Das Ereignis dieses Boris Querschnitts ist die Interpretation der Titelrolle durch Gottlob Frick. Meines Wissens hat der große Bassist diese herausfordernde Partie nie auf der Bühne gesungen, obwohl es - wie er in einem Interview sagte - ein großer Wunsch von ihm gewesen wäre. Um so wertvoller ist diese Dokumentation. Frick gestaltet den Zaren in deutscher Sprache, mit gefühlvollem Melos, fließendem Legato,balsamischer Stimmfülle und gewohnt hervorragender Wortverständlichkeit. Im Gegensatz zu vielen slawischen Interpreten faßt Frick den Boris nicht als tyrannischen Despoten auf. Er verzichtet bewußt auf alle dramatisierenden, oft schmierenhaft wirkenden,theatralischen Gefühlausbrüche. Frick sieht und gestaltet den Boris in erster Linie als gütigen,verzweifelten um das Wohl der Kinder und Untertanen besorgten Vater. Dadurch bekommt die Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld in den Szenen mit seinem Sohn Feodor und im "Tod des Boris" zentrale Bedeutung.An manchen Stellen wird wagnerische Größe erreicht, Erinnerungen an König Markes klagenden Monolog in "Tristan und Isolde" werden wach.
Insgesamt gelingt Frick auch als Boris ein Porträt von faszinierender singschauspielerischer Ausdrucksintensität. Besonders spannend, das der damals noch junge Martti Talvela, der später zum überragenden Darsteller
heranreifte in dieser Aufnahme den Pimen sang. Auch die anderen Mitwirkenden u. a. Erika Köth, Rudolf Schock, Margarethe Klose und John van Kesteren bieten hohes Niveau. Der bewährte Operndirigent Lovro von Matacic paßt sich mit seiner delikat-dezenten , fast romantischen Musizierweise perfekt an die Rollenauffassung des Hauptdarstellers an.CD ist also für alle Freunde des großen deutschen Bassisten fast ein Muß. Opernfreunde, die Aufnahmen in deutscher Sprache bevorzugen und eine Alternative zur gewohnten Theaterschablone suchen werden von dieser etwas ungewöhnlichen Boris-Aufnahme und besonders von Gottlob Frick in der Titelpartie begeistert sein.