Rezension
Nach ihrer Debüt-CD mit Liedern von Gustav Mahler (siehe OG 4/2010) hat die österreichische Mezzosopranistin und Altistin Elisabeth Kulman nun eine neue CD mit Liedern vom körperlich erschöpften und geistig zerrütteten Genie Modest Mussorgsky veröffentlicht. Die Künstlerin ist, was die Begleitung betrifft, ihren ungewöhnlichen Arrangements treu geblieben. So wird sie auch bei ihrer Neueinspielung wieder von einem Quartett, bestehend aus Violine, Kontrabass, Klavier und Horn, auch als Flügel-und Alphorn eingesetzt, begleitet. Im Unterschied zur Mahler-Einspielung sind es jedoch dieses Mal Jazzmusiker, die den Gesang auf fulminante Weise ergänzen. Das Ergebnis ist aber nicht eine Verjazzung von Mussorgskys Musik, sondern ein Weiterdenken im Jazz-Kontext. Die Sängerin singt keinen Jazz, sondern bleibt bei den vom russischen Komponisten geschriebenen Melodien; nur die Bearbeitungen gehen darüber hinaus und werden durch eigene Improvisationen erweitert. Gerade Mussorgskys von einer folkloristisch rhythmischen Komponente charakterisierte Musik eignet sich hervorragend für eine solche Erweiterung, stellt doch ihre eigene Harmonik und das Nebeneinanderstellen von Akkorden ein Grundelement des Jazz dar. Das Ergebnis ist beeindruckend: Die Musik des Russen wird durch die dunkle, erdige, in allen Lagen sicher und bruchlos geführte Stimme Kulmans veredelt. Der Interpretin steht dabei eine große Ausdruckspalette zur Verfügung; vom tonlosen Flüstern über Wispern bis zum Kreischen und Jubeln. Zu hören sind u.a. Gopak", das lebenslustig herausfordernde Lied einer jungen Frau, die einen alternden Kosaken zum Mann nimmt und ihm nicht mehr gehorchen will, Pesnja Mefistofelja" (Lied des Mephistopheles in Auerbachs Keller), Goethes groteske Miniatur mit besonders reichen Klangfarben in der Stimme der Kulman, Serenada" und Trepak" aus dem Zyklus Lieder und Tänze des Todes" - zum einen das mit abgründig unheimlicher Tongebung vorgetragene Todeslied mit einem wahrhaft beklemmenden Schluss, zum anderen ein mit üppiger Stimme fulminant dargebotenes Tanzlied; und schließlich, als Höhepunkt der CD, Svetak Savishna" (Schöne Sawischna),ein skurriles Liebeslied mit Alphorn. Abgerundet und ergänzt wird die CD mit instrumentalen, vom Wiener (Jazz-) Musiker Tscho Theissing in unüblichem Klangbild arrangierten Mussorgsky-Bearbeitungen. Diese sind durch das virtuose Spiel der vier Musiker interessant anzuhören und werden Hörerinnen und Hörer, die für gekonnte Bearbeitungen offen sind, durchaus begeistern. (Das Opernglas, Juli/August 2010)