Eine Debüt-CD ist zweifelsohne immer etwas ganz Besonderes, und wenn sie sich dann noch einem in unseren Breiten weitgehend unbekannten Repertoire widmet, dürfte das Risiko als hoch einzustufen sein. Dass sich Risiko jedoch außerordentlich lohnen kann, zeigt die neu erschienene CD des erst seit einem Jahr bestehenden Ensembles 'Capella de la Torre', die Musik aus dem Umfeld Kaisers Karl V. präsentiert. Die Capella besteht aus renommierten Mitgliedern der deutschen Alte-Musik-Szene, die allesamt solistisch bereits in Erscheinung getreten sind und offensichtlich in besonderer Art und Weise musikalisch miteinander harmonieren. Denn genau diesen Eindruck von Harmonie und Können vermittelt die neue CD.
Kaiser Karl V. war einer der großen europäischen Herrscher der Renaissance, dessen Macht immer wieder durch äußere und innere Feinde bedroht wurde. Letztere waren vor allem unter den Reformatoren zu suchen, deren sich Karl letzten Endes nicht zu erwehren vermochte. Von Karls Leben, aber auch seinem Umfeld gibt die CD ein beeindruckendes musikalisches Zeugnis, chronologisch geschickt geordnet und musikalisch intelligent ausgesucht.
Musik war damals so international wie heute auch, und Einflüsse aus Italien und Deutschland prägten die spanische Musik. Sich letzterer aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zu widmen, dem hat sich die 'Capella de la Torre' in der vorliegenden Aufnahme verschrieben. Was auch im heutigen Spanien durchaus noch üblich ist, trifft man in Deutschland kaum an. Bläsergruppen in der Besetzung Flöte, Schalmei, Pommer, Posaune und Dulzian, ergänzt von Orgel, Regal und Schlagwerk, sind bei uns die absolute Ausnahme. Schön, dass die Capella dem ein Ende bereitet, und schade, dass man darauf so lange warten musste!
Vom ersten bis zum letzten Ton fesselt die CD ungemein. Alles kommt wunderbar harmonisch und geradezu nobel gespielt daher. Selbst bei der berühmten Bataglia von Susato verzichtet man auf jegliches Husten, Scharren und Rauschen. In dieses gelungene instrumentale Geschehen fügt sich der Bariton Matthias Gerchen geschickt ein, und so verschmelzen Sänger und Instrumente zu einem betörenden Klangbild. Die kurzweiligen Stücke von Torre, Arbeau, Milan, Cabezon, Walther, Senfl u.a. werden allesamt exakt ausgedeutet und nicht einmal nur eben so abgespielt. Mit dem nötigen Schwung versehen, ohne jede Hektik, fühlt man sich als CD-Hörer schnell in das Leben vor 500 Jahren zurückversetzt und kommt aus dem Schwelgen nicht mehr heraus.
Dabei werden keinesfalls nur eingängige Melodien geboten! Weltliche und geistliche Musik wechseln sich geschickt ab, und der Leiterin des jungen Ensembles, Katharina Bäuml, gelingt somit ein reifes musikalisches (Selbst-)Zeugnis. Selten hörte man alte Blasinstrumente so perfekt gespielt, stets präsent und doch niemals aufdringlich. Die hervorragende Akustik der Kirche zu Mandelsloh und die präzise Aufnahmetechnik tragen ebenso dazu bei, diese CD schon nach dem ersten Hören in die vorderste Reihe der eigenen Sammlung zu stellen.
Ungemein wichtig für die Musik des 16. Jahrhunderts ist eine durchdachte Improvisationskunst. Denn eines ist sicher: Einfach die abgedruckten Noten zu spielen, war schon damals unüblich. Auch hier setzt die Capella Maßstäbe. Keine Verzierung wirkt eitel und aufgesetzt, sondern alle musikalischen und interpretatorischen Finessen ordnen sich dem Gesamtkonzept unter. So entsteht Spannung, ohne den Gesamtfluss zu stören oder auszubremsen. Genau so schön und zugleich tiefgründig muss diese Musik gespielt werden, und die vorliegende erste CD mit der 'Capella de la Torre' zeigt, dass es auch in Deutschland noch lohnenswertes Neuland und mutige Neustarter im Bereich der Alten Musik gibt!