Daryna Hoschtschynsya ist Ende 30 und erfolgreiche Journalistin im ukrainischen Fernsehen, als sie auf eine Fotografie aus dem Jahr 1947 stößt, die eine hübsche junge Frau - wir werden sie später als Helzja kennen lernen - und vier Männer zeigt. Das Foto (für das sie sich von einem als körperlich kalt geschilderten Wissenschafter auf einem wackeligen Archivtisch von hinten nehmen lässt - leicht deftig beschriebener Geschlechtsverkehr darf bei der Autorin, die mit Feldstudien über ukrainischen Sex" bekannt wurde, natürlich nicht fehlen - aber auch diese Schilderungen empand ich nie als vulgär) macht sie neugierig und sie begibt sich auf Spurensuche - in ihrer eigenen Familiengeschichte, jener ihres späteren Freundes Adrian und jener ihrer besten Freundin Wlada:
Die als Holodomor bekannte Zeit der durch die Kommunisten künstlich verursachten Hungerkatastrophe,
der Untergrundkampf der Ukrainischen Befreiungsarmee (das eingangs genannte Foto zeigt fünf Mitglieder dieser den Partisanen ähnlichen Gruppe), zuerst gegen Polen, dann gegen die Deutschen und schließlich gegen die Russen,
die Unterdrückung der Sowjetära,
die Goldgräberstimmung der Post-Wende-Ära, die oftmals moralisch höchst fragwürdige Kreaturen nach oben spülte
... auf geradezu mystische Weise scheint alles miteinander verbunden und wird von der Autorin in klugen essayistischen Überlegungen, interessanten Vergleichen und Bildern sowie berührenden Anekdoten in Szene gesetzt.
Vor dem Leser entfaltet sich auf knapp 750 Seiten ein Panorama der an Tragödien, Unglücken und Verrat - aber auch Träumen, Hoffnungen und Heldentaten - so reichen ukrainischen Geschichte der vergangenen 90 Jahre. Die Autorin verfügt über eine außerordentliche erzählerische Kraft, die auch dank einer hervorragenden Übersetzung nichts von ihrer Qualität verliert und die Lektüre zu einem sehr intensiven Erlebnis macht.
Durch die Rezensionen in FAZ und Zeit neugierig geworden (ohne die Feldstudien" gelesen zu haben) kaufte ich mir diesen zweiten, auf Deutsch erschienenen Roman der derzeit wohl bekanntesten ukrainischen Autorin - auch wenn ich zentrale Kritikpunkte der Rezensionen in den großen deutschen Zeitungen überhaupt nicht teile. Weder scheint mir eine vermeintlich feministische Perspektive in dem Roman als künstlich aufgesetzt (Kritik in der ZEIT), noch greift der in der FAZ indirekt erhobene Vorwurf , einer zu positiven Darstellung der UPA unter Instrumentalisierung des jüdischen Schicksals im zweiten Weltkrieg: Eine (Rand-)figur im Umfeld der ukrainischen Befreiungsarmee UPA ist (auch das im Prinzip nur angedeutet) Jüdin. Warum soll dies im Einzelfall vorgekommen sein, zumal dieser Einzelfall von der Autorin nicht für Generalisierungen genutzt wird?
Einziger kleiner Schönheitsfehler waren für mich jene Passagen, in denen die Autorin sich in einem inneren Monolog von Adrian, dem Geliebten von Daryna versucht - ein Mann denkt nicht so (weder thematisieren wir im Geist die kleinen Alltagshandlungen, etwas beim Frühstück, das passiert automatisiert, noch würden wir jemals unaufgefordert - ohne einen entsprechenden Basisreiz - über den weiblichen Zyklus nachdenken und diesen mit irgend etwas vergleichen).
Aber auch das ist ein eher unbedeutender Aspekt an diesem großen Roman, der den Geist anspricht (ich habe noch selten in einem Buch so viel über ein Land gelernt, so kluge essayistische Bemerkungen gefunden (von Großmeistern wie Kundera oder Mann einmal abgesehen), einen aber auch emotional berührt (mehrfach gelang es der Autorin mir Schauer über den Rücken zu jagen und meine Augen zum Glänzen zu bringen).
Es lohnt sich jedenfalls sehr, sich umzusehen, im Museum der vergessenen Geheimnisse.