Kurzbeschreibung
Jeder Mensch verfügt über ein ganz persönliches Profil, das sein gesamtes Denken strukturiert, seine Erinnerung formt und sie in ganz bestimmter Weise mit der Gegenwart verknüpft. Was in unseren Köpfen wirklich vor sich geht, bleibt uns jedoch meist verborgen. Wir wissen nicht, warum wir denken, was wir denken, und warum wir gerade so denken und nicht anders. Dieses Buch hilft, sich selbst beim Denken zu beobachten, sich neue Fragen zu stellen und zu den Grundlagen des eigenen Denkens vorzudringen.
Über den Autor
Friedhelm Schwarz ist Wirtschaftsautor und Experte für das Thema Machtkonzentration in Politik und Wirtschaft.Friedhelm Schwarz ist Wirtschaftsautor und Experte für das Thema Machtkonzentration in Politik und Wirtschaft.
Auszug aus Muster im Kopf. Warum wir denken, was wir denken von Friedhelm Schwarz. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Einleitung: Weshalb es notwendig ist, über das Denken immer wieder
neu nachzudenken:
Deutschland steht heute vor dem größten gesellschaftlichen
Veränderungsprozess seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Der
Nationalsozialismus, der Krieg, die Flucht aus dem Osten Europas, die
Teilung des Landes, das «Wirtschaftswunder» im Westen und der «real
existierende Sozialismus» im Osten haben jedoch in den vergangenen 70
Jahren tiefe Spuren in den Köpfen der deutschen Bevölkerung hinterlassen.
Und auch die Wiedervereinigung Deutschlands ist in den Gefühlen und im
Verhalten der Menschen noch lange nicht abgeschlossen.
Daran erkennt man, dass die Veränderung realer Verhältnisse viel schneller
stattfinden als ihre gedankliche Verarbeitung. Ganz offensichtlich
existieren bestimmte Denkmuster , die von großer Dauer sind und sich weder
beliebig löschen noch einfach durch veränderte Lebensumstände korrigieren
lassen. Der erst eingeleitete umfassende Umbau der ökonomischen und
sozialen Strukturen und Prozesse erschüttert die Gesellschaft deshalb schon
jetzt bis in ihre Fundamente.
Was angegriffen wird, sind die materiellen Rahmenbedingungen (deren
Bedeutung in keiner Weise unterschätzt werden soll). Was die Menschen
jedoch erleben, ist ein Angriff auf ihre Identität . Die Welt existiert nur
als subjektives Erleben und Abbild der Wirklichkeit im Kopf eines jeden
Einzelnen und hat oft genug nur wenig mit den Bildern gemeinsam, die in den
Köpfen anderer Menschen existieren.
Schon gar nicht, wenn es die Köpfe von Politikern sind. Doch bei den
jetzigen Veränderungen handelt es sich nur um leichte Vorbeben. Die großen
Veränderungen stehen uns noch bevor. Weniger Arbeit, niedrigere Löhne,
Rückbau des Sozialstaats, mehr ältere Menschen, sinkender Wohlstand, die
Aufspaltung der Gesellschaft in mehr Arme und mehr Reiche sowie die
Bewältigung klimatischer Veränderungen sind nur einige der
Herausforderungen der nahen Zukunft.
Von den meisten Menschen wird vor diesem Hintergrund schon jetzt die
Bereitschaft und Fähigkeit erwartet, die bestehenden und lange Zeit als gut
befundenen Verhältnisse konstruktiv zu zerstören und durch neue zu
ersetzen. Sie müssen radikal umdenken . Dadurch bieten sich sicherlich neue
Chancen, aber noch gravierender ist der damit verbundene Verzicht auf
Sicherheit und einfache Orientierung. Die über Jahrzehnte hinaus
ausgebildeten Denkgewohnheiten müssen angepasst, verändert oder ganz
aufgegeben werden. Aber ist das ohne weiteres möglich? Wird nicht etwas
gefordert, was unmöglich ist? Reicht es und funktioniert es, rein rational
mit Statistiken und Prognosen ein Umdenken zu verlangen? Lassen sich so
bestehende Denkmuster ersetzen?
Dass dies ohne erhebliche Komplikationen und Widerstände geschehen wird,
erscheint höchst fraglich. Die Meinungsumfragen deuten schon jetzt eher auf
das Gegenteil hin und bestätigen die Erkenntnis, dass die Menschen weder
bereit noch in der Lage sind, Gewohntes aufzugeben, auch wenn dies
vernünftigerweise geboten scheint. Die Denkmuster sind viel zu tief im Kopf
verankert und fest miteinander verbunden.
Wenn ich in diesem Buch gelegentlich davon spreche, dass wir alle mit
unserem Denken in einem goldenen Käfig gefangen sind, dann meine ich damit
nicht die materiellen Vorteile und Wohltaten, die uns der Sozialstaat alter
Prägung geboten hat, sondern die Strukturen, die unser Denken und damit
auch unser Handeln bestimmen. Jeder Mensch ist einerseits stark durch das
Gestern geprägt - «wir sind Vergangenheit», wie Daniel Schacter sagt -,
aber andererseits auch durch die Hoffnungen und Erwartungen , die er an das
Morgen richtet. Es ist also notwendig, über das Denken des einzelnen
Menschen nachzudenken, um zu erkennen, wo die Grenzen des
gesellschaftlichen Wandels liegen, was uns blockiert und wie wir uns neue
Chancen eröffnen können.
Es sind vor allem die «schwarzen Gedanken», die ständig in unserem Kopf
herumschwirren, die uns blockieren, und nicht die äußeren Ereignisse an
sich, diagnostizierte die «Frankfurter Allgemeine Zeitung». Man
konzentriert sich nicht auf das Problem und seine Lösung, sondern auf die
antizipierten negativen Folgen, auf die Angst zu versagen. «Es ist die
subjektive Bewertung einer schwierigen Situation und nicht die objektive
Gefahr oder Belastung, die ausschlaggebend dafür ist, welche Reaktionen
zunächst im Gehirn und nachfolgend auch im Körper in Gang gesetzt werden.
Schon die Vorstellung, ein Problem nicht bewältigen zu können, führt dazu,
dass man sich dem Geschehen resigniert überlässt», sagt der Göttinger
Hirnforscher Professor Gerald Hüther. «Dann schaltet das Gehirn auf
Notfall, aktiviert das Stress-System und wirft die alten, einfachen
Notfallprogramme an: Angriff, Flucht oder - wenn beides nicht geht -
Erstarrung. Aber jeder, der in Gedanken noch einen Funken Zuversicht in
sich trägt, bleibt von diesem fatalen Absturz in archaische
Notfallreaktionen verschont.»
Ein viel zitiertes Beispiel für eine solche Situation ist das eines
kalifornischen Eisenbahnarbeiters. Als er Fracht in einem Kühlcontainer
kontrollieren sollte, schlossen sich die Türen und er war gefangen. Man
fand ihn bei Schichtende tot im Container. An die Wände hatte er
geschrieben: «Niemand hat meine Hilferufe gehört. Meine Hände und Füße
werden immer kälter. Ich weiß nicht, wie lange ich das noch aushalte.»
Dabei war das Kühlaggregat dieses Containers defekt, die Temperatur im
Inneren lag nur geringfügig unter der durchaus angenehmen und keineswegs
lebensbedrohenden Außentemperatur und es war auch genügend Sauerstoff im
Container vorhanden. Es waren also nicht die äußeren Umstände, die den Mann
getötet haben, sondern allein seine Gedanken, die Interpretation seiner
Situation, die dazu führten, dass er sich aufgab und starb.
