Jung sein, schön sein, erfolgreich sein - diese Maxime unserer angeblich so modernen Gesellschaft hat sich erfolgreich in fast jede Menschenseele eingenistet. Die impertinente Werbung, der immer stärkere soziale Druck und vieles andere mehr machen es den Individuen schwer, von diesen Schönheits- und Gesundheitsidealen wirklich unabhängig zu werden. Den meisten hilft auch die Erkenntnis nicht weiter, dass dieser ganze Kult um Jugend und Gesundheit letztlich nichts anderes ist als Todesverdrängung.
Hilfreich sind deshalb für den kritisch und selbstkritisch bleibenden Zeitgenossen Bücher wie das vorliegende von Fulbert Steffensky, einem Theologen, dem es in seinen Büchern gelingt, eine eigene, so vorher schon lange nicht mehr beschriebene Form einer genuin protestantischen Spiritualität zu entwickeln.
In "Mut zur Endlichkeit. Sterben in einer Gesellschaft der Sieger" übersetzt er zunächst alte paulinische Erkenntnis aus dem 8. Kapitel des Römerbriefs in eine moderne Sprache:
"Der Versuch, sein eigener Lebensmeister zu sein, sich selber zu erjagen und sich in der eigenen Hand zu bergen, führt in nichts anderes als in Vergeblichkeit und Zwänge. Der Zwang, sich selber zu gebären und sich durch sich selbst zu rechtfertigen, führt in Verzweiflung und in den Kältetod. Das, wovon wir eigentlich leben, können wir nicht herstellen: nicht die Liebe, nicht die Freundschaft, nicht die Vergebung, nicht die eigene Ganzheit und Unversehrtheit. Man kann sich nicht selbst beabsichtigen, ohne sich zu verfehlen. Man kann sich nicht selbst bezeugen, ohne der Verurteilung zu verfallen. Gnade ist also nicht der Differenzbegriff zwischen dem großen Gott und dem kleinen Menschen. Gnade heißt Befreiung von dem Zwang, sein eigener Hersteller zu sein."
Der alte aber auch der schwerkranke, dem Sterben entgegensehende Mensch "hat seine Stärke verloren. Er kann sich nicht mehr in der eigenen Hand bergen, er muss sich aus der Hand geben. Er ist angewiesen und bedürftig geworden."
Der Glaube daran, dass Gott das Zerbrochene ansieht und den Zersplitterten sich zuneigt, wirkt den gesellschaftlichen Ganzheitszwängen entgegen:
"Wer an Gott glaubt, braucht nicht Gott zu sein und Gott zu spielen. Er muss nicht der Gesündeste, der Stärkste, der Schönste, der Erfolgreichste sein. Er ist nicht gezwungen, völliger Souverän seines eigenen Lebens zu sein. Wo aber der Glaube zerbricht, da ist dem Menschen die nicht zu tragende Last der Verantwortung für die eigene Ganzheit auferlegt."
Und so kommt ein ganz neues Leiden schon in junge und gesunde Menschenleben hinein: Totalitätserwartungen an das Leben, die Liebe und die eigene Leistung programmieren ihr Scheitern. Steffensky plädiert deshalb für sogenannte "Inseln der Deutlichkeit", gebaut und unterhalten von Menschen und Kirchen, die sich als Christen zeigen. "Was sich verbirgt, stirbt." An diesen Inseln könnte sich eine Gesellschaft deutlich werden, die, indem sie den Tod, das Sterben und das Scheitern verdrängt, ihm nur umso mehr Macht zusteht.
Und:
"Der Mensch ist, weil er sich verdankt, das lehrt Paulus in jenem Kapitel des Römerbriefs( Römer 8). Die große Grundfähigkeit des Lebens ist der Dank. Der Dank lehrt uns, das Leben zu lieben."
"Wer weiß, dass er sich verdankt", sagt Steffensky am Ende, "ist des Lebens fähig, vielleicht auch des Sterbens."
Das einzige, was an diesem wunderbaren Buch nicht zu empfehlen ist, ist sein Preis. Es ist nicht nachzuvollziehen, dass sein solches 44- seitiges Heft, kleiner als ein Briefumschlag, 12 Euro kosten soll.