Auch wenn es unüblich sein mag, gleich zu Beginn ein Loblied zu singen und eine uneingeschränkte Empfehlung auszusprechen, können mit der Lektüre dieses Buches solche Konventionen leichthin über Bord geworfen werden. Denn die zu einer Tagung des Fortbildungszentrums Abtei Brauweiler in Kooperation mit dem Museumsdienst Köln entstandene Aufsatzsammlung, von Hartmut John und Anja Dauschek herausgegeben, verdient genau das. Es ist den beiden Herausgebern bzw. Konzeptoren gelungen, eine Mischung von wissenschaftlichen Ansätzen, Erfahrungsberichten versierter Museumsfachleute, aktuellen Projektbeschreibungen und an beinahe philosophischen Niederschriften zur bestehenden Situation der Museen zusammenzustellen. Die Beiträge entwerfen ein komplexes Bild der Museumsarbeit heute und zeigen deren Schwierigkeiten, Herausforderungen, aber auch Chancen auf.
Bereits die die Tagung reflektierende Einleitung Hülle mit Fülle von Hartmut John wirft Schlaglichter auf das alltägliche, umtriebige Geschäft der Museen, auf das bisher Erreichte, auf den anhaltenden Wandel, aber auch auf Probleme, für die bisher keine befriedigende Lösung gefunden wurde. Sein Fazit: Ein Ausruhen im Betrieb Museum wird nicht möglich sein. Die mühevoll erarbeiteten Standards treffen auf ständige Veränderungen aller Faktoren wie Gesellschaft und Politik sowie deren Ansprüche. Themenkreise darunter sind u. a. die neuen Interessen an Kultur, die Kulturresistenz, die verschwindende Leitkultur der Mitte oder die Angebotspolitik der Museen.
Lernort Museum neu verortet: Erwachsenenbildung Free-Choice-Learning, erlebnisorientiertes Lernen; Content & Kommunikation; Museen im gesellschaftlichen Wandel Wandel wohin? sind Kategorien unter denen die Aufsätze der Vortragenden zusammengefasst wurden. Nur einige seien für die Gesamtzahl der wirklich lesenswerten Essays kurz vorgestellt: Susanne Kudorfer und Ute Maxreiter stellen PINK vor, ein Kunstvermittlungsprojekt für besondere Zielgruppen an der Pinakothek der Moderne in München mit viel versprechendem Erfolg. Mit speziell entworfenen Angeboten arbeiten sie dort mit Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten, Blinden und Sehbehinderten, Gruppen aus Senioreneinrichtungen und Frauenhäusern. Dabei werden sie bisher von einem nicht genannten Wirtschaftsunternehmen unterstützt. Trotz des nachweisbaren Erfolgs muss zur finanziellen Sicherung ein Fundraising- Konzept entwickelt werden eine Aufