Die bisher hier angezeigten Rezensionen werden dem Buch "Mustererkennung" von William Gibson in keinster Weise gerecht. Weder sind die Charaktere flach, noch die Story langatmig, noch der Stil angestrengt. Das Buch ist, wenn mann Gibsons Werke kennt, die logische Fortsetzung (Neuromancer-Zyklus - ferne Zukunft; Bridge-Zyklus - mittlere Zukunft, Pattern Recogn. - nächste Zukunft).
Wenn Cayce immer müde ist, liegt das daran, dass sie in nur etwas mehr als zwei Wochen drei oder vier Transatlantik-Langstreckenflüge absolvieren muss. Wen ihre Müdigkeit stört, der möge einfach auch mal so fliegen. Wäre sie von Gibson nicht als müde dargestellt worden, kämen hier Kommentare wie "Wie kann Cayce eigentlich nach so vielen Flügen noch so fit sein?!?"...
Wenn soviele Modelabels und Neu-Sprech-Begriffe vorkommen, dann passiert das, weil sich Cayce im Metier von Mode und Marketing bewegt - dieser Stil gehört schlicht zur Charakterbeschreibung von Cayce. Wie sie denkt und was sie sieht, liest der Leser auch in der für sie typischen Sprache - man überlege nur einmal, wie sich die Gespräche von Medizinern oder IT'lern anhören, wenn diese "unter sich" sind. Abgesehen davon haben wir jetzt 2005 - jeder, der sich geistig noch nicht in unserer modernen Informationsgesellschaft befindet (die eben teilweise so spricht), der soll bitte einfach keine Bücher von Gibson lesen, geschweige denn rezensieren.
Wie auch immer - wieder einmal hat Gibson bewiesen, wie visionär er 2001/2002 denken kann: Cayces Mutter, die die Stimmen von Toten auf Tonbändern hört (das Thema ist grade super-trendig), Guerilla-Marketing (siehe Puma-Sperma-Pics), Internet-Foren, Blogs, digitale Wasserzeichen, Dot-Com-Crash, etc, pp.
Wer aufmerksam liest, wird viele Sachen bemerken, die Gibson 2001/2002 beschrieben hat und die JETZT Trends setzen und Fakt sind.
Dass viele hier ein eher negatives Bild des Werkes aufzeichnen, liegt evtl. daran, dass sie es nicht im Orginal auf Englisch gelesen haben. Die Deutsche Übersetzung ist in meinen Augen das Allerletzte: "Asian Sluts" wird bspw. zu "Verdorbene Asien-Girls" übersetzt, obwohl es sich um eine URL (Internet-Adresse) handelt...solche massiven Schnitzer gibt es fast auf jeder Seite. Die Übersetzung (von Cornelia Holfelder-von der Tann und Christa Schuenke) ist unter aller Sau, obwohl das Buch eigentlich auch Frauen anspricht. Selbst ich, der ich kein ausgebildeter Übersetzer bin, würde das Klassen besser hinbekommen (welcher Verlag hat Interesse an einer Gratis-Übersetzung?).
Das englische Orginal ist sicherlich nichts für Englisch-Anfänger, da sehr anspruchsvoll ("It is that flat and spectral non−hour, awash in limbic tides, brainstem stirring fitfully, flashing inappropriate reptilian demands for sex, food, sedation, all of the above, and none really an option now."). Aber für Leute, die des Öfteren englisch zum Spass lesen, ein absoluter Genuss.
Generell muss man sich einfach auf Gibson einlassen, sonst wird man an keinem seiner Bücher tiefere Freude verspüren. Wenn man sich einlässt, verreist man in eine Welt, die so real ist wie keine andere Scheinwelt. Die Story ist spannend bis zur letzten Seite, sofern man geistig flexibel genug ist zu akzeptieren, dass der Protagonist einen AppleCube+Internet und keine Schreibmaschine+Briefpost mehr zur Kommunikation benutzt.
Viel Spaß allen anderen beim Lesen des besten 2003 erschienenen ScienceFiction-Werkes!