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Mut statt Wut: Aufbruch in eine neue Demokratie [Broschiert]

Claus Leggewie
2.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
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Kurzbeschreibung

5. Oktober 2011
Die Bürger sind wütend: mangelhaftes Krisenmanagement bei Umweltkatastrophen und Bankencrash oder die selbstherrlichen Entscheidungen der Politik bei Großprojekten wie Stuttgart 21 sorgen für lautstarken Unmut. Die Menschen bezweifeln, dass die gewählten Volksvertreter ihr Handwerk wirklich so viel besser verstehen als jene, die sie gewählt haben.
Claus Leggewie analysiert die Beziehung zwischen der Zivilgesellschaft und den klassischen politischen Institutionen. Er zeigt, worin die Potenziale der "Wutbürger" für Politik und Demokratie bestehen, wie Bürger und Politiker zu neuer Verantwortung finden. Denn auch freiheitliche Gesellschaften stehen vor der Herausforderung, ihre Zukunftsblindheit zu überwinden und ernsthaft Verantwortung für Freiheit und Ökologie wahrzunehmen.
Je demokratischer die Welt wird und je innovativer die bestehenden Demokratien agieren, desto eher werden globale Koope rationen möglich, die Antworten auf die drängenden Fragen finden und kommenden Generation im Süden wie im Norden eine faire Chance guten Lebens bieten.

Wird oft zusammen gekauft

Mut statt Wut: Aufbruch in eine neue Demokratie + Bürgermacht: Eine Streitschrift für mehr Partizipation + Die erregte Republik: Wutbürger und die Macht der Medien
Preis für alle drei: EUR 49,95

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Produktinformation

  • Broschiert: 202 Seiten
  • Verlag: Edition Körber Stiftung (5. Oktober 2011)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3896840843
  • ISBN-13: 978-3896840844
  • Größe und/oder Gewicht: 20,4 x 13 x 1,2 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 2.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 401.975 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

Produktbeschreibungen

Über den Autor

Claus Leggewie ist Professor für Politikwissenschaft, seit 2007 Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen und seit Dezember 2008 Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU). Er hatte Gastprofessuren an den Universitäten Paris-Nanterre und New York inne, erhielt den Ehrendoktortitel der Theologischen Fakultät der Universität Rostock und ist Träger des Universitätspreises der Universität Duisburg-Essen.

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3.0 von 5 Sternen Zu zaghaft, widersprüchlich und inkonsequent 21. März 2012
Von Michael
Die Piratenpartei schreibt in ihrer Präambel, dass die digitale Revolution "die Würde und Freiheit des Menschen in bisher ungeahnter(!) Art und Weise gefährdet. Dies geschieht zudem in einem Tempo, das die gesellschaftliche Meinungsbildung und die staatliche Gesetzgebung ebenso überfordert wie den Einzelnen selbst." Mit einer solchen ungeheuer dynamischen Gefährdung sprechen die Piraten eine Herausforderung an, welche viel grundsätzlicher und noch weit lebensbedrohlicher auch von der Industrialisierung ausgeht. Claus Leggewie macht sich diese Herausforderung mit "Mut statt Wut - Aufbruch in eine neue Demokratie" zum zentralen Thema. Allerdings bleibt er dabei insgesamt viel zu zaghaft, widersprüchlich und inkonsequent:

Die Auswirkungen unserer Lebensweise sind mit der technisch-industriellen Revolution nunmehr als Lebensgrundlagenzerstörung global und bis weit in die Zukunft explodiert; für eine mit den Menschenrechten zu vereinbarende Demokratie bedeutet dies neuerdings vor allem zweierlei:

Zum einen erlangen Menschen in Medien und Universitäten, in Politik, in Industrie oder Kultur und allen sonstigen Institutionen und Organisationen erst mit zunehmendem Alter wirklich an Macht und Einfluss, von deren Auswirkungen sie umgekehrt in ungeahnt(!) krassem Missverhältnis gegenüber jungen und nachkommenden Generationen nur wenig oder überhaupt gar nicht betroffen sind.

Zum anderen ist unser Mitgefühl, unser Gewissen und Rechts- und Unrechtsbewusstsein traditionell und lebensgeschichtlich viel zu sehr fixiert auf enge Ort und Zeiträume und direkte und unmittelbare Zerstörungen und Verbrechen, denn gerade lebensbedrohliche Situationen zu erkennen und abzuwehren, gehört zu den evolutionär ältesten Prägungen. Diese Wahrnehmung und Realisierung steht also als solche ebenso in ungeahnt krassem Missverhältnis zu dem, was unter heutigen Bedingungen für die gesamte Menschheit und nachkommende Generationen die sehr viel größere Lebensgefahr ist; die indirekte und technisch-mittelbare, ungeheure global und nachhaltig gewordene Lebensgrundlagenzerstörung.

Leggewie streift diese neuen Herausforderungen nur sehr ansatzweise und eher sporadisch. "Die zentrale Frage des neuen Gesellschaftsvertrags" sieht er etwa darin, dass "die Bürger" durch ihn angehalten werden, "nach gründlicher Beratung getroffene Mehrheitsentscheidungen verbindlich anzuerkennen und mit ihren unangenehmen Folgen ggf. zu leben." (S. 27) Welche Mehrheitsentscheidungen? und unangenehme Folgen für wen? Die Mehrheit, welche mit der sehr dauerhaften Weichenstellung eines Großprojekts wie dem Stuttgarter Bahnhof und den angehäuften Schulden wird leben müssen, konnte und durfte ja gar nicht abstimmen. Eine "kollektive Verantwortungslosigkeit, die für platte Konsumbedürfnisse den Planeten aufs Spiel setzt" (S. 32), spricht nicht aus, dass dies viel mehr ein mörderisches Verbrechen an Millionen und Milliarden Menschen ist und sein wird. "Im Future zwei zu denken und zu handeln: was wir heute getan haben werden müssen (es sollte wohl heißen: "was wir heute werden getan haben müssen"), damit unsere Kinder und Enkel 2030 oder 2050 ein anderes und besseres Leben führen können." (S. 43) Auch das klingt viel eher nach einem bloßen Appell etwas zu tun und kaum danach, dass wir nach Maßgabe der Menschenrechte verpflichtet sind, alles für das Leben und Überleben nachkommender Generationen zu tun. Ganz so wie wir verpflichtet sind zu Hilfeleistung und straffällig werden bei ihrer Unterlassung, etwa wenn Jemand vor uns auf der Straße verunglückt. "Kumulierte Effekte der Industrialisierung wie Verlust an biologischer Vielfalt und Ausstoß von Giftstoffen können die Lebensgrundlagen künftiger Generationen irreparabel zerstören." (S. 59) Es handelt sich also um ein Tötungsdelikt begangen aus Gier, aus Geiz oder Fahrlässigkeit. Leggewie aber formuliert diese einfache Konsequenz nicht. Was sind die Gründe um "Schädigungen des Erdsystems" (S. 65) zu verhindern? Er nennt wiederum u. a. moralische, nicht aber explizit menschenrechtliche Gründe (S. 68).

In "Fat Cars" erzählt L. zunächst von seiner eigenen, jetzt überwundenen stinknormalen Vergangenheit in automobiler Raserei. "Schweigen" will er gleich darauf "von den Verkehrstoten und Schwerverletzten", die ja auch sonst fast immer einer unerträglichen Missachtung durch die dumme und dreiste Lüge vom Mythos Automobil erliegen (S. 95). Stürzt irgendwo ein Passagierflugzeug ab, so wird es weltweit in den Medien thematisiert, oft wochenlang. Wie auch bei einem Bussunglück oder das ICE-Unglück von Eschede mit 100 Toten. Politiker erscheinen am Unglücksort, die Angehörigen erfahren Anteilnahme und Mitgefühl und eine lang andauernde Debatte über Sicherheitstechnik setzt ein. Das sehr viel höhere Risiko und die sehr viel höheren Opferzahlen durch den Autoverkehr, werden dagegen buchstäblich totgeschwiegen. Auch das ist ein krasses Beispiel dafür, wie sehr Menschen geneigt sind, verstreute und alltäglich gemachte Todesfälle zu übergehen und wie eh und je vor allem nur die Katastrophe zu beachten, welche an einem Ort und Zeitpunkt passiert. Dies archaisch eingebrannte Verhalten verhindert wie kaum etwas anderes eine realistische Wahrnehmung und Reaktion auf die Katastrophe des menschengemachten Klimawandels.

Im Kapitel "8. Reformen", sollen "Freiheitsspielräume und Handlungsoptionen auch künftiger Generationen" bewahrt werden, was aber ist mit dem Grundrecht auf Leben, das endlich mit allem Nachdruck einzufordern und einzuklagen ist, auch(!) für künftige Generationen? Leggewie verweist hier eher nebenbei auf weiterzuentwickelnde "ökologische Grundrechte", auf den Artikel 20a des Grundgesetzes und die Forderung nach einem Klimaschutzgesetz (S. 144, 145), bleibt aber angesichts der zerstörten Lebensgrundlage von so vielen Menschen weit hinter der erforderlichen Deutlichkeit und Schwerpunktsetzung zurück: Er führt im folgenden die Aarhus-Konvention der Vereinten Nationen an mit ihrer Forderung nach "umfassender und kontinuierlicher Beteiligung von Betroffenen und Öffentlichkeit" bei Großprojekten (S. 148), versäumt aber auch hier zu ergänzen, dass die Mehrheit der wirklich betroffenen sich ja gar nicht beteiligen kann und darf (s. o.). Im Abschnitt "Zukunftskammern" ist schon bemerkenswert, dass die Interessen von Menschen Beachtung finden, auch wenn diese sich fern von jeder Nation befinden und "noch nicht wahlberechtigte oder noch nicht geborene Wähler" erwähnt werden, "deren Lebensbedingungen durch aktuell getroffene (Nicht-)Entscheidungen erheblich beeinflusst sein werden". Das ist schon recht deutlich formuliert, aber viel zu vereinzelt und selten, es fehlt die griffig formulierte Konsequenz. Stattdessen schreibt L. im letzten Satz des Kapitels schwammig "vom Bereich politischer Willensbildung und Endscheidungsfindung, wo Umwelt- und Technologiekonflikte eine größere Bedeutung bekommen" (sollen?!). Auch gegen Ende seine Buches holt L. sein Versäumnis an Deutlichkeit und Konsequenz nicht ein. Wenn er mal nachdrücklich "die Schutz- und Entwicklungsinteressen der Menschheit auf die Tagesordnung setzen und Sanktions- Kontrollmöglichkeiten schärfen" will, so taucht auch dies nur zu vereinzelt auf und geht zu sehr unter etwa in langen und ermüdenden Ausschweifungen über "Facebook-Demokratie".

"Demokratie ist ein grenzüberschreitendes Projekt." Gerade als letzter Satz kommt dieser so sperrig und dehnbar daher. Griffig und konsequent zu formulieren, was er mit "Aufbruch in eine neue Demokratie" meint, ist mit "Mut statt Wut" meiner Ansicht nach nicht eingelöst. Ich bin dennoch und gerade deswegen zuversichtlich, dass das Buch und meine Kritik an ihm dazu beitragen kann eine Diskussion voranzutreiben, die zu der Verantwortung und Umsetzung führt, welche wir den Menschen weltweit und nachkommenden Generationen schuldig sind. Ich bezweifle nicht, dass diese auch uns hier und jetzt insgesamt nur Vorteil und Gewinn bringen wird.
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3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Große Transformation? Nein danke! 25. April 2012
Von Tartaruga
Von Amazon bestätigter Kauf
Claus Leggewie geht es um eine "große Transformation" (129). Mit diesem von Karl Polany entlehnten, nichtsdestotrotz etwas an Nordkorea erinnernden Begriff meint er vor allem "Selbstbeschränkung". Menschen müssten ihre "Wünsche erster Ordnung" zu zähmen lernen. Ziel sei Konsumverzicht. Solche heute "möglicherweise als Verzicht wahrgenommenen Beschränkungen" seien notwendig zum Wohl der künftigen Gesellschaften und Generationen (80). Die erste Welt solle "ihre Industrieproduktion, ihre Konsummuster und Lebensstile tiefgreifend umstellen". Die armen Länder sollten von vorherein einen anderen Entwicklungsweg einschlagen. Wie der aussehen soll, wird allerdings nicht weiter ausgeführt (58). Es geht also um nichts weniger als einen "fundamentalen Wandel" (58).
Konsumverzicht ist für Leggewie aber nicht wirklicher Verzicht. Er bedeutet höhere Lebensqualität. Er macht dies am Autofahren deutlich. In einer ergreifenden Saulus/ Paulus Geschichte schildert er uns seinen Abschied vom Auto. Öl- und Gummigeruch habe ihn in Verzückung gesetzt. Er sei zu Formel 1 - Wettbewerben "gepilgert" (94). Schön wär's. In Wahrheit ist er höchstwahrscheinlich in einer wahren Spritschleuder dorthin gefahren. Er berichtet uns von "rasender Fahrt auf einer wenig befahrenen nächtlichen Autobahn". Mit den Eltern habe er in einem grasgrünen Käfer die Grenzen nach Holland und Frankreich überquert, ein Gefühl unendlicher Freiheit. Doch vorbei. Nun habe er sein Auto vor zwei Jahren verkauft und verzichte auf Fahrten mit Autos anderer Leute. Auch das Rauchen habe er sich abgewöhnt. Allerdings - die Schilderung seiner Autoleidenschaft fällt recht emotional aus. Der folgende "nüchterne und selbstreflektive Bericht über eine erfolgreiche individuelle Entwöhnung" (94) gerät dagegen etwas zu lang. Mobilitätsbeschränkung koste nicht Freiheit, erfahren wir, sondern werde "Lebensqualität schenken". (95) Das klingt danach, als habe der Verfasser in einer heimlichen Garage noch einen Jaguar stehen, in dessen Handschuhfach einige Havannas bereit liegen. Es würde ihn sympathisch machen. Denn soviel politische Korrektheit auf einmal ist schlicht unerträglich.
Die Bürgerschaft solle "weit mehr als üblich an Entscheidungen beteiligt werden". Das heißt für ihn aber nur "erweiterte Information, Beteiligung und Rechtsschutz" (146). Etwas Substanzielles ist das nicht. Zwar ist im Buch viel von Bürgergesellschaft und Bürgerbeteiligung die Rede, die Forderung nach Volksentscheiden fehlt aber. Zwar mag er einen "begrenzten Gewinn" von Volksentscheiden nicht völlig ausschließen, "wenn parlamentarische und plebiszitäre Gesetzgebung Hand in Hand gehen", was immer das heißen soll (158). Es überwiegt aber beim ihm die Angst vor "populistischen Querschüssen" und dem "Durchmarsch tyrannischer Minderheiten" (155). Kalifornien sei pleite, wegen Volksentscheiden. Auch aus der Schweiz kämen sehr kritische Stimmen (154). All dies ist sehr vage und (vorsichtig gesprochen) sehr umstritten. Es wird schwer werden, einen einzigen Schweizer zu finden, der die direkte Demokratie abschaffen will. Und in Kalifornien gab es schon Volksentscheide, als der Staat noch einen Haushaltüberschuss auswies. Aber Leggewie ahnt zu Recht, dass die von ihm geforderte Wende zum bescheidenen Leben in den politischen Gremien mehr Freunde hat als in der Bevölkerung selbst. Deswegen möchte er zwar die mittelschichtslastigen Bürgerbeteiligungsverfahren und Bürgerdialoge ausbauen, echte Entscheidungsbefugnisse den "bedingungslos konsumbereiten Massen" (81) aber lieber nicht geben.
Stattdessen fordert Leggewie eine "Selbstreformierung des Parteiwesens" (133). Er hofft darauf, dass sich seine Vorstellungen im Parlament durchsetzen, wenn die starre Koalitions- und Fraktionsdisziplin durchbrochen werde (139). Seine Sympathien gehören eher Schwarz/ Grün als Rot/Grün. Denn: "Rot/Grün, nach Lage der Dinge vermutlich nur unter Einschluss der ... Linken möglich, würde wohlmöglich Rückzugsgefechte gegen den Untergang des europäischen Wohlfahrtsstaates führen". (136) Erstaunliche Worte eines Autors, der als Mitherausgeber einer marxistisch geprägten politischen Fachzeitschrift fungiert. Aber im Sinne seiner Logik durchaus folgerichtig. Konsumverzicht ist mit den Linken schwer zu machen.
