gemachten Eisenbahneralltag verfährt analytisch und ist keinesfalls linear erzählt. Ähnlich Max R Frischs Figur Stiller muss Jakob Abs von anderen rekonstruiert werden. Daher besteht der größte Teil der fünf Kapitel aus Bruchstücken von Gesprächen zwischen dem Kollegen Jöche und Jonas Blach, zwischen diesem und Gesine, zwischen dieser und Rohlfs sowie aus kursiv gesetzten inneren Monologen, die der Leser in einem Rekonstruktionsspiel Jakobs Kontaktpersonen zuweisen muss. Hinzu kommen Passagen, in denen ein Erzähler den Zusammenhang herstellt, jedoch nicht so, dass am Schluss eine Lösung für den Anfang stünde: »Aber Jakob ist doch immer quer über die Gleise gegangen.« Der Zwang zu »Mutmaßungen« überträgt sich von den beteiligten Personen, die ihre Rolle oder Schuld mitreflektieren, auf die Leser. Die Sprache mit ihren Anklängen plattdeutscher Mündlichkeit charakterisiert in Satzbau und Grammatik die Figuren. Bibelanklänge durchziehen, bei Jakobs Namen beginnend, das Buch und verleihen ihm eine überzeitliche Dimension. Für den Autor war das komplizierte Erzählen kein Formalismus, sondern adäquater Ausdruck der deutschen Verhältnisse
Wirkung: Das Buch, als kritischer Beitrag zur eigenständigen DDR-Literatur konzipiert, erregte Aufsehen, da Johnson bald nach der Veröffentlichung durch den Frankfurter Suhrkamp Verlag in den Westen übersiedelte. Die DDR ignorierte es 20 Jahre lang; allerdings kann man den Roman Der geteilte Himmel (1963) von Christa R Wolf als gezielten Gegenentwurf lesen. Johnson erhielt 1960 für die Mutmaßungen über Jakob den Fontane-Preis.
Pressestimmen
»Ein Schreiben, das für heute relevanter sein könnte, lässt sich kaum vorstellen. ... Sein Werk zeigt, dass es möglich ist, sich zu erinnern, ohne nostalgisch zu werden, sich mit seiner Geschichte auseinanderzusetzen, ohne diese im Nachhinein zu verklären, und zu neuen Ufern aufzubrechen, ohne diese zum Heilsversprechen zu überhöhen.«
(Daniel Schreiber die tageszeitung )»Johnson war kurz vor Erscheinen seines Buches aus Leipzig nach Westberlin übersiedelt. Dieser biografische Einschnitt markiert aufs Genaueste auch den Standpunkt des Romans: Er steht auf der Grenze zwischen zwei Staaten und zwei Machtblöcken, aber er betont auch die Linie zwischen Vergangenheit und erinnernder Gegenwart. Mit formalästhetischer Radikalität und gedanklicher Schärfe hat Uwe Johnson in ›Mutmassungen über Jakob‹ die Frage nach der objektiven Verlässlichkeit der Erinnerung gestellt - und damit zugleich auch ein erkenntniskritisches Gegenprogramm zur ›Blechtrommel‹ geschrieben.«
(Roman Bucheli Neue Zürcher Zeitung )»Uwe Johnsons Debütroman ›Mutmassungen über Jakob‹ war die aufsehenerregende Neuerscheinung des Suhrkamp Verlags zur Frankfurter Buchmesse 1959. Dieser Roman, eine Entdeckung Siegfried Unselds, war der Anteil des Verlags an dem für die deutsche Nachkriegsliteratur so bedeutenden Jahr 1959, das in der Literaturgeschichte als Zäsur gelten kann ... eine[r] der großen Romane des 20. Jahrhunderts, [ein] moderne[r] Klassiker, der auch am Beginn des 21. Jahrhunderts nichts an Aktualität verloren hat.«
(Christian Krepold literaturkritik.de )Kurzbeschreibung
In einer Reihe von Gesprächsfetzen, in denen sich jene Personen zu Wort melden, die dem Protagonisten am nächsten standen, entsteht nach und nach das Bild des verlässlichen und schweigsamen Jakobs. Da sind seine Mutter uns seine Freundin Gesine, die in den Westen geflohen sind, da ist aber auch Hauptmann Rohlfs von der Spionageabwehr der DDR. Es stellt sich heraus, dass der Hauptmann Jakob sogar in den Westen fahren ließ. Doch der kam zurück, enttäuscht vom Leben in der BRD. Sein neues Leben in der DDR jedoch dauerte nur einen einzigen Tag.
Über den Autor
Uwe Johnson wurde am 20. Juli 1934 in Kammin (Pommern), dem heutigen Kamien Pomorski, geboren und starb am 22. oder 23. Februar 1984 in Sheerness-on-Sea. 1945 floh er mit seiner Mutter und seiner Schwester zunächst nach Recknitz, dann nach Güstrow in Mecklenburg. Sein Vater wurde von der Roten Armee interniert und 1948 für tot erklärt. 1953 schrieb er sich an der Universität Leipzig als Germanistikstudent ein und legte sein Diplom über Ernst Barlachs Der gestohlene Mond ab. Bereits während des Studiums begann er mit der Niederschrift des Romans Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953. Er bot ihn 1956 verschiedenen Verlagen der DDR an, die eine Publikation ablehnten. 1957 lehnte auch Peter Suhrkamp die Veröffentlichung ab. Der Roman wurde erst nach dem Tode von Uwe Johnson veröffentlicht. Der erste veröffentlichte Roman von Uwe Johnson ist Mutmassungen über Jakob. Von 1966 – 1968 lebte Uwe Johnson in New York. Das erste Jahr dort arbeitete er als Schulbuch-Lektor, das zweite wurde durch ein Stipendium finanziert. Am 29. Januar 1968 schrieb er in New York die ersten Zeilen der Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl nieder. Deren erste ›Lieferung‹ erschien 1970. Die Teile zwei und drei schlossen sich 1971 und 1973 an. 1974 zog Uwe Johnson nach Sheerness-on Sea in der englischen Grafschaft Kent an der Themsemündung. Dort begann er unter einer Schreibblockade zu leiden, weshalb der letzte Teil der Jahrestage erst 1983 erscheinen konnte. 1979 war Uwe Johnson Gastdozent für Poetik an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt. Ein Jahr später erschienen seine Vorlesungen unter dem Titel Begleitumstände. Sein Nachlass befindet sich im Uwe Johnson-Archiv der Universität Frankfurt.