Aus der Amazon.de-Redaktion
In allen drei Abhandlungen erweist sich Lenz als glänzender Essayist: kenntnisreich, scharfsichtig und stilistisch elegant. Solange es Schriftsteller vom Schlage Siegfried Lenz' gibt, braucht man sich um die Zukunft der Literatur keine Sorgen zu machen. --Christoph Nettersheim
Neue Zürcher Zeitung
Siegfried Lenz' Essays
Auch als Essayist, als Theoretiker ist der grosse deutsche Erzähler Siegfried Lenz auf den reinen Kammerton der Literatur gestimmt, der nichts neben und über sich duldet als das konzentrierte Umblättern der Seiten eines Buches durch einen Leser, der kongenial die Kunst des Lesens beherrscht. Dieser Ton kommt ihm von weit her. Die ersten Erzähler, die «Sänger» der vorhistorischen Zeit, verwalteten das Wissen der Welt und liessen es wandern von Mund zu Mund. Die Gutenberg-Epigonen vervielfältigten ihn und feilten an der Kunst, «etwas durch ein anderes darzustellen», die Moderne entdeckte die medialen Möglichkeiten des Buches als Radioliteratur, Hörbuch oder Bildschirmliteratur, und die nordamerikanischen Realisten des 20. Jahrhunderts orchestrierten diesen Ton schliesslich zur Polyphonie der Metropolen, um mit seiner Hilfe Angelegenheiten der res publica zu erörtern.
So weit, so gut. Doch die drei Aufsätze, in denen Lenz über seine amerikanischen Lieblingsautoren Hemingway, Faulkner und Dos Passos plaudert, «Mutmassungen über die Zukunft der Literatur» jenseits von Gutenberg, E-Book und Netzkultur und über «Das Kunstwerk als Regierungserklärung» anstellt, bringen nichts mutmasslich Neues über die Zukunft der Literatur und passen überdies in ihrer bemühten Programmatik schlecht zusammen. Unglücklich herausgegriffen aus einer Vielzahl von Essays, die Lenz in den letzten zwanzig Jahren veröffentlicht hat, präsentieren sie den unaufgeregten, feinfühligen Erzähler als kulturpessimistischen Moralprediger, der er nie war, als Verteidiger einer spirituellen Macht der Literatur, an die er nie wirklich geglaubt hat, und als Vertreter eines epischen Regionalismus, mit dem seine Erzählungen und Romane nur unzureichend beschrieben wären.
Lenz hat sich selbst bereits in seinem Essayband «Elfenbeinturm und Barrikade» 1983 von der angetragenen Rolle als oberster Geschichtslehrer der deutschen Nation abgewandt. So steht denn zumindest der Aufsatz «Das Kunstwerk als Regierungserklärung» über das ungleiche Verhältnis von Macht und Phantasie, geschrieben 1979, hier am falschen Platz zur falschen Zeit und verstärkt zusammen mit dem Rekurs auf die Altväter der Nachkriegsliteratur, Ernest Hemingway und John Dos Passos, den fatalen Eindruck, es mit einem dieser gefürchteten Grosssaurier einer ausgestorbenen Literaturgattung zu tun zu haben. Dagegen sprechen vorläufig noch Lenz' letzte Veröffentlichungen, der vorzügliche Essayband «Über den Schmerz» von 1998 und der Roman «Arnes Nachlass» von 1999. Der Hoffmann-&-Campe-Verlag hat es zweifellos gut gemeint mit dieser schmalen Ehrengabe zum 75. Geburtstag des Schriftstellers. Aber man kann bekanntlich einen Autor auch zu Tode ehren.
Beatrix Langner
Perlentaucher.de
Dieter Borchmeyer hat eine kleine Hymne geschrieben. Siegfried Lenz ist für ihn der "Gütige, der Weise", auf dessen Essays er auf keinen Fall verzichten möchte. Vielmehr wünscht er sich, dass diese Texte "immer weitere Kreise ziehen", wie ein Stein, den man ins Wasser geworfen hat. Der Leser erfährt, dass Lenz hier in Kurzform die Mediengeschichte der Literatur zeichnet von der mündlichen Übertragung bis zum Computer. Deutlich wird dabei so Borchmeyer , dass das "jeweils neue Medium den Wirkungsbereich der Literatur zwar reduziert", aber dass die Literatur durch die Konkurrenz "stets innerlich gestärkt" wird. Gerade in der Zeit der verkürzten Nachrichten werde die Bedeutung der Literatur nur umso stärker deutlich.
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