Auch wenn Begriffe wie "Führung" und "Führerschaft" in unserem Land, in dem ein despotischer Führer das ganze Volk und Staatswesen in die Irre und letztlich in den Untergang führte, verständlicherweise tief im Unterbewußtsein Unbehagen auslösen, darf man die Notwendigkeit von Führung und Führungs-Persönlichkeiten nicht negieren.
Es ist an uns, diese Begriffe wieder mit ihrer eigentlichen positiven Bedeutung zu besetzen und nicht zuzulassen, daß ein Herr Hitler sie für alle Zeiten vergiftet.
Kein Brite oder Amerikaner, käme bei Erwähnung von Worten wie "leader" oder "leadership" auf etwas Verächtliches, dieser Umstand muß auch für die deutsche Sprache selbstverständlich sein.
Denn Führung ist nötig und dieser Gedanke bildet die Grundlage für dieses Buch von Helmut Schmidt aus dem Jahre 2008. Den wesentlichen Teil des Buches, zu einem guten Drittel etwa, bildet ein Gespräch, daß Ullrich Wickert mit Helmut Schmidt auf der Führungskräfte-Konferenz 2008 der IngDiBa vor einem Auditorium von etwa 350 Mitarbeitern der Bank führte. Es geht um die Notwendigkeit von Führung und ihre unbedingten Voraussetzungen. Mit bestechend klarer Sachlichkeit, legt Schmidt seine Überlegungen dar. Wie für ihn üblich, nimmt er wenig Rücksicht auf Befindlichkeiten und drängt auf Notwendiges und wirbt überzeugend für seine Einsichten.
Jeder Schulleiter wird bestätigen, daß eine Klasse mit einer starken Führungs-Persönlichkeit als Lehrer bessere Ergebnisse in jeder Hinsicht erzielt, als eine Klasse der es an Führung mangelt. Selbiges gilt für Unternehmen jeder Größenordnung. Das sind empirische Selbstverständlichkeiten die niemand in Zweifel ziehen wird.
Selbiges gilt auch uneingeschränkt für das Feld der Politik, wo es aber mit der Einsicht in die Notwendigkeit nicht so gut bestellt ist und, ursächlich zum teil aus oben angeführten Gründen, ideologisch gern ausgeblendet wird.
Helmut Schmidt erläutert einleuchtend die Gefahren zu schwacher Führung. Wichtiger noch, er legt überzeugend dar, daß starke Führerschaft in der Politik (was durchaus auch auf andere gesellschaftliche Ebenen übertragbar ist) nicht ein Aushebeln der Demokratie bedeutet! Auch und gerade in der Demokratie bedarf es Führungs-Persönlichkeiten, die entschlossen für Ihre Überzeugung in das Notwendige für das Allgemeinwohl eintreten. Ansonsten ist Beliebigkeit, Populismus und Opportunismus Tür und Tor geöffnet und führt vorhersehbar ins gesellschaftliche Chaos.
Das Vertrauen in ein hohes Maß moralischer Integrität der Führungs-Person ist unabdingbar, die Demokratie ermöglicht alle vier/fünf Jahre eine personelle Fehlentscheidung zu revidieren. Demokratie bedeutet aber nicht, daß im Laufe einer Legislatur-Periode die Führung in jedmöglicher notwendig werdender Entscheidung danach trachtet den Mehrheits-Willen auszuloten. Das führt zwangsläufig zu opportunistischer Beliebigkeit und verhindert jedes, für nationale und internationale Stabilität und Verläßlichkeit notwendige, Kurshalten.
Über das Wickert-Schmidt-Gespräch hinaus ist "Mut zur Führung" angereichert mit einem Vortrag Helmut Schmidts an der Phillips Universität Marburg aus 2007 mit dem Titel "Vernunft und Verantwortung", sowie einigen Aufsätzen und Laudationes von Kurt Biedenkopf, Angela Merkel, Bernhard Vogel u.a. welche die vorbildlichen Führungs-Qualitäten von Helmut Schmidt schildern und würdigen.
"Mut zur Führung" ist zwar kein Hauptwerk in der umfangreichen Bibliographie von Helmut Schmidt, aber dennoch ein wichtiges Büchlein, daß auf knapp 150 Seiten Schmidts Gedanken zum Thema Führung konzentriert.