«Gedanken können Mut- und Energielieferanten sein oder beides in einem
Menschen auslöschen», zitiert die FAZ eine Züricher Beraterin. Es liege bei
jedem Einzelnen selbst, zu entscheiden, welche Gedanken er durch seinen
Kopf gehen lässt, das heißt, ob er sich «schwarzen Gedanken» hingibt oder
mit Zukunftsmut ans Werk geht. Nur ist es schwer und manchmal sogar
unmöglich, diese Gedanken zu korrigieren, weil sie aus ganz persönlichen
Mustern bestehen, die wie das Netz unter einem Trapezkünstler solide
verankert sind und jeden möglichen Absturz sicher auffangen sollen. Das
Netz, das gegen Risiken ab sichern soll, wird also in bestimmten Fällen
selbst zum Risiko.
Die Muster, die ein Mensch in seinem Kopf trägt, sind in der Regel
zumindest für ihn selbst in sich stimmig oder werden von ihm im
Zweifelsfall stimmig gemacht. Sollte das nicht der Fall sein, wird er
seelisch und/oder körperlich krank. Die Zunahme psychosomatischer
Erkrankungen in unserer Gesellschaft ist ein deutliches Zeichen dafür, dass
die Muster in den Köpfen längst nicht mehr so realitätsnah sind, wie wir es
uns wünschen.
In meinem Buch «Wenn das Reptil ins Lenkrad greift» habe ich untersucht,
weshalb Gesellschaft , Wirtschaft und Politik nicht den Regeln der Vernunft
gehorchen. Dabei bestätigte sich, dass Entscheidungen überwiegend nicht im
Bewusstsein getroffen werden, sondern «aufquellen», wie es der deutsche
Nobelpreisträger Reinhard Selten formulierte. Innere Einflüsse wie Gefühle
, Emotionen , Erfahrungen , aber auch das vorhandene implizite und
explizite Wissen spielen bei Entscheidungen fast immer die größte Rolle.
Hinzu kommt auch die Situation, in der sich der Entscheider befindet.
Fakten haben hingegen in der Regel weniger Gewicht. Sie werden, so der
Hirnforscher Manfred Spitzer , später mit «Bedeutungssoße » übergossen, um
sie der Entscheidung anzupassen. Es ist also tatsächlich so, dass wir
überwiegend nicht rational mit dem Bewusstsein zu neuen Entscheidungen
gelangen, sondern dass die überwiegende Denkarbeit hinter verschlossenen
Türen unbewusst erfolgt. Dieses Ergebnis polarisierte die Leser, was zu
erwarten war. Die einen fanden nun durch wissenschaftliche Tatsachen
bestätigt, was sie schon immer gefühlt und geahnt hatten, die anderen sahen
sich als Ausnahme. Für sie hatte dieser «psychologische Firlefanz» keine
Geltung. Also entschloss ich mich, noch einmal tiefer zu graben und die
Frage zu stellen: «Warum denken wir, was wir denken?». Auch wenn die
biologische Ausstattung die vorhandenen Talente , die Erfahrungen , die
Erinnerungen , das Wissen und das Können jedes Menschen zu einem einmaligen
Exemplar machen und deshalb das Denken ebenso einmalig ist - nicht einmal
eineiige Zwillinge , die körperlich nicht zu unterscheiden sind, denken in
jeder Situation jeweils das Gleiche -, muss es doch Regeln geben, die für
das Denken und damit auch für das Handeln aller Menschen in gleicher Weise
Gültigkeit haben.
Der Mensch ist nicht nur ein Individuum, das sich von anderen
unterscheidet, sondern er ist, von Ausnahmen wie Robinson Crusoe abgesehen,
auch immer Teil einer Gemeinschaft, mag sie nun so klein sein wie die eines
noch unentdeckten Stammes in den Urwäldern Südamerikas oder so
weltumspannend wie bei dem von Bob Geldof initiierten «Live Çi»-Konzert
gegen die Armut in Afrika. Um erfolgreich Teil einer Gemeinschaft zu sein,
muss der Mensch in seinem Denken auf andere Fähigkeiten, Eigenschaften und
Strukturen zurückgreifen können als in Momenten, wo er, wie zum Beispiel
Albert Einstein , einmalige Gedankenexperimente durchführt, die ihn zu
neuen Ideen und Problemlösungen führen. Allerdings müssen für beide Fälle
Ressourcen vorhanden sein, die nicht nur materieller Natur sind, also
Nervenzellen und ihre Verbindungen, sondern auch inhaltlicher, also
geistiger Natur.
