Die folgenden Anmerkungen beziehen sich auf den Abschnitt "Rhythmus und Timing" von K.Beck, S.459 ff.
Das Kapitel zeigt auf wunderbare Art, welche Unsicherheiten bei dem von Musikwissenschaft wie auch empirischer Forschung meist stiefmütterlich behandelten Phänomen "Rhythmus" vorherrschen. Zu Recht weist die Autorin auf die Vielzahl der Rhythmusdefinitionen hin, bleibt aber - wohl auch aufgrund des beschränkt zur Verfügung stehenden Platzes - eine Diskussion des Begriffes schuldig. Stattdessen wird kurz normativ festgelegt, was Rhythmus in der abendländischen Musik sei und in welchem Verhältnis er zum Metrum stehe.
Meines Erachtens völlig unhaltbar ist die sogleich vorgenommene Unterschiedung zwischen "objektivem" und "subjektivem" Rhythmus, die aus der Fehlinterpretation einer Reihe von Untersuchungen zur rhythmischen Gruppenbildung und Betonung hergeleitet wird (Bolton, Fraisse, et.al.). Entsprechend werden Bedeutung und Zusammenhang der beiden Phänomene nicht einmal im Ansatz erörtert. Dadurch werden dem hier eventuell eine knappe Einführung suchenden Leser die eigentlich zentralen Aspekte vorenthalten.
Der insoweit negative Eindruck wird im folgenden bestätigt, indem scheinbar aus einfachen psychoakustischen Zusammenhängen auf komplexere Formen geschlossen wird sowie beobachtete Tendenzen zu Naturgesetzen umdeklariert werden. Die Auswahl der Quellen ist hochgradig lückenhaft und erscheint beliebig, ihre Auswertung mehr als oberflächlich. Die Sphären der Perzeption und der akustischen Korrelate werden hoffnungslos vermengt und entsprechend fehlt auch eine Klärung, was hier eigentlich Gegenstand der "Musikpsychologie" ist.
Zu guter letzt wird auch noch eine empirisch motivierte Empfehlung abgegeben, dass sich musikalische Phrasen innerhalb einer ermittelten "Präsenzzeit" entfalten sollten - auch unter dem Hinweis, die "Taktlängen" in Bachs Wohltemperiertem Klavier hätten sich auch daran gehalten. Spätestens an dieser Stelle wird es gänzlich gaga. Schade.
Ich wünschte, an dieser Stelle eine Alternative empfehlen zu können. Auf Seiten der Musikwissenschaft gibt es praktisch nichts. Ein Überblick läßt sich vielleicht noch gewinnen durch die kombinierte Lektüre der einschlägigen Abschnitte in Terhardt: Akustische Kommunikation (Springer 1998) - auch sonst ein nützliches Werk, nur etwas sehr aufs Ingenieurhafte versessen - und G.D.Allen's Aufsatz "Speech rhythm" im Journal of Phonetics 3 (1975), S. 75 ff.
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