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6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Sophie Scholl in weich gezeichneten Umrissen, 25. Mai 2005
Autor Werner Milstein macht sich auf die Suche nach den Spuren der mutigen jungen Frau Sophie Scholl. Er möchte vor allem junge Menschen erreichen, die nach Orientierung und Sinn fragen. Der Zugang zur Lektüre fällt sehr leicht, denn die Broschüre ist reichlich mit Bildern und Ablichtungen ausgestattet. Mein Eindruck nach der Lektüre: Sophie Scholl wird hier mit Weichzeichner dargestellt. Milstein schreibt: „In der Ulmer Pauluskirche, früher Garnisonskirche, wurde sie konfirmiert." Warum schreibt er nicht: Den unbedingten Drang, nonkonformistisch, kernig und provozierend, aufzutreten, zeigte Sophie Scholl auch bei ihrer Konfirmation am Palmsonntag 1937, als sie als einziges Mädchen ihres Jahrgangs in der braunen BDM-Kluft nach vorne zum Altar der Ulmer Pauluskirche schritt. Auch ihr Bruder Werner erschien in HJ-Uniform zur Konfirmation. Milstein schreibt: „Sophie Scholl war zunächst ein engagiertes Mitglied der Hitlerjugend." Warum schreibt er nicht:Sophie Scholl galt seinerzeit als rigoros und fanatisch. Zeitzeugen berichten, dass sie sich nicht gescheut habe, die Polizei einzusetzen, um ihre Mädchen zum Dienst in der Hitlerjugend zu zwingen. Milstein schreibt: So las Sophie zum Beispiel den Kirchenvater Augustinus, eine schwere Lektüre, wie sie feststellen musste." Warum wird hier nicht O-Ton zitiert, um diese „schwere Lektüre" dem jungen Leser zu veranschaulichen: „Abends, wenn die anderen Witze machen (aus denen ich mich leider nicht ganz herausgehalten habe) lese ich im Augustinus. Ich muß langsam lesen, ich kann mich so schwer konzentrieren. Aber ich lese einmal zu. Auch wenn mir die Lust fehlt." Ein kurzer Textausschnitt aus „Gestalt als Gefüge" kann dem heutigen Leser die Sperrigkeit dieser Diktion vor Augen führen: „Wie Augustinus in die Knie sinkt ‚das also ist Gott nicht, wenn du begriffst; wenn Er es aber ist, hast du nicht begriffen', so betet Newman ‚Wärest Du nicht unbegreiflich, Du wärest nicht Gott, denn wie kann der Unendliche anders für mich sein als unbegreiflich!' Milstein schreibt: „Am Lese- und Diskussionsabend im Freundeskreis wurde heftig darüber debattiert. (...) Das Wissen um den Mord an den Juden ließ ihnen keine Ruhe. Aber was sollten sie tun? Da kamen die Freunde auf den Gedanken, Flugblätter zu drucken." Diese Art der historischen Darstellung ist ungenau. Es waren allein Hans Scholl und Alexander Schmorell, die die ersten vier „Flugblätter der Weissen Rose" verfassten und in geringer Stückzahl verbreiteten. Niemand sonst vom „Freundeskreis" war eingeweiht. Milstein schreibt: „Sophie Scholl wusste sehr früh von den Flugblättern; vermutlich schon, bevor sie nach München kam." Diese Auffassung wird von anderen Historikern so nicht vertreten. Über die Frontfamulatur an der russischen Front schreibt Milstein: „Er (Schmorell, j.k.) zeigte ihnen sein Land, aber sie sahen es eher mit den verklärenden Augen des Schriftstellers Dostojewskij als mit einem nüchternen Blick für die Realitäten. Sie trafen sich mit Russen, tranken, sangen Volkslieder und spielten die Balalaika." Meine Entgegnung: Im Sommer und Herbst 1942 waren Hans Scholl, Alexander Schmorell, Willi Graf, Jürgen Wittenstein und Hubert Furtwängler an die Ostfront abkommandiert. Das Erleben von Zerstörung, Besatzung, sinnlosem Sterben deutscher Soldaten und der Not der Zivilbevölkerung radikalisierte die Gruppe. Ghettos, Todeszüge, totaler Krieg und entfesseltes Herrenmenschentum ließen die Worte in den frühen Flugblättern der Weissen Rose verblassen. Milstein schreibt: „Wie ihr Bruder feierte auch Sophie mit großer Andacht das Abendmahl, dann ging sie aufrecht hinaus." Bei Pfarrer Dr. Karl Alt heißt diese Stelle: „Ohne eine Träne zu vergießen, feierte auch sie das heilige Mahl, bis der Wächter an die Zellentür pochte und sie hinausgeführt wurde." Fazit: Für eine junge Leserschaft ist die vorgestellte Broschüre sicherlich ein geeigneter Einstieg in die faszinierende Welt der „Weissen Rose". Dem Autor Werner Milstein sei anheim gestellt, für die nächste Auflage einige Stellen textlich zu überarbeiten.
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