Die moderne Hirnforschung versucht beides zu ergründen.
Praktisch täglich werden weltweit neue Ergebnisse vorgelegt, und doch
wissen wir heute weniger über das Gehirn, als wir noch vor ein paar
Jahrzehnten zu wissen glaubten, wie es der Hirnforscher Wolf Singer in
einem Gespräch mit der «Zeit» formulierte. Es ist schier unmöglich, alle
vorliegenden Fakten zu berücksichtigen, in Einklang zu bringen und
miteinander in Beziehung zu setzen. Um zu gesicherten Erkenntnissen zu
gelangen, muss sich die Forschung auf streng abgegrenzte Fragen,
Problemfelder und einzelne Details konzentrieren. Dieses Buch beabsichtigt
jedoch das genaue Gegenteil. Es versucht, die Konturen nachzuzeichnen, die
sich aus der Gesamtheit der verschiedenen Forschungszweige, die sich mit
der Funktion des menschlichen Gehirns beschäftigen - von der Neurobiologie
bis zur Soziologie -, für das Alltagsleben in Form von Denkmuster n
ergeben. Ich lege deshalb die verschiedenen Teile eines Puzzles, die
zueinander passen, zusammen und versuche zu erkennen, wie das fertige Bild
wohl aussehen könnte.
Die Erwartungen der Öffentlichkeit an die Hirnforschung sind groß, manchmal
zu groß. Besonders von den modernen bildgebenden Verfahren erhofft man sich
Ergebnisse, die oft nur schwer oder gar nicht einzulösen sind. Sie sollen
möglichst nicht nur zeigen, wo und bei welcher Gelegenheit im Gehirn
Denkvorgänge stattfinden, sondern sie sollen auch noch erklären, was in
bestimmten Momenten
gedacht wird.
Auch hier arbeitet man sich Schritt für Schritt vor und glaubt sogar schon
an der Funktionsweise des Gehirns erkennen zu können, ob ein Mensch lügt
oder nicht. Die einzige Frage, die sich auf diesem Wege jedoch noch nicht
erschließt, ist: «Warum lügt er?» Diese Warum-Frage: «Warum denken wir, was
wir denken?» lässt sich zumindest zurzeit nicht aus einzelnen Details
heraus beantworten, sondern nur durch einen interdisziplinären Blick auf
das Ganze.
neu nachzudenken:
Deutschland steht heute vor dem größten gesellschaftlichen
Veränderungsprozess seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Der
Nationalsozialismus, der Krieg, die Flucht aus dem Osten Europas, die
Teilung des Landes, das «Wirtschaftswunder» im Westen und der «real
existierende Sozialismus» im Osten haben jedoch in den vergangenen 70
Jahren tiefe Spuren in den Köpfen der deutschen Bevölkerung hinterlassen.
Und auch die Wiedervereinigung Deutschlands ist in den Gefühlen und im
Verhalten der Menschen noch lange nicht abgeschlossen.
Daran erkennt man, dass die Veränderung realer Verhältnisse viel schneller
stattfinden als ihre gedankliche Verarbeitung. Ganz offensichtlich
existieren bestimmte Denkmuster , die von großer Dauer sind und sich weder
beliebig löschen noch einfach durch veränderte Lebensumstände korrigieren
lassen. Der erst eingeleitete umfassende Umbau der ökonomischen und
sozialen Strukturen und Prozesse erschüttert die Gesellschaft deshalb schon
jetzt bis in ihre Fundamente.
Was angegriffen wird, sind die materiellen Rahmenbedingungen (deren
Bedeutung in keiner Weise unterschätzt werden soll). Was die Menschen
jedoch erleben, ist ein Angriff auf ihre Identität . Die Welt existiert nur
als subjektives Erleben und Abbild der Wirklichkeit im Kopf eines jeden
Einzelnen und hat oft genug nur wenig mit den Bildern gemeinsam, die in den
Köpfen anderer Menschen existieren.
