Kurzbeschreibung
Erst an der Wende zum 20. Jahrhundert konnte sich Musikwissenschaft als eigenständige universitäre Disziplin etablieren, und zwar zunächst nur in den deutschsprachigen Ländern. Dies implizierte eine große Anfälligkeit für völkische Ideologie, wie die bisher auf die Jahre nach 1933 konzentrierte Forschung deutlich machen konnte. Dabei waren alle wesentlichen Positionen einer vorwiegend philologisch, einer eher empiristisch wie einer am Gemeinschaftserlebnis der Jugendbewegung ausgerichteten Musikwissenschaft ebenso wie psychologisch oder ethnographisch orientierte Forschungsansätze bereits in den 1920er Jahren voll ausgeprägt. Eine auf die Jahrzehnte vor und nach dem Ersten Weltkrieg konzentrierte Perspektive erlaubt daher nicht nur neue Einsichten in scheinbar selbstverständliche Grundlagen der modernen Musikforschung, sondern auch einen geschärften Blick für verdeckte Kontinuitäten einer weit vor 1933 einsetzenden und über 1945 hinausreichenden Entwicklung. Sechzehn Beiträge von Historikern, Pädagogen, Psychologen und Musikwissenschaftlern machen deutlich, in welchem Maße die Erforschung der vorgeblich >begriffslosen< Musik zum Rückzugsgebiet kunstbeflissener Funktionseliten wurde, die voller Argwohn auf die scheinbar >zersetzenden< Modernierungsprozesse des frühen 20. Jahrhunderts reagierten, obwohl sie dem geschichtsteleologischen Denken des 19. Jahrhunderts verhaftet blieben. Ein Blick über die Grenzen - in die Schweiz, nach Frankreich und Italien - bestätigt zusätzlich, wie sehr sich auch im internationalen Rahmen akademische Musikforschung neuen Strömungen verweigerte. Der Band stellt einen wichtigen Baustein dar zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Fach wie zum künftigen Selbstverständnis der Musikwissenschaft.