Vergessen und Erinnern - Gedanken zur GeschichteAnmerkungen von Ralf Isau zu seinem Roman "Das Museum der gestohlenen Erinnerungen"
Die Geschichte vom Museum der gestohlenen Erinnerungen kann als Allegorie auf einige beunruhigende Entwicklungen in der Geschichte der Menschheit angesehen werden. Sie richtet sich gegen das Vergessen. Zu allen Zeiten schon haben Diktatoren oder totalitäre Regime die Geschichte verändert. Dadurch versuchten sie Erinnerungen zu "stehlen", so wie Xexano in unserer Geschichte. Meist dienten solche Geschichtsfälschungen dem Zweck, eigene Niederlagen zu vertuschen und vermeintliche Erfolge aufzubauschen oder gar zu erfinden. Auch die Verklärung von geschichtlichen Vorgängen zur Förderung der eigenen Ideologie gehört zu den Zielen solcher Täuschungsmanöver. Die sogenannte Auschwitzlüge zeigt, wie weit das "Stehlen" von Erinnerungen gehen kann und wie gefährlich es ist. Noch gibt es (Zeit-)Zeugen, die dem Vergessen Einhalt gebieten. Aber wie lange noch? Werden wir zulassen, daß mit ihnen auch unsere Erinnerungen nach Quassinja verschwinden?
Ein weiterer Aspekt des Vergessens besteht in dem heutigen Bestreben, jegliche Werte in Frage zu stellen oder sogar zu verwerfen. Hier geht es auch um Traditionen, um die Kultur menschlichen Zusammenlebens. Traditionen können unser Leben einengen. Jahrhundertealte Verkrustungen mögen, wenn sie unreflektiert fortgeführt werden, den Blick auf die Realität verstellen und den Menschen zum Sklaven überkommener Bräuche machen. Davor muß man sich bestimmt hüten. Andererseits wäre es sicher genauso extrem, alle Werte der Vergangenheit rigoros zu verwerfen. Es sieht so aus, als würde genau das zur Zeit geschehen.
Früher haben die Jungen sich um die Alten gekümmern; heute verstecken wir sie in Alters- und Pflegeheimen, damit wir ihr Dahinsiechen nicht mit ansehen müssen. Früher waren die Bauern mit ihrem Land verhaftet, sie waren mit ihm oft enger verbunden als mit ihrer Ehefrau; heute ist die Natur nur noch ein Produktionsfaktor. Ihr wird nicht nur das abgerungen, was sie freiwillig gibt, sondern - ohne Rücksicht auf ihr Wohlbefinden - auch noch das, was man ihr nur mit chemischen Hilfsmitteln entlocken kann. In der Vergangenheit galt die Ehe und die Familie als heilig, oft lebten mehrere Generationen unter einem Dach. Heute schreitet die Entmenschlichung der Gesellschaft immer weiter voran: Cool zu sein ist in - was anderes bedeutet das, als (gefühls-)kalt zu sein? Vielen kennen nicht einmal ihre Nachbarn im selben Wohnhaus. Zuhause geht jeder seinen eigenen Weg. Gemeinsame Mahlzeiten und der damit verbundene Gedankenaustausch sind eine Seltenheit. Produktivität - jetzt nennt man es "Karriere" - ist das Maß aller Dinge. Kinder werden in Kindergärten geschickt mit der vermeintlich guten Absicht, sie mit ihresgleichen zusammenzuführen. Darüber vergißt man ganz, daß schon hier der Generationskonflikt geboren wird. Neben dem Kindergarten werden die lieben Kleinen mit so vielen anderen Terminen verplant, daß sie jedem Topmanager eines großen Industrieunternehmens ebenbürtig sind. Was sie dabei leider nicht mehr lernen, sind Dinge wie Rücksichtnahme gegenüber Erwachsenen, die Pflege alter Menschen, das Entwickeln von Verantwortungsgefühl, ein gesundes Verständnis für ein ausgewogenes Mischungsverhältnis zwischen Pflichtgefühl und Fun.
Vieles, was den Kindern unter dem Etikett der Persönlichkeitsentwicklung und der intellektuellen Förderung angetan wird, trägt tatsächlich bedenkliche Züge von individueller Verarmung. Dabei kann Neues, für die Menschen Wertvolles, nur erschaffen werden, wo es Individualität gibt. Denn die dazu notwendige Kreativität ist nur möglich, wenn neue Gedanken erlaubt sind. Diktaturen unterdrücken jede Art von Individualität, indem sie eine systemkonforme Gleichschaltung erzwingen. Wie leicht übersieht man, daß die Ideale der "modernen" Gesellschaft auch viele Züge von Diktaturen tragen. Wenn die Produktivität zum Maß aller Dinge erhoben wird, müssen dann nicht andere, geistige Werte, die sich nicht in Mark und Pfennig rechnen lassen, unweigerlich verkümmern?
Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, kann Xexanos Wirken vielerorts erkennen. Die Aufgabe von Erinnerungen wird in dem Roman als ein Opfer für diesen Gott dargestellt. Gleiches könnte man von der dem Verzicht auf Individualität sagen. Die Zusammenhänge sind enger, als man glauben mag. Tagtäglich beobachtet man beispielsweise Touristenströme, die sich durch die Altstädte wälzen, weil sie die Individualität und Kunstfertigkeit der alten Architektur bewundern. Sämtliche Zwänge, die ihre Kasernierung in moderne Wohneinheiten bedingen, nehmen sie gleichzeitig aber mit einem einfachen Schulterzucken hin. "Unsere Welt ist eben so. Was kann man da machen?" Ein anderes beeindruckendes Beispiel für die Hergabe unserer Individualität ist die Mode. Wenn jeder, der sich nicht ihren Zwängen unterwirft, der nicht "in" ist, von der Masse ausgegrenzt wird, was ist das dann anderes als eine Gleichschaltung? Auch hier die gleichen Argumente: "Man kriegt ja nichts anderes!" Also kauft man eben alle sechs Monate etwas Neues. Sofern man es sich leisten kann. In der sogenannten dritten Welt kann man das nicht - und eifert dem Westen nach, damit ... Gelegentlich könnte wirklich der Eindruck entstehen, Xexano sei schon am Werk und hätte den Blick der Menschen auf das Offensichtliche derart gründlich verblendet, daß sie nur noch wie die Lemminge auf den nächsten Abgrund zurennen.
Der Wert von gesellschaftlichen Regeln, von Traditionen und Kultur, von Moral und Ethik sollte sicher nicht daran gemessen werden, wie neu sie sind.
Alles Alte einfach zu vergessen, ist sicherlich der dümmste Weg, unsere Zukunft zu gestalten.
Wenn meine Geschichte dazu beiträgt, das Bewußtsein einiger Leser für diese Art von Erinnerungsschwund zu schärfen, dann habe ich damit mehr erreicht, als ich zu hoffen wagte.
© Copyright 1998 by Ralf Isau
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.