Schon gar nicht, wenn es die Köpfe von Politikern sind. Doch bei den
jetzigen Veränderungen handelt es sich nur um leichte Vorbeben. Die großen
Veränderungen stehen uns noch bevor. Weniger Arbeit, niedrigere Löhne,
Rückbau des Sozialstaats, mehr ältere Menschen, sinkender Wohlstand, die
Aufspaltung der Gesellschaft in mehr Arme und mehr Reiche sowie die
Bewältigung klimatischer Veränderungen sind nur einige der
Herausforderungen der nahen Zukunft.
Von den meisten Menschen wird vor diesem Hintergrund schon jetzt die
Bereitschaft und Fähigkeit erwartet, die bestehenden und lange Zeit als gut
befundenen Verhältnisse konstruktiv zu zerstören und durch neue zu
ersetzen. Sie müssen radikal umdenken . Dadurch bieten sich sicherlich neue
Chancen, aber noch gravierender ist der damit verbundene Verzicht auf
Sicherheit und einfache Orientierung. Die über Jahrzehnte hinaus
ausgebildeten Denkgewohnheiten müssen angepasst, verändert oder ganz
aufgegeben werden. Aber ist das ohne weiteres möglich? Wird nicht etwas
gefordert, was unmöglich ist? Reicht es und funktioniert es, rein rational
mit Statistiken und Prognosen ein Umdenken zu verlangen? Lassen sich so
bestehende Denkmuster ersetzen?
Dass dies ohne erhebliche Komplikationen und Widerstände geschehen wird,
erscheint höchst fraglich. Die Meinungsumfragen deuten schon jetzt eher auf
das Gegenteil hin und bestätigen die Erkenntnis, dass die Menschen weder
bereit noch in der Lage sind, Gewohntes aufzugeben, auch wenn dies
vernünftigerweise geboten scheint. Die Denkmuster sind viel zu tief im Kopf
verankert und fest miteinander verbunden.
Wenn ich in diesem Buch gelegentlich davon spreche, dass wir alle mit
unserem Denken in einem goldenen Käfig gefangen sind, dann meine ich damit
nicht die materiellen Vorteile und Wohltaten, die uns der Sozialstaat alter
Prägung geboten hat, sondern die Strukturen, die unser Denken und damit
auch unser Handeln bestimmen. Jeder Mensch ist einerseits stark durch das
Gestern geprägt - «wir sind Vergangenheit», wie Daniel Schacter sagt -,
aber andererseits auch durch die Hoffnungen und Erwartungen , die er an das
Morgen richtet. Es ist also notwendig, über das Denken des einzelnen
Menschen nachzudenken, um zu erkennen, wo die Grenzen des
gesellschaftlichen Wandels liegen, was uns blockiert und wie wir uns neue
Chancen eröffnen können.
Es sind vor allem die «schwarzen Gedanken», die ständig in unserem Kopf
herumschwirren, die uns blockieren, und nicht die äußeren Ereignisse an
sich, diagnostizierte die «Frankfurter Allgemeine Zeitung». Man
konzentriert sich nicht auf das Problem und seine Lösung, sondern auf die
antizipierten negativen Folgen, auf die Angst zu versagen. «Es ist die
subjektive Bewertung einer schwierigen Situation und nicht die objektive
Gefahr oder Belastung, die ausschlaggebend dafür ist, welche Reaktionen
zunächst im Gehirn und nachfolgend auch im Körper in Gang gesetzt werden.
Schon die Vorstellung, ein Problem nicht bewältigen zu können, führt dazu,
dass man sich dem Geschehen resigniert überlässt», sagt der Göttinger
Hirnforscher Professor Gerald Hüther. «Dann schaltet das Gehirn auf
Notfall, aktiviert das Stress-System und wirft die alten, einfachen
Notfallprogramme an: Angriff, Flucht oder - wenn beides nicht geht -
Erstarrung. Aber jeder, der in Gedanken noch einen Funken Zuversicht in
sich trägt, bleibt von diesem fatalen Absturz in archaische
Notfallreaktionen verschont.»
Ein viel zitiertes Beispiel für eine solche Situation ist das eines
kalifornischen Eisenbahnarbeiters. Als er Fracht in einem Kühlcontainer
kontrollieren sollte, schlossen sich die Türen und er war gefangen. Man
fand ihn bei Schichtende tot im Container. An die Wände hatte er
geschrieben: «Niemand hat meine Hilferufe gehört. Meine Hände und Füße
werden immer kälter. Ich weiß nicht, wie lange ich das noch aushalte.»
Dabei war das Kühlaggregat dieses Containers defekt, die Temperatur im
Inneren lag nur geringfügig unter der durchaus angenehmen und keineswegs
lebensbedrohenden Außentemperatur und es war auch genügend Sauerstoff im
Container vorhanden. Es waren also nicht die äußeren Umstände, die den Mann
getötet haben, sondern allein seine Gedanken, die Interpretation seiner
Situation, die dazu führten, dass er sich aufgab und starb.
«Gedanken können Mut- und Energielieferanten sein oder beides in einem
Menschen auslöschen», zitiert die FAZ eine Züricher Beraterin. Es liege bei
jedem Einzelnen selbst, zu entscheiden, welche Gedanken er durch seinen
Kopf gehen lässt, das heißt, ob er sich «schwarzen Gedanken» hingibt oder
mit Zukunftsmut ans Werk geht. Nur ist es schwer und manchmal sogar
unmöglich, diese Gedanken zu korrigieren, weil sie aus ganz persönlichen
Mustern bestehen, die wie das Netz unter einem Trapezkünstler solide
verankert sind und jeden möglichen Absturz sicher auffangen sollen. Das
Netz, das gegen Risiken ab sichern soll, wird also in bestimmten Fällen
selbst zum Risiko.
Die Muster, die ein Mensch in seinem Kopf trägt, sind in der Regel
zumindest für ihn selbst in sich stimmig oder werden von ihm im
Zweifelsfall stimmig gemacht. Sollte das nicht der Fall sein, wird er
seelisch und/oder körperlich krank. Die Zunahme psychosomatischer
Erkrankungen in unserer Gesellschaft ist ein deutliches Zeichen dafür, dass
die Muster in den Köpfen längst nicht mehr so realitätsnah sind, wie wir es
uns wünschen.
In meinem Buch «Wenn das Reptil ins Lenkrad greift» habe ich untersucht,
weshalb Gesellschaft , Wirtschaft und Politik nicht den Regeln der Vernunft
gehorchen. Dabei bestätigte sich, dass Entscheidungen überwiegend nicht im
Bewusstsein getroffen werden, sondern «aufquellen», wie es der deutsche
Nobelpreisträger Reinhard Selten formulierte. Innere Einflüsse wie Gefühle
, Emotionen , Erfahrungen , aber auch das vorhandene implizite und
explizite Wissen spielen bei Entscheidungen fast immer die größte Rolle.
Hinzu kommt auch die Situation, in der sich der Entscheider befindet.
Fakten haben hingegen in der Regel weniger Gewicht. Sie werden, so der
Hirnforscher Manfred Spitzer , später mit «Bedeutungssoße » übergossen, um
sie der Entscheidung anzupassen. Es ist also tatsächlich so, dass wir
überwiegend nicht rational mit dem Bewusstsein zu neuen Entscheidungen
gelangen, sondern dass die überwiegende Denkarbeit hinter verschlossenen
Türen unbewusst erfolgt. Dieses Ergebnis polarisierte die Leser, was zu
erwarten war. Die einen fanden nun durch wissenschaftliche Tatsachen
bestätigt, was sie schon immer gefühlt und geahnt hatten, die anderen sahen
sich als Ausnahme. Für sie hatte dieser «psychologische Firlefanz» keine
Geltung. Also entschloss ich mich, noch einmal tiefer zu graben und die
Frage zu stellen: «Warum denken wir, was wir denken?». Auch wenn die
biologische Ausstattung die vorhandenen Talente , die Erfahrungen , die
Erinnerungen , das Wissen und das Können jedes Menschen zu einem einmaligen
Exemplar machen und deshalb das Denken ebenso einmalig ist - nicht einmal
eineiige Zwillinge , die körperlich nicht zu unterscheiden sind, denken in
jeder Situation jeweils das Gleiche -, muss es doch Regeln geben, die für
das Denken und damit auch für das Handeln aller Menschen in gleicher Weise
Gültigkeit haben.
Der Mensch ist nicht nur ein Individuum, das sich von anderen
unterscheidet, sondern er ist, von Ausnahmen wie Robinson Crusoe abgesehen,
auch immer Teil einer Gemeinschaft, mag sie nun so klein sein wie die eines
noch unentdeckten Stammes in den Urwäldern Südamerikas oder so
weltumspannend wie bei dem von Bob Geldof initiierten «Live Çi»-Konzert
gegen die Armut in Afrika. Um erfolgreich Teil einer Gemeinschaft zu sein,
muss der Mensch in seinem Denken auf andere Fähigkeiten, Eigenschaften und
Strukturen zurückgreifen können als in Momenten, wo er, wie zum Beispiel
Albert Einstein , einmalige Gedankenexperimente durchführt, die ihn zu
neuen Ideen und Problemlösungen führen. Allerdings müssen für beide Fälle
Ressourcen vorhanden sein, die nicht nur materieller Natur sind, also
Nervenzellen und ihre Verbindungen, sondern auch inhaltlicher, also
geistiger Natur.
Die moderne Hirnforschung versucht beides zu ergründen.
Praktisch täglich werden weltweit neue Ergebnisse vorgelegt, und doch
wissen wir heute weniger über das Gehirn, als wir noch vor ein paar
Jahrzehnten zu wissen glaubten, wie es der Hirnforscher Wolf Singer in
einem Gespräch mit der «Zeit» formulierte. Es ist schier unmöglich, alle
vorliegenden Fakten zu berücksichtigen, in Einklang zu bringen und
miteinander in Beziehung zu setzen. Um zu gesicherten Erkenntnissen zu
gelangen, muss sich die Forschung auf streng abgegrenzte Fragen,
Problemfelder und einzelne Details konzentrieren. Dieses Buch beabsichtigt
jedoch das genaue Gegenteil. Es versucht, die Konturen nachzuzeichnen, die
sich aus der Gesamtheit der verschiedenen Forschungszweige, die sich mit
der Funktion des menschlichen Gehirns beschäftigen - von der Neurobiologie
bis zur Soziologie -, für das Alltagsleben in Form von Denkmuster n
ergeben. Ich lege deshalb die verschiedenen Teile eines Puzzles, die
zueinander passen, zusammen und versuche zu erkennen, wie das fertige Bild
wohl aussehen könnte.
Die Erwartungen der Öffentlichkeit an die Hirnforschung sind groß, manchmal
zu groß. Besonders von den modernen bildgebenden Verfahren erhofft man sich
Ergebnisse, die oft nur schwer oder gar nicht einzulösen sind. Sie sollen
möglichst nicht nur zeigen, wo und bei welcher Gelegenheit im Gehirn
Denkvorgänge stattfinden, sondern sie sollen auch noch erklären, was in
bestimmten Momenten
gedacht wird.
Auch hier arbeitet man sich Schritt für Schritt vor und glaubt sogar schon
an der Funktionsweise des Gehirns erkennen zu können, ob ein Mensch lügt
oder nicht. Die einzige Frage, die sich auf diesem Wege jedoch noch nicht
erschließt, ist: «Warum lügt er?» Diese Warum-Frage: «Warum denken wir, was
wir denken?» lässt sich zumindest zurzeit nicht aus einzelnen Details
heraus beantworten, sondern nur durch einen interdisziplinären Blick auf
das Ganze.