Modest Mussorgsky (1839 - 1881) ist einer der wichtigsten Komponisten Russlands und gehörte dem sogenannten "Mächtigen Häuflein" an, das darum bemüht war, als Erben des ersten richtigen russischen Komponisten Mikhail Glinka eine eigene russische Nationalmusik heraus zu bilden.
Viele Werke komponierte er nicht. Heute ist er in erster Linie für seinen Klavierzyklus "Bilder einer Ausstellung" berühmt, obwohl er einige Opern und andere Klavierkompositionen schrieb. Überhaupt sind die "Bilder" eines seiner wenigen rein instrumentalen Werke.
Zum Andenken an den Maler und Architekten Viktor Hartmann ließ er musikalisch eine seiner Ausstellungen Revue passieren. Zwischen einzelne Bilder - insgesamt sind es zehn - baute er sogenannte "Promenaden" ein, die als loser Variationszyklus zu verstehen sind. Als Mussorgsky gefragt wurde, wofür diese Promenaden stünden, soll er geantwortet haben, dass er die Promenade sei.
Wie dem auch sei fungieren die Promenaden teils als Verbindungsglieder zwischen den einzelnen Bildimpressionen. Auch "Cum mortuis in lingua mortua" ist letztlich nur eine Variation der ursprünglichen Promenade.
Das erste Bild ist der gefürchtete Gnom, ein hässliches und scheußliches Wesen, das jedem Pianisten das Äußerste abverlangt und als eines der schwierigsten Klavierstücke überhaupt gilt. Mit fingerbrechender Akrobatik werden die blinden Auswüchse, die verkrüppelten Beine und das trunkene Torkeln dieses Märchenwesens dargestellt.
Beim alten Schloss schließlich scheint der Komponist verharren zu wollen. Die tiefsinnigen Melodien berühren sogleich, auch wenn ihnen etwas Schattenhaftes, etwas Spukhaftes innezuwohnen scheint.
Ausgelassen geht es weiter zu den Tuilerien, den Lustgärten der Stadt Paris. Das lustige Treben adliger Familien erheitert das Gemüt.
Das Bildnis vom schwerfälligen, gelangweilten Esel Bydlo setzt der Russe perfekt in Musik um, ohne dabei einen gerechtfertigterweise frotzelnden Unterton vermissen zu lassen.
Der berühmteste Teil der Bilder" dürfte das Ballett der Küken in ihren Eierschalen sein, dieser lustige Ringelreigen voller Kraft und Grandezza.
Als nächstes folgt das Bild zweier Juden, des reichen, behäbigen Samuel Goldenberg und des armen, piepsigen Schmuyle.
Zur Gemütsergötzung gereicht dann das folgende Bildnis vom Marktplatz in Limoges, wo Mussorgsky das bunte Durcheinander der Markthändler trefflich darstellt.
Leise und sachte, beinahe geheimnisvoll begibt sich der Hörer anschließend in ein römisches Grabmal, die Katakomben.
Im krassen Gegensatz dazu steht die Hütte der russischen Hexe Baba Yaga, die auf Hühnerbeinen steht. An dieser gehässigen alten Furie lässt der russische Tonsetzer kein gutes Haar.
Das strahlende, majestätische Finale beschreitet das umfangreichste Bild, "Das große Tor von Kiev".
Alfred Brendel bietet diesen anspruchsvollen und eindrucksvollen Zyklus bravourös dar. Sein Spiel ist zupackend, fein gliedernd und scharf akzentuierend. Die unendliche Facette an Klangfarben, die er aus der altbewährten Komposition herausholt, ist ausdrucksintensiv und empathisch. Man werfe nur einen Blick auf seine Interpretation des "alten Schlosses"! Auch die Aufnahmequalität überzeugt.
Die bekanntere Orchesterversion der "Bilder" allerdings stammt paradoxerweise gar nicht aus der Feder Mussorgskys: Ein Meister der Orchestrierung aus Frankreich hat sich hier austoben können, der große Impressionist Maurice Ravel. Zwar handelt es sich dabei nicht um die einzige Orchesterfassung, aber um die beliebteste.
Ravel orchestrierte selbst etliche eigene Werke mit großen Effekten. Was er aber aus der Klavierfassung von Mussorgskys Meisterwerk macht, verdient allen Respekt und zählt zum Besten, was die klassische Musik zu bieten hat.
Man höre sich nur die feine Nuancierung zwischen Blech- und Holzbläsern an, den dezenten Einsatz von Schlagwerk oder die differenzierte Verwendung von tiefen und hohen Streichern! Bombastisch!
So wird das Bild "Samuel Goldenberg und Schmuyle" zu einem wahren Leckerbissen und beispielsweise "Das große Tor von Kiev" zum unangefochtenen Highlight des Zyklus'. Die Promenade zwischen "Samuel Goldenberg und Schmuyle" und "Der Marktplatz von Limoges" entfällt allerdings in der Orchesterversion.
Diese wird eingespielt von perfekt spielenden Wiener Philharmonikern unter André Previn. Auch hier sind die Klangfarben berauschend herausgearbeitet. Previn setzt auf große melodische Bögen und sehr pittoreske Akzentuierungen. Vor allem das letzte Bild lässt dem Hörer die Haare zu Berge stehen. Die Aufnahmequalität kann sich auch hier hören lassen.
Fazit: Zwei herausragende Aufnahmen, die Karajan und Berman Konkurrenz machen.