Wir alle kennen die unmittelbare Wirkung von Musik: Sie entführt in tiefe innere Welten, beruhigt als Wiegenlied, inspiriert religiöse Handlungen, bringt Gefühle zum Ausdruck, fordert zum Tanz auf, schweißt Gemeinschaften zusammen, setzt uns zum Marsch in Bewegung, versetzt in Ekstase oder hilft bei Trauer und Einsamkeit. Doch warum ist das so, und auf welche Weise werden dabei Herz und Hirn bewegt? Was sagt die Wissenschaft dazu?
Horst-Peter Hesse, Professor für Theorie der Musik an der Universität Mozarteum Salzburg und Leiter des Richter-Herf-Instituts für musikalische Grundlagenforschung, warnt seine Leser bereits im Vorwort, dass er keinen "leicht verdaulichen Brei" servieren möchte, sondern eine "wissenschaftliche" Erklärung dafür, wie unser Nerven- und Hormonsystem auf Musik reagiert. Die Warnung ist nur allzu angebracht: Dieses Buch ist in der Tat schwere Kost.
Im Stil eines Lehrbuches beschreibt Hesse in den ersten fünf von insgesamt acht Kapiteln den physischen und psychischen Wahrnehmungsapparat des Menschen, erörtert Fragen nach dem Bewusstsein, nach dem dualen System von Natur und Kultur sowie nach der Struktur der Persönlichkeit. Seine Überlegungen bezieht er ebenso aus der aktuellen Gehirnforschung wie aus dem Erklärungssystem Sigmund Freuds oder seinem eigenen Schichtenmodell der Persönlichkeit.
Dieser "Vorspann" von über hundert Seiten -- von Musik zunächst keine Spur -- nimmt mehr als die Hälfte des Buches ein und soll das Hintergrundwissen für die Physiologie und die Psychologie des Musik-Erlebens bereitstellen. Für Leser ohne jegliche Vorkenntnisse mag das in diesem Umfang nützlich sein, wirklich Neues findet sich hier aber kaum.
Außerdem ist diese Einleitung sprachlich so spröde und antiquiert, dass man die Geduld verlieren würde, gäbe es da nicht hin und wieder fesselnde Einschübe zur Wirkung von Musik: weshalb eine bestimmte Musik den Hörer in Trance versetzen kann, warum Popmusik sich so schlecht mit den Maßstäben der klassischen Musik messen lässt oder welche Vorgänge im Gehirn dafür ursächlich sind, dass Kinder, die ein Instrument spielen, neben ihren manuellen auch ihre kognitiven und sozialen Kompetenzen erweitern. Diese Ausflüge in die Musik- und Gefühlswelt lassen auf ein baldiges Ende der Theorie und ein Mehr an Musik hoffen.
Aber auch danach lässt das finale Aha-Erlebnis weiter auf sich warten. Der Autor beginnt eine Fachdiskussion, die höchstens für Berufsmusiker von Interesse ist, etwa über die Wahl von Tempi, über Metronomangaben oder Werktreue. Einige seiner Auffassungen sind dabei durchaus problematisch, etwa ob Musik gemäß den Vorstellungen Sigmund Freuds tatsächlich ein Ventil für aufgestaute Gefühle ist.
Erst das allerletzte Kapitel widmet sich endlich explizit den Emotionen beim Musik-Erleben. Hier wird knapp und bündig erläutert, welche Art von Musik die unterschiedlichen Persönlichkeitsschichten anspricht, welche körperliche Auswirkung Musik hat oder welche Rolle Ästhetik oder Assoziationen spielen. Davon hätte man gerne mehr erfahren.
So entlässt das Buch den Leser mit gemischten Gefühlen.
Dennoch: Es bietet eine Fülle von Meinungen, Informationen und Ideen zum Musik-Erleben. Die Lektüre vermittelt trotz ihrer Sperrigkeit nachhaltig, weshalb und wie wir "von Natur aus" auf Klänge und Rhythmen reagieren, und das verhilft in der Tat zu einem tieferen Verständnis von Musik. Beim nächsten Konzert werden wir genau wissen, weshalb wir bei einem starken Rhythmus unwillkürlich mit dem Fuß wippen oder warum uns die Sinfonie, die wir gerade hören, in eine andere Welt entrückt. --Eva Kahlmann