Zwar will Leggewie einen freiwilligen Wandel. Er wünscht sich einen neuen "virtuellen Gesellschaftsvertrag." Dieser sei "irgendwelchen autoritären Neigungen abhold". (146) Wer dem Autor Neigungen zur Ökodiktatur unterstelle, verstehe nichts von Demokratie. Der Wandel solle nicht durch eine Ökodiktatur geschehen, sondern durch "gute Argumente" bewirkt werden. Freilich bleibt er an diesem Punkt unklar und es hält sich der Verdacht, dass er der Freiwilligkeit durchaus nachhelfen möchte. So heißt es recht unscharf: "Die wesentlichen Mittel sind ... Argumente" (67). Es gibt also noch andere Mittel. Weiter unten meint er: "Eingriffe in Freiheiten sind nur zulässig, wenn Gefahren im Verzug sind..." Nun ist freilich bekannt, dass für Leggewie und seine Mitstreiter stets Gefahren im Verzug sind. So müsse heute "weltweit eine politische Kurskorrektur stattfinden, um in punkto Klimawandel immense Schäden abwenden zu können."(58) Klimawandel und Ausstoß von Giftstoffen" habe ein derartiges Ausmaß angenommen, dass sie eventuell die Lebensgrundlagen künftiger Generationen irreparabel zerstören"(59). Wenn das keine Gefahren sind! An anderer Stelle sagt er: "Die Errungenschaften der individuellen Autonomie muss man mit ...Solidaritätspflichten verbinden, die aus...dem nachvollziehbaren Postulat der Nachhaltigkeit herrühren." (62) So ganz freiwillig scheint es für ihn doch nicht zur gehen.
Wie sehr unser Autor auf Zwang und Bevormundung setzt, wird allerdings erst klar, wenn er Beispiele anführt. Mindestens dreimal im Buch erwähnt er das Rauchverbot als gutes Beispiel für Verzicht (63,80,94). Nun setzt dieses Verbot grade nicht auf Freiwilligkeit und Überzeugung, sondern ist besonders in den angelsächsischen Ländern, wo das Rauchen überall verboten ist und sogar bei Einstellungen und Vermietungen oft totale Tabakabstinenz zur Pflicht gemacht wird, ein Beispiel für klassische autoritäre Politik. Ein weiteres Beispiel für positive nachhaltige Politik, das der Autor nennt, ist die Schuldenbremse (63, 80, 86). Auch hier reibt man sich die Augen. Die Bevölkerung wurde zu staatlicher Sparpolitik nie befragt. Bei Wahlen fand sie abgesehen von den Linken nur Parteien auf dem Stimmzettel, die sie befürworten. Die Schuldenbremse, die die keynsianische Wirtschaftspolitik der siebziger Jahre unmöglich macht, wurde sogar in die Verfassung gesetzt, so dass auch künftige eventuell andere Mehrheiten ohne weiteres daran nichts ändern können. International soll sie jetzt allen Europäern aufgezwungen werden, in dem die Regierungen einen nie mehr kündbaren Vertrag schließen (sog. Fiskalpakt). Denkbar, dass das Verfassungsgericht diesem undemokratischen Vorgehen einen Riegel vorschiebt. Noch ein Beispiel: Auf Seite 99 bezieht sich der Autor positiv auf die Theorie vom "ökologischen Fußabdruck", nach der jedem Erdenbewohner ein bestimmter Betrag an Co2 Ausstoß jährlich zugestanden wird. Eine Horrorvision, deren Umsetzung eine vollständige Kontrolle des Energieverbrauchs und damit des Verhaltens der Bürger voraussetzt.
Leggewies ganze Argumentation beruht auf der Prämisse einer drohenden Klimakatastrophe. Wir sehen uns "Herausforderungen planetarischer Art" gegenüber (191). Geht's nicht ein bisschen kleiner? Hier wäre weniger ausnahmeweise tatsächlich mehr. Die Temperaturen steigen seit mehr als zehn Jahren nicht mehr. Der seit dem Mittelalter zu beobachtende Anstieg des Meeresspiegels verlangsamt sich und wird sich wohl bis Ende des Jahrhunderts auf bescheidene 30cm belaufen. Nicht zufällig wenden sich immer mehr Staaten vom Weltklimarat ab. Auch in Deutschland wird die politische Debatte kritischer. Es wird jetzt offen über die Thesen des Klimarats diskutiert, während bis vor kurzem jede Kritik noch als Gotteslästerung behandelt wurde ("Klimaleugner"). Von einer drohenden weltweiten Katastrophe zu sprechen, ist maßlos übertrieben. Für notwendige Anpassungsmaßnahmen braucht man keine "große Transformation".
Doch Leggewie sieht sich zu Recht mit seinen Ideen im Mainstream. Zweifellos ist grünes Gedankengut aus einer Minderheitsecke herausgerückt und zumindest in der politischen Klasse und der intellektuellen Mittelschicht inzwischen die dominierende Ideologie. Freilich folgt auf den Aufstieg zum Mainstream meist der Niedergang, der sich zunächst in wachsender Kritik bei gesellschaftlichen Minderheiten andeutet. Es scheint so, dass dieser Prozess beginnt. Der Aufstieg der Piratenpartei ist ein Beispiel dafür. Das innovative Potential der Ökologiebewegung ist in der Tat verbraucht. Das merkt man auch am Buch. Bei allem Respekt vor dem berühmten Autor: Alles kommt einem bekannt vor. Und bombastische Sprache sowie der ausufernde Gebrauch von Modeworten ermüdet eher als das er überzeugt. Insofern hat Leggewie Recht, wenn er meint, von drohender Ökodiktatur zu sprechen, sei lächerlich. Einige seiner Mitstreiter möchten wohl schon gerne. Aber sie werden es angesichts wachsender Kritik am grünen Mainstream nicht schaffen. Lesen Sie weiter... ›
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