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Musil
 
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Musil [Gebundene Ausgabe]

Herbert Kraft
3.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)
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Produktbeschreibungen

Pressestimmen

"(Herbert Kraft ist) ein Coup gelungen, wie kaum ein Germanist ihn noch wagt: Biografie und Deutung in einem, prägnant und hintergründig formuliert, zeigt sein Buch eine Intelligenzbestie am Werk, oft so deutlich, als blickte man ihr ins Hirn. Faszinierendes Fazit: Wer Musil nicht liest, ist selbst schuld." Johannes Saltzwedel, Kultur Spiegel, 09/03 "Behutsam beleuchtet Kraft in seiner vielschichtigen Musil-Biografie Genie und Tragik des Dichters." Die Welt, 09.11.03

Kurzbeschreibung

Den Titel des großen Romans "Der Mann ohne Eigenschaften" kennt jeder, der Verfasser ist jedoch mehr als sechzig Jahre nach seinem Tod so rätselhaft geblieben, wie er es zeitlebens war. In Herbert Krafts brillant geschriebenem Buch wird deutlich, wie Robert Musils Leben und Werk einander ergänzen; die Auseinandersetzung mit diesem Jahrhundertschriftsteller wird auf eine neue Stufe gestellt. Prägnant und luzide zugleich erhellt Kraft Musils Welt, nimmt dem Leser die Angst vor der Größe seines Werks und macht es für uns Heutige verständlich: das Porträt eines Lebens, das von der Passion des Schreibens erfüllt war.

Über den Autor

Herbert Kraft, geboren 1938 in Walsum am Niederrhein, ist seit 1972 Ordinarius für Neuere deutsche Literaturgeschichte in Münster. Dr. h.c. der Universität Sheffield. Mitherausgeber der Schiller-Nationalausgabe. Bücher u.a. über Schiller, Hebbel, Kafka und zuletzt Annette von Droste-Hülshoff.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Anders und Leona

Es ist Sonntag. Anders erwartet Leona, eine Varietésängerin. Sie machen zuerst einen Fußmarsch, drei bis sechs Stunden, für Anders Luft, Bewegung, Aussetzen der Gedanken, danach kommt das Vergnügen. Und weil an ihm die Seele hängt, hat er sich die Idylle mit Leona im Makartstil ausgedacht: Rot-blau-braune Teppiche und Portièren, ein wie mit Mehl angerührtes Licht, Wedel aus Pfauenfedern und Schilfkolben, Möbel mit tausend gedrehten Säulchen und Zacken. Das war eine Spießbürgersinnlichkeit, die auf dem Maskenball Sultan und Suleika spielte. Man weiß sehr wohl, daß alles durch und durch feig und verlogen ist, aber wie käme man sonst an genügend Sexualität.
Auf solche Weise lebt der Bürger seine Freiheit aus. An seine Vorstellungen reichen längst nicht alle heran, wie sich in Leona ein anderes Schönheitsideal ausprägt, ein abgesetztes, unterworfenes und in die Sklaverei verschlepptes. Also erscheint Leonas Gesicht unzeitgemäß. Das moderne Aussehen war auch durch die Wiederherstellungschirurgie möglich geworden, die 1916 von Jacques Joseph an der Berliner Charité begründet wurde. Seitdem konnten die Gesichtsverletzungen behandelt werden, die sich viele im Krieg zugezogen hatten, und bald entwickelte sich daraus eine ästhetische Chirurgie, die das neue Körperbild definierte.
Leona bleibt, wo sie ist; wer jedoch unten bleibt, kommt selten zu Verstand: Anders behauptete, in ihrem ausgedehnten Körper brauche jeder Reiz so lange, bis er das Gehirn erreiche, daß manchmal erst mitten am Tag ihre Augen zu zergehen begannen, während sie in der Nacht unbeweglich auf einen Punkt an der Zimmerdecke gerichtet gewesen waren. Oder sie begann unaufhaltsam über einen Scherz zu lachen, den man am Vortag gemacht hatte, weil sie ihn jetzt erst entdeckte. Für Sozialschäden gibt es eben keine Absolution.
Leona gleicht einer Löwin, vom Kürschner ausgestopft, und sinnlich ist sie unglaublich arbeitsscheu. Aber wenn sie nicht leistet, was Anders sich vorstellt, bleibt ihm immerhin die Sehnsucht erhalten. Und er braucht ja den Abstand, irgendeinen Abstand, sonst würde ihn die Scham überkommen. Leonas Sehnsucht richtet sich allein auf die Güter dieser Erde: sie ist gefräßig, muß sich auf den Tauschhandel Essen gegen Sexualität einlassen, verlängert ihren Aufenthalt in der Stadt, indem sie unter immer schlechteren Bedingungen von einem Engagement ins nächste übergeht. Doch ist sie es zufrieden, die Benachteiligten sind es immer oder meistens. In der Begegnung mit Anders erfährt Leona sogar etwas von zugestandener Individualität, er behandelt sie nicht, wie sie es gewohnt ist, und Prügel braucht sie jetzt nicht mehr zu fürchten. Selbstverständlich hat auch Anders seine Mittel, er läßt jedesmal zwei große Körbe, gefüllt mit auserwählten Eßwaren und Leckerbissen, holen; wenn Leona kommt, darf sie hineinsehen, hineinzugreifen wird ihr verwehrt. Dann haben die Spaziergänge einen doppelten Zweck: am Abend ist Leonas Appetit wie neugeboren, und ihr Körper gleicht dort, wo seine Wollust sitzt, dem einer Jungfrau.
Eine Fahrt aus der Stadt wird immerhin nötig, damit das Genante sich in Grenzen halten läßt. Gewiß bleibt es unschicklich, mit dieser seelisch verunreinigten Person sich zu zeigen, durch Gottes Natur […] ein Schwein an der Leine zu führen. Anders geht vor oder hinter Leona, fast nie neben ihr und stets schweigend. Aber was bedeutet das schon gegen den Skandal, wenn sie zusammen auf der Promenade gesehen würden. Abends im Varieté singt Leona, süß und leidenschaftlich, durch den Entzug, ein so entstandenes tierisches Verlangen zur Besonderheit getrieben. Erst danach bekommt die Löwin zu fressen. Und zu saufen. Anders trinkt, im Vergleich, nur mäßig, für ihn braucht es auch das billige Porterbier nicht zu sein. Bei den sentimentalen Liedern, die Leona bei ihm zu Hause singt, und den Zoten, die sie von sich gibt, amüsiert er sich. Denn so etwas regt unheimlich an. Besonders weil er sich im Falschen, Gezwungenen das Andere vorstellen will, der junge Idealist.
Wenn es Montag morgen ist, verfrachtet er das Mensch, bis zum nächsten Sonntag.

Als die Erzählung unter dem Titel Leona (Aus der Vorarbeit zu einem Roman) erscheint, ist die Republik drei Jahre alt. Die »Staatsgewalt«, das »Recht« geht vom Volke aus.2 Vom Volk allerdings nicht, das bekommt die Gewalt, das Unrecht zu spüren. So ist das Leben in der Republik eingerichtet, in der Gesellschaft der freien Bürger. Sie haben die Macht und üben sie aus, wo sie dürfen: privat. Im politischen Leben hat auch der Bürger wenig zu sagen. Anders heißt er bloß.

Auszug aus Musil. von Herbert Kraft. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Anders und Leona
Es ist Sonntag. Anders erwartet Leona, eine Varietésängerin. Sie machen zuerst einen Fußmarsch, drei bis sechs Stunden, für Anders Luft, Bewegung, Aussetzen der Gedanken, danach kommt das Vergnügen. Und weil an ihm die Seele hängt, hat er sich die Idylle mit Leona im Makartstil ausgedacht: Rot-blau-braune Teppiche und Portièren, ein wie mit Mehl angerührtes Licht, Wedel aus Pfauenfedern und Schilfkolben, Möbel mit tausend gedrehten Säulchen und Zacken. Das war eine Spießbürgersinnlichkeit, die auf dem Maskenball Sultan und Suleika spielte. Man weiß sehr wohl, daß alles durch und durch feig und verlogen ist, aber wie käme man sonst an genügend Sexualität.
Auf solche Weise lebt der Bürger seine Freiheit aus. An seine Vorstellungen reichen längst nicht alle heran, wie sich in Leona ein anderes Schönheitsideal ausprägt, ein abgesetztes, unterworfenes und in die Sklaverei verschlepptes. Also erscheint Leonas Gesicht unzeitgemäß. Das moderne Aussehen war auch durch die Wiederherstellungschirurgie möglich geworden, die 1916 von Jacques Joseph an der Berliner Charité begründet wurde. Seitdem konnten die Gesichtsverletzungen behandelt werden, die sich viele im Krieg zugezogen hatten, und bald entwickelte sich daraus eine ästhetische Chirurgie, die das neue Körperbild definierte.
Leona bleibt, wo sie ist; wer jedoch unten bleibt, kommt selten zu Verstand: Anders behauptete, in ihrem ausgedehnten Körper brauche jeder Reiz so lange, bis er das Gehirn erreiche, daß manchmal erst mitten am Tag ihre Augen zu zergehen begannen, während sie in der Nacht unbeweglich auf einen Punkt an der Zimmerdecke gerichtet gewesen waren. Oder sie begann unaufhaltsam über einen Scherz zu lachen, den man am Vortag gemacht hatte, weil sie ihn jetzt erst entdeckte. Für Sozialschäden gibt es eben keine Absolution.
Leona gleicht einer Löwin, vom Kürschner ausgestopft, und sinnlich ist sie unglaublich arbeitsscheu. Aber wenn sie nicht leistet, was Anders sich vorstellt, bleibt ihm immerhin die Sehnsucht erhalten. Und er braucht ja den Abstand, irgendeinen Abstand, sonst würde ihn die Scham überkommen. Leonas Sehnsucht richtet sich allein auf die Güter dieser Erde: sie ist gefräßig, muß sich auf den Tauschhandel Essen gegen Sexualität einlassen, verlängert ihren Aufenthalt in der Stadt, indem sie unter immer schlechteren Bedingungen von einem Engagement ins nächste übergeht. Doch ist sie es zufrieden, die Benachteiligten sind es immer oder meistens. In der Begegnung mit Anders erfährt Leona sogar etwas von zugestandener Individualität, er behandelt sie nicht, wie sie es gewohnt ist, und Prügel braucht sie jetzt nicht mehr zu fürchten. Selbstverständlich hat auch Anders seine Mittel, er läßt jedesmal zwei große Körbe, gefüllt mit auserwählten Eßwaren und Leckerbissen, holen; wenn Leona kommt, darf sie hineinsehen, hineinzugreifen wird ihr verwehrt. Dann haben die Spaziergänge einen doppelten Zweck: am Abend ist Leonas Appetit wie neugeboren, und ihr Körper gleicht dort, wo seine Wollust sitzt, dem einer Jungfrau.
Eine Fahrt aus der Stadt wird immerhin nötig, damit das Genante sich in Grenzen halten läßt. Gewiß bleibt es unschicklich, mit dieser seelisch verunreinigten Person sich zu zeigen, durch Gottes Natur [...] ein Schwein an der Leine zu führen. Anders geht vor oder hinter Leona, fast nie neben ihr und stets schweigend. Aber was bedeutet das schon gegen den Skandal, wenn sie zusammen auf der Promenade gesehen würden. Abends im Varieté singt Leona, süß und leidenschaftlich, durch den Entzug, ein so entstandenes tierisches Verlangen zur Besonderheit getrieben. Erst danach bekommt die Löwin zu fressen. Und zu saufen. Anders trinkt, im Vergleich, nur mäßig, für ihn braucht es auch das billige Porterbier nicht zu sein. Bei den sentimentalen Liedern, die Leona bei ihm zu Hause singt, und den Zoten, die sie von sich gibt, amüsiert er sich. Denn so etwas regt unheimlich an. Besonders weil er sich im Falschen, Gezwungenen das Andere vorstellen will, der junge Idealist.
Wenn es Montag morgen ist, verfrachtet er das Mensch, bis zum nächsten Sonntag.
Als die Erzählung unter dem Titel Leona (Aus der Vorarbeit zu einem Roman) erscheint, ist die Republik drei Jahre alt. Die "Staatsgewalt", das "Recht" geht vom Volke aus.2 Vom Volk allerdings nicht, das bekommt die Gewalt, das Unrecht zu spüren. So ist das Leben in der Republik eingerichtet, in der Gesellschaft der freien Bürger. Sie haben die Macht und üben sie aus, wo sie dürfen: privat. Im politischen Leben hat auch der Bürger wenig zu sagen. Anders heißt er bloß.
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