Der Berliner Gitarrist LUTZ ULBRICH (*1953) hat 1981 mit "Reich der Träume" eines der schönsten (deutschen) Lieder NICO (1939-88) auf den Leib geschrieben. 1969 startete er mit der Gruppe AGITATION FREE eine spannende & abwechslungsreiche Karriere, die ihn über ASH RA TEMPEL und "Neue Deutsche Welle" schliesslich zum bekannten Banjo-Spieler bei der "Global Village"-Gruppe 17 HIPPIES gebracht hat. Seine soeben veröffentlichten Memoiren "Lüül" bestechen durch ein grossartiges Erinnerungsvermögen, zahlreiche offen und humorvoll beschriebene Episoden und Begegnungen mit z.T. weltbekannten Musikern wie JOHN CALE, TIM HARDIN, DAVID BOWIE, KLAUS SCHULZE, CAN oder LOU REED. Kostbar sind die Beschreibungen ausgedehnter Tourneen sowie privat erlebter Ferienreisen, durchzogen von der Fähigkeit zur Selbstironie. "Wir trugen alle sehr dunkle Sonnenbrillen" (S. 275) heisst es da etwa nach einer durchzechten Nacht auf Tour. Das 409 Seiten starke Buch ist gut lesbar in kurze Abschnitte gegliedert und für NICO- oder 17 HIPPIES-Fans sowieso ein Muss. Zum Schluss beschreibt Lüül die gruppendynamischen Prozesse innerhalb einer erfolgreichen Gruppe wie 17 HIPPIES sehr anschaulich. Das Buch hat zurecht keinen Index, damit Zeitgeistsurfer nicht rasch die Seiten mit der "Prominenz" abspulen können. Das Lektorat hingegen hätte für einen renommierten Verlag wie "Schwarzkopf & Schwarzkopf" etwas genauer hinschauen können. Nicht stilistisch, der Stil ist grossartig, aber inhaltlich. So hat Lüül nicht im Mai 1990 zwei Nico Konzerte in Berlin organisiert, sondern 1980. Und LORCA wurde 1936 von Franco's Faschisten erschossen, also gibt es von ihm keinen "Text über James Deans letzte Stunden" (S.206), die 1955 stattgefunden haben. Ansonsten ist das Buch sehr sympathisch, herzerwärmend und empfehlenswert.