"Da sind wir also!" beginnt Sineb El Masrars Buch. "Diese Horde dahergelaufener Terrorismus-Sympathisantinnen. Die sich mit ihren muslimischen Männern wie die Karnickel vermehren, ein Kopftuchmädchen nach dem anderen produzieren und willenlos in der Küche des Hauses auf die Befehle ihrer Väter, Brüder und Ehemänner warten. Um dann noch schamlos das deutsche Sozialsystem wie eine reife Zitrone auszuquetschen. (...) Und wenn wir bei H&M, bei Lidl oder Rossmann zusammen zwischen den Regalen oder in der Schlange an der Kasse stehen, dann schwirren manchem Kunden und Verkäufer Fragen wie diese durch den Kopf: Ist die wohl schon zwangsverheiratet? Darf die eigentlich ohne männliche Begleitung herumlaufen? Oder liegt das Einkaufszentrum noch im Radius dieser legendären Kamel-Fatwa?"
Sineb El Masrar dürfte mit ihrer Vermutung darüber, welche Vorstellungen von Muslimas in den Köpfen vieler Nicht-Muslime herumspuken, ins Schwarze treffen. Zu dem Zeitpunkt, da ihr Buch erscheint, finden sich die Bücher von Autoren wie Thilo Sarrazin und Alice Schwarzer, die Muslimas von außen zu beschreiben versuchen und dabei vor allem Klischees abspulen, nach massiver Medienunterstützung ganz oben in den Bestsellerlisten. Sineb El Masrars eigenes Buch, in dem muslimische Mädchen und Frauen selbst beschreiben, wie sie sind und wie sie leben, wird von der breiten Öffentlichkeit hingegen nur begrenzt wahrgenommen. Offenbar sind vielen Lesern die bekannten reißerischen Stereotype lieber als die noch unbekannte, aber häufig alltägliche Wirklichkeit. Dabei weiß Sineb El Masrar mit diesem Missverhältnis durchaus ironisch umzugehen. So amüsiert sie sich darüber, dass muslimische Frauen im Gegensatz zu muslimischen Männern noch nicht einmal den Mund aufzumachen brauchen, um für Empörung zu sorgen. "Ein kleines Stück Tuch, locker um den Kopf gewickelt, genügt. Und dann heißt es wieder: Herzlich willkommen zu einer neuen Folge von: Fatma - Im Tal der Tränen!"
Sineb El Masrar selbst hat mit diesen Klischees wenig bis gar nichts zu tun. Sie wurde als Tochter marokkanischer Einwanderer in Hannover geboren und machte sich im Jahr 2006 mit gerade mal 24 Jahren als Verlegerin selbständig, indem sie das einzige multikulturelle Frauenmagazin "Gazelle" gründete. Diese Leistung klingt noch beeindruckender, wenn man weiß, dass der Weg dorthin nicht immer leicht war. Wie viele andere Einwandererkinder wurde El Masrar beispielsweise automatisch für die Hauptschule empfohlen, obwohl sie ähnliche Leistungen vorweisen konnte wie Kinder ohne Migrationshintergrund, die man aber der Realschule zuordnete. Allein dass sich ihr Vater über die Empfehlung der Lehrer hinwegsetzte, ermöglichte El Masrar ihren Aufstieg.
Aber schon von Jugend an den verschiedensten Vorurteilen ausgesetzt gewesen zu sein, war der Autorin bei ihrem journalistischen Werdegang durchaus hilfreich. Wenn immer sie und andere Muslim Girls etwas über ihre Religion oder Kultur hörten, das sie schockierte oder verwunderte, "rannten wir zu unseren Eltern oder in die nächstgelegene Bibliothek und gingen der Sache auf den Grund. Dadurch erwarben wir nebenbei die Fähigkeit, uns Wissen eigenständig zu erarbeiten und Quellen zu hinterfragen. Denn so manche Behauptung, die uns von anderen arrogant oder gar abfällig an den Kopf geworfen wurde, entpuppte sich im Nachhinein als Halbwissen oder plumpes Vorurteil. Gleichzeitig gaben die vielen Fragen uns Impulse, noch weiteren Dingen auf den Grund zu gehen."
Vieles von dem, was El Masrar dabei lernte, breitet sie in diesem Buch aus. Damit gelingt es ihr, so manches Vorurteil überzeugend zu widerlegen. Ein Beispiel: "71 Prozent der muslimischen Kopftuchträgerinnen ist es wichtig, etwas in ihrem Leben zu erreichen. Nur 35 Prozent der deutsch-deutschen Frauen haben diesen Anspruch, hat die Konrad-Adenauer-Stiftung ermittelt." Eine Quellenangabe für diese Studie wäre noch überzeugender gewesen, man findet sie allerdings ohne Probleme im Internet.
Als einen modernen Ausgangspunkt vieler Klischeevorstellungen über Muslime und deren Frauen nennt El Masrar Betty Mahmoodys Kitschstreifen "Nicht ohne meine Tochter", dem das Lexikon des internationalen Films bescheinigte, er sei "geeignet, Ängste und Vorurteile gegenüber der Eigenart und Situation islamisch tradierter Länder zu verschlimmern". Was wenige wissen: Im Jahr 2002 entstand der Dokumentarfilm "Ohne meine Tochter", in dem Mahmoodys iranischer Mann und der Vater ihrer Kinder seine Version der Geschichte erzählen durfte und auch Freunde und Familienangehörige zu Wort kamen, wodurch ein wesentlich vielschichtigeres Bild entstand. Aber Differenziertheit scheint im ach so aufgeklärten Westen weniger gefragt zu sein. Während der rührselig und einseitig erzählte Film, der die fremde Kultur als bedrohlich und minderwertig zeichnete, zum Kassenschlager wurde, ist das Nachfolgewerk bis heute weithin unbekannt. (Darüber, wie sehr bei Trennungskonflikten oft automatisch allein die Schilderung des weiblichen Partners als Wahrheit wahrgenommen wird, können allerdings auch wir Männer- und Väterrechtler einiges erzählen.)
El Masrar berichtet eindrucksvoll, wie ihr in Gesprächen skurrilerweise immer wieder entgegengehalten wird, sie und die unzähligen anderen Muslimas, deren Alltag sich von dem nicht-muslimischer Frauen kaum unterscheidet, seien "doch wohl die Ausnahme". Als Regel werden offenbar die vergleichsweise seltenen Fälle von Ehrenmorden wahrgenommen, da diese im Vergleich zum langweiligen Alltag in den Medien die Hauptrolle spielen, wenn immer es um Muslimas geht. Die optische Präsentation von Muslimas unterstreicht diese Klischees oft nur, erläutert El Masrar: Diese Frauen werden fast immer mit Kopftuch und gerne von hinten gezeigt. "So als hätten sie kein Gesicht und als gäbe es keine andere Motive; sei es die Nachrichtensendung 'heute', die Frankfurter Allgemeine Zeitung oder 'die tageszeitung'." In diesem Zusammenhang zitiert El Masrar die Studie "Migrantinnen in den Medien" (2008) die ermittelte, wie "ausgerechnet feministisch, aufklärerisch gemeinte Beiträge das Bild der unterdrückten Zugewanderten in der deutschen Öffentlichkeit etablierten."
Erhalten bleiben diese Klischees zum einen weil in den Redaktionen nur wenige bis gar keine Journalisten mit Migrationshintergrund sitzen. El Masrar zitiert hierzu den Berliner Medienexperten Ulrich Pätzold, der ermittelte, dass zwar jeder fünfte Deutsche einer Einwandererfamilie entstammt, es unter den Journalisten jedoch weniger als 1,2 Prozent sind. Zum anderen erlaubt das Klischee der "Muslima als Opfer" den Journalisten, sich vorgeblich für hehre Ziele einzusetzen und die betreffenden Frauen "befreien" zu wollen, währedn es tatsächlich ermöglicht, unter diesem Deckmantel Quote und Kasse zu machen.
Da ich selbst Medienwissenschaftler bin, habe ich in meiner Besprechung des Buches den Schwerpunkt vor allem auf seine Auseinandersetzung mit irreführenden Darstellungen in den Medien gelegt. Das macht indes nur einen kleinen Teil dieses Werkes aus. Hauptsächlich besteht seine Leistung darin, all diesen Vorurteilen das tatsächliche Leben und Fühlen der Muslim Girls entgegenzustellen. Das tut es in einer Fülle an Kapiteln zu den unterschiedlichsten Themen von Mode und Urlaub über Sexualität und Liebe bis zu Fernsehen und Internet. Auch Themen, mit denen man sich bislang nicht aus muslimischer Sicht beschäftigt hatte (etwa Yps-Hefte), finden Erwähnung. Wer also wissen möchte, wie das Leben deutscher Musliminnen tatsächlich aussieht, sollte dieses Buch lesen.