Dies ist ein wundervolles Buch - im Wortsinn, weil es voller überraschender Einsichten ist. Das Wissen über die fundamentalen Medien unserer Zivilisation wird neu angeschaut und neu bewertet.
Im ersten Teil des Bandes wird die Entstehung des griechischen Alphabets aus dem Bedürfnis nach schriftlicher Bewahrung der homerischen Gesänge erklärt. Kittler zitiert ausführlich aus der "Odyssee", stellt die Übersetzung von Schlüsselworten richtig, betont den Unterschied, den die neuen Buchstaben für Vokale machten, und entwickelt zu den zentralen Passagen des Epos, die vom Singen handeln, vielschichtige, schlüssige, geografisch und erotisch präzise, mir neue Interpretationen (Kirke an der Südspitze Korsikas, die Sirenen vor Amalfi, Scylla vor Messina und die Heimkehr nach Ithaka als unerkannter Sänger).
Im zweiten Teil wird die Frühgeschichte der europäischen Philosophie und Wissenschaftsgeschichte radikal neu geschrieben. Nicht die Lehre der 3-Generationen-Figur Sokrates - Plato - Aristoteles führte zu unserer Mathematik, sondern die des Pythagoras und seiner Anhänger, allen voran mir bislang unbekannte Autoren wie Hippasos, Philolaos, Eurytos und Archytas. Deren Lehre enthält die Entwicklung der Zahlenproportionen aus der Oktave mit ihrem Saitenlängenverhältnis von 1:2 (und dann Quart und Quint als nächst-komplexere Stufe der Teilung), die Unterscheidung des Kosmos (mit Hilfe eines Wortes, das davor "Zierde" bedeutet hatte) und die Lehre von den Algorithmen. Allein die Regelmässigkeit, die "Harmonie" der Form bestimmt die Gesetzmässigkeiten der Arithmetik ebenso wie die der Geometrie: "Das Erklingen macht das Seiende zum Seienden, die Form zur Form." (S. 299) Nicht in Athen, sondern in den jungen Städten am Golf von Tarent, denen - so Kittler - wegen ihrer philosophisch-wissenschaftlichen Relevanz damals der Titel "Großgriechenland" zugesprochen wurde, lagen die Quellen unseres zeitgenössischen Verständnisses von Kunst und Wissenschaft.
Kittlers Stil ist gewöhnungsbedürftig, weil er viel Persönliches einflicht. Er streut Hinweise auf eigene Erfahrungen ein, und er äußert in den Fußnoten deutlich, welche Zivilisationen samt ihren Autoren er schätzt - etwa Sparta und Tarent - und welche er mißbilligt - vor allem Athen und Rom. Die Fähigkeit, das griechische Alphabet zu lesen, setzt er voraus. Seine Übersetzungen sind aber so genau, dass außer dem Klangerlebnis des Rezitierens wenig Bedeutung verloren geht.
Dieses Klangerlebnis hätte ich mir für die CD, die begleitend veröffentlicht wurde, gewünscht. Die CD enthält nur längere Monologe von Kittler, in denen er bestimmte Passagen des Buches nacherzählt, aus der "Odyssee" werden wenige Zeilen zitiert. Selbst der Bericht über den nachgestellten Sirenengesang auf den Originalinseln bleibt ohne Klangbeispiel. Die Möglichkeiten des Audio-Mediums für ein derart grundlegendes Werk über Europas Musik bleiben ungenutzt.
Der Band ist als erster von acht Bänden erschienen, in denen die Geschichte der beiden Medien über Rom und Westeuropa bis in die globale "Turingzeit" verfolgt wird. Selbst wenn diese Bände nicht erscheinen sollten, hat Kittler schon jetzt einen beeindruckenden Beitrag zum Verständnis der Entstehung und Entwicklung unserer Gesellschaft geleistet.