Gebraucht kaufen
Gebraucht - Gut Informationen anzeigen
Preis: EUR 4,77

oder
Loggen Sie sich ein, um 1-Click® einzuschalten.
 
   
Möchten Sie verkaufen? Hier verkaufen
Mut zu Reformen: 50 Denkanstöße für die Wirtschaftspolitik
 
Größeres Bild
 
Den Verlag informieren!
Ich möchte dieses Buch auf dem Kindle lesen.

Sie haben keinen Kindle? Hier kaufen oder eine gratis Kindle Lese-App herunterladen.

Mut zu Reformen: 50 Denkanstöße für die Wirtschaftspolitik [Taschenbuch]

Hans-Werner Sinn
2.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)

Erhältlich bei diesen Anbietern.


‹  Zurück zur Artikelübersicht

Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

50 Denkanstöße für die Wirtschaftspolitik:

Der Autor des Bestsellers "Ist Deutschland noch zu retten?" stellt hier fünfzig "Standpunkte" zur Wirtschaftspolitik vor, die seine Reformideen für unser Land umreißen. Dabei handelt es sich um kurze, fundierte Kommentare zu aktuellen Themen. Thema für Thema arbeitet er daran, den Reformstau in Deutschland aufzulösen.

Der Autor eröffnet mit seinen "Standpunkten" dem Leser einen ersten Einstieg in ein aktuelles wirtschaftspolitisches Thema und entwickelt für viele Menschen nützliche, wenn auch nicht immer angenehme Denkanstöße. Die "Standpunkte" beziehen sich auf die wichtigsten volkswirtschaftlichen Themen, die den Autor in den letzten fünf Jahren bewegt haben. "Mut zu Reformen" beginnt jedoch mit seiner "Deutschen Rede". Sie bündelt gleichsam seine Ideen, Erkenntnisse und Vorschläge und bietet einen weit gezogenen Orientierungsrahmen für die danach folgenden "Standpunkte".

Über den Autor

Der Autor Hans-Werner Sinn ist Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 1999 ist er zudem Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung in München. Von 1997 bis 2000 war er Vorsitzender des Vereins für Socialpolitik, des traditionsreichen Fachverbandes der deutschsprachigen Volkswirte.

Auszug aus Mut zu Reformen. 50 Denkanstöße für die Wirtschaftspolitik. von Hans-Werner Sinn. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Basar-Ökonomie*

Auch wenn der Konjunkturaufschwung jetzt kommt: Die Umwälzungen der deutschen Industrielandschaft, die seit etwa Mitte der neunziger Jahre zu beobachten sind, werden weiterhin in bedrohlichem Ausmaß voran schreiten. Outsourcing und Offshoring bleiben die Methoden zur Überwindung der Standortschwäche. Schon des Längeren hat sich die deutsche Großindustrie in Asien engagiert, um von den niedrigen Lohnkosten zu profitieren und die Weltmärkte von dort aus bedienen zu können. Nun folgt der deutsche Mittelstand mit einem Engagement in Osteuropa. Nach Asien hat sich der Mittelstand nicht gewagt, aber nach Osteuropa traut er sich schon, denn die Rüstkosten eines Engagements sind dort sehr viel niedriger. Osteuropa bietet ebenfalls sehr niedrige Löhne, liegt aber vor der deutschen Haustür und gehört dem gleichen Kulturkreis an wie wir. Außerdem ist die Transformationskrise der ehemals kommunistischen Länder überwunden, es wurden stabile Rechtssysteme geschaffen, und ein Großteil der Länder wird schon in wenigen Monaten zur EU gehören.

Die Liste der Firmen, die nach Osteuropa gehen, ist lang und liest sich wie das Who is Who des deutschen Mittelstands. Knapp 60% der vom Institut der deutschen Wirtschaft befragten Unternehmen mit weniger als 5.000 Beschäftigten haben bereits Standorte außerhalb der EU-Länder errichtet. Die Firmen brechen ihre Zelte in Deutschland zwar nicht zur Gänze ab, denn ihre weltweite Kundschaft wollen sie weiterhin aus Deutschland bedienen. Aber sie verlagern immer größere Teile ihrer Vorproduktkette nach Osteuropa. Entweder investieren sie dort selbst, oder sie kaufen die Vorprodukte bei anderen Finnen, die sich dort niedergelassen haben.

Die Niedriglöhne der Osteuropäer sind zu verlockend, als dass man ihnen widerstehen könnte, zumal viele Konkurrenten in Asien und anderen Teilen der Welt noch niedrigere Löhne zahlen. Die Spannweite der Stundenlohnkosten der Industriearbeiter der Beitrittsländer reicht von einem Fünftel (Tschechien) bis zu einem Zehntel (Lettland) der westdeutschen Werte. Polen als das bei weitem größte Land wartet mit Stundenlohnkosten auf, die bei nur etwa einem Viertel der ostdeutschen und weniger als einem Sechstel der westdeutschen Lohnkosten liegen.

An den Lohnunterschieden wird sich auch so schnell nichts ändern. Selbst wenn man mit jährlich zwei Prozent das Doppelte der in den letzten Jahrzehnten in Westeuropa beobachtbaren Konvergenzgeschwindigkeit unterstellt, werden die polnischen Stundenlohnkosten für Industriearbeiter im Jahr 2010 erst beit bei einem Drittel und auch im Jahr 2020 noch unter der Hälfte der westdeutschen Lohnkosten liegen. Sie werden im Jahr 2020 nicht einmal da stehen, wo die spanischen Löhne beim Beitritt Spaniens in die EU standen. Kein Wunder, dass deutsche Unternehmen auf dem Wege der Standortverlagerung die Möglichkeiten der Kostensenkung ausreizen.

Nach einer Untersuchung der Bundesbank hatten sie bereits bis zum Jahr 2000 nicht weniger als 2,4 Millionen Arbeitsplätze im Ausland geschaffen. Unternehmen, die das Spiel nicht mitmachen, riskieren den Untergang. Noch immer geht die Zahl der deutschen Konkurse von einem Rekord zum nächsten. In Deutschland gibt es heute dreimal so viele Konkurse wie vor zehn Jahren und fünfmal so viele wie vor 25 Jahren. Wegen der Konkurse sind die deutschen Großbanken in eine schwere Krise geraten, aus der sie nur mühsam wieder herausfinden.

Wie massiv der Anreiz ist, der deutschen Standortkrise durch Outsourcing und Offshoring zu entgehen, zeigt sich auch sehr deutlich anhand der Industriestatistik. Um das Jahr 1995 gab es einen unverkennbaren Trendbruch bei der Entwicklung der Fertigungstiefe, der zu einem deutlichen Auseinanderdriften von Industrieproduktion und Wertschöpfung führte. Zwar ist die deutsche Industrieproduktion von 1995 bis zum Jahr 2003 um gut 18% gestiegen, doch nahm die reale Wertschöpfung in der deutschen Industrie in der gleichen Zeitspanne nur um 4% zu. Der Wertanteil der deutschen Industrieproduktion, der auf die Industrie selbst entfällt, wird immer kleiner, und es ist vor allem der rasch wachsende Vorleistungsimport aus dem Ausland, der die inländische Wertschöpfung verdrängt. Nur ein Fünftel der Verringerung der Fertigungstiefe der deutschen Industrie ist auf ein inländisches Outsourcing zu anderen Sektoren zurückzuführen. Vier Fünftel werden hingegen durch eine Produktionsverlagerung ins Ausland erklärt.

Dies wirft schiefes Licht auf die Wettbewerbs- und Exportfähigkeit der deutschen Wirtschaft, denn man muss offenbar zwischen der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie und der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Arbeitnehmer unterscheiden. Zwar gelingt es den deutschen Unternehmen, dank des osteuropäischen Hinterlandes auf den Weltmärkten wettbewerbsfähig zu bleiben, doch die deutschen Arbeitnehmer haben ihre Wettbewerbsfähigkeit großenteils bereits verloren. Die Industriebeschäftigung ging im betrachteten Zeitraum um gut 8% zurück, ohne dass im Dienstleistungsgewerbe oder anderswo die zum Ausgleich benötigten neuen Arbeitsplätze entstanden sind. Insgesamt sind viereinhalb Millionen Deutsche im Jahr 2003 arbeitslos. Viereinhalb Millionen Deutsche sind nicht mehr wettbewerbsfähig.

Auch die Exporte der deutschen Industrie sind kein Maßstab für die Wettbewerbsfähigkeit mehr. Dank des Outsourcing nach Osteuropa kann die deutsche Industrie zwar nach wie vor mit ihren Produkten auf den Weltmärkten glänzen, und die Exportstatistiken können stolze Zahlen aufweisen. Der Audi, dessen Motor in Ungarn gefertigt wird, geht mit seinem vollen Wert in die deutsche Exportstatistik ein. Das „Made in Germany" wird aber mehr und mehr zu einem Etikettenschwindel. In Deutschland findet noch die Endmontage statt. Die werthaltigen Teile kommen indes mehr und mehr aus Osteuropa.

Deutschland entwickelt sich in Richtung einer Basar-Ökonomie, die die Welt mit preisgünstigen und hochwertigen Waren bedient, die gar nicht mehr hier zu Lande produziert worden sind.

* Erschienen unter dem Titel "4,5 Millionen Verlierer", Die Zeit, 22. Dezember 2003.

‹  Zurück zur Artikelübersicht