Mit Verlaub, dieses Buch eignet sich bei weitem nicht für die gesamte Sek 1 - im besten Fall für die der Gymnasien und auch hier wirft sich die Frage auf, inwiefern ein 2008 publiziertes Buch noch tradierten, kopflastigen Musikunterricht der späten 60er Jahre propagieren darf.
Ein erster Blick auf das Inhaltsverzeichnis zeigt:
Der Gesprächsführung, dem "über-das-Musik-Sprechen", der Analyse etc. kurzum 'dem "Reden über'" Musik wird der Löwenanteil zugeschrieben; dem Musizieren (sic!) im Klassenverband wird eine (!) Seite gewidmet! Zwar nennt der Autor Dinge, die das Schulorchester betreffen, der Weg dorthin allerdings bleibt unerwähnt und wird demzufolge dem, was außerschulisch geschieht zugeschrieben.
Über Gesprächsführung im Unterricht gibt es glücklicherweise zahlreiche Publikationen. Man kann sich nur schwer des Eindruckes verwehren, dass der Autor hier von Hilbert Meyer beeindruckt war; gerade im handschriftlichen Design finden sich Parallelen. Dies ist im Grunde sein gutes Recht - allerdings schreibt er in Sachen Gesprächsführung, Stundendesign, -aufbau oder Verlaufsskizzen nichts Neues. All das findet man bei Meyer genauso und stellenweise besser und schöner.
Dieses Buch verrät alles - nur keine Methoden des *Musikunterrichtens*.
Ein Musikalisierungsprozess wird hier in keiner Weise angestrebt. Es fehlen Grundlagen im Klassenmusizieren, es fehlen Methoden des Großgruppenunterrichtens, es fehlen Tipps, wie man in einer Schülergruppe mit Instrumenten musiziert ebenso wie essentielle Dinge wie etwa Einführung von Mehrstimmigkeit, Differenzierung in musikalisch heterogenen Gruppen oder Erarbeitung eines Liedes mit Instrumentalbegeleitung.
Der Weg "'teaching music by music'" wird völlig ignoriert. Stattdessen zeigt der Autor auf, wie man Musik analysiert, wie man Musik nachvollzieht, wie man Noten lernt und wie man am Notenbild sich orientiert, kurzum: wie man alles tut, um nur nicht zu musizieren.
Dies sind mit Sicherheit Inhalte, welche sich an manchen Gymnasien ab Klasse 7 anbieten mögen (vor allem mit Blick auf das Zentralabitur), ist aber vom Musikunterricht manch anderer Gymnasien und in jedem Fall von dem der Haupt- und Realschulen völlig entfernt, um nicht zu sagen: widerspricht den dortigen Arbeitsweisen vollends.
Elektronisches Instrumentarium findet nur in wenigen Nebensätzen Erwähnung (im besten Fall zur Ergänzung eines großen Schulorchesters); dem Autor zufolge sollten Schulkonzerte eh nur "unplugged" (S. 142) aufgeführt werden.
Die Tatsache, dass in unzähligen Schulen Musicals aufgeführt werden, dort die Schüler nicht nur agieren sondern auch Licht- und Tontechnik bedienen, wird schlichtweg ignoriert. Die Aussage' "Wo Sie einen schönen Chor (...) haben, kommen die Rock-Bands von ganz allein'", (S. 142) erklärt, wes Geistes Kind der Autor ist und wird zwei Sätze später mit '"Manche großartige Pop-Musik lässt sich genauso gut oder besser mit einem symphonischen Orchester spielen"' (ebenda) untermauert. Dies zeugt von Einstellungen, welche den Musikunterricht der Vergangenheit in das Dilemma führten, in dem er sich (stellenweise) heute (noch) befindet!
Schlechte Recherche (der Link zum Arbeitskreis für Schulmusik (AfS) führt zum "AFS Internationale Begegnungen e.v." (der korrekte Link hieße afs-musik.de (S. 186); einer der bedeutungsvollsten Musikpädagogen der Neuzeit heißt *Edwin* Gordon! *Noah* Gordon ist der Autor des Medicus' (S. 41)) halte ich gerade in einem solchen Buch für ein "'no-go"'; wobei diese Kritik auch an den Lektor geht. Darüber hinaus versteht Gordon unter '"audiation"' etwas völlig anderes, als 'Solfèges', wie von Ralf Beiderwieden an der o.a. Stelle behauptet.
Letzten Endes ist dem Autor - ein Seminarleiter am Studienseminar - die didaktische Dimension des (Musik-) Computers überhaupt nicht klar. Dies ist umso trauriger, als man in der Musikpädagogik die Tragweite dieses Mediums schon seit vielen Jahren (um nicht zu sagen Jahrzehnten!) erkennt und auch nutzt. Den Bereich Computer (dem er ein Zitat Arthur Weasleys aus Harry Potter voran setzt: "'Trau nie etwas, das selbst denken kann ...'") schreibt er mehr oder weniger der Lehrerhand zu und widmet ihm gerade eine halbe Seite, was ich im Jahre 2008 für äußerst bedenklich und nicht nachvollziehbar halte.
Von daher kann und werde ich diesem Buch nur einen Stern geben, da es auf der einen Seite auf die Ansprüche mancher Gymnasiallehrer zielen mag, auf der anderen Seite allerdings dem Anspruch '"Musik unterrichten'" im Hinblick auf ein mehrgliedriges Schulsystem und auf den in der Musikpädagogik der Gegenwart geforderten aufbauenden, handlungsorientierten und auf einen Musikalisierungsprozess zielenden Unterricht leider in keiner Weise gerecht wird.