Wie das Werk selber - Mussorgskys Oper wurde mehrmals umgearbeitet, ergänzt, neu instrumentiert und gekürzt - ist auch die Entstehung dieser auf DVD vorliegenden Produktion alles andere als linear. Die Inszenierung des (Film-)Regisseurs Andrej Tarkowsky wurde schon 1983 an der Londoner Royal Opera produziert, unter der musikalischen Leitung von C. Abbado, in den 90ern dann, nach dem Tod des Regisseurs, vom St. Petersburger Kirow Theater adaptiert und hier unter Valery Gergiew live aufgezeichnet, wohlgemerkt mit Robert Lloyd in der Hauptrolle.
So bleibt denn auch die Inszenierung streckenweise etwas blaß, wer prunkvolle Dekorationen und aufwendige Umbauten erwartet, wird hier sicher enttäuscht - oft bleibt die Bühne leer und der Hintergrund dunkel, was den Fokus jedoch völlig zurecht auf die hervorragend durchdachte Personenregie Tarkowskys lenkt, dessen Konzept auch schlüssig in Richtung einer menschlich-emotionalen "Boris"-Deutung geht, besonders starke Aufmerksamkeit der Vater-Sohn-Beziehung zu Fjodor widmend. Tarkowsky entwickelte hier einen ganz eigenen Stil, die Schauspieler zu führen, man fühlt sich des öfteren im positiven Sinne eher an Filmschauspieler erinnert als an Opernsänger.
Obwohl hier die Originalinstrumentierung von Mussorgsky in der langen Fassung (Mit "Polenakt" und dem "Kromy-Schlußbild") zu hören ist, bemüht sich der Dirigent doch sichtlich, zumindest in den gewaltigen Tutti die typisch herben, reibungsvollen und groben Zusammenklänge spürbar zu glätten (wenn auch nicht so massiv wie in der Rimsky-Korsakoff-Instrumentierung). Das macht es dem Hörer zunächst zwar einfacher, nimmt aber doch einiges vom Charme des "Boris". Das Orchester liefert ansonsten eine gute, aber unspektakuläre Leistung ab, während es im für einen "Boris" ungewöhnlich leicht klingenden Chor die eine oder andere Unsicherheit gibt.
Bei den Solisten ist es erwartungsgemäß Robert Lloyd in der Titelrolle, der den Reiz der Produktion ausmacht - nicht nur sängerisch, er ist hier in hervorragender Verfassung, auch die schauspielerische Leistung verdient Anerkennung, in der Todesszene stockt dem Zuschauer kurz der Atem. Alexei Steblianko als Grigori/Dimitri hält da zumindest sängerisch durchaus mit, überzeugt mit einer baritonal eingefärbten, aber immer sicheren und vor allem natürlich klingenden Stimme, verkörpert jedoch seine Rolle weniger glaubwürdig als die anderen Protagonisten. Im Kontrast dazu zeigt Yewgeni Boitsow eine etwas verbrauchte, brüchige Tenorstimme, die jedoch zur Rolle des Schuiski durchaus paßt. Die anderen Sänger halten das hohe Niveau, insbesondere der kraftvolle Pimen von Alexander Morosow und Olga Borodina als Marina stechen aus dem Ensemble heraus.
Mit der Technik kann man nicht so ganz zufrieden sein: Das Bild (4:3) hat zwar ordentlichen Kontrast und zeigt sich fast rauschfrei, die Schärfe läßt jedoch für eine moderne Produktion etwas zu wünschen übrig. Der 5.1-Sound in dts überzeugt nicht, offensichtlich handelt es sich nur um einen umgemischten Stereoton, der zudem deutlich verfärbt und künstlich verhallt klingt. Zum Glück liegt jedoch der originäre Stereoton noch als PCM vor, den ich jederzeit vorziehen würde, auch wenn das Klangbild ungewöhnlich schmal und unräumlich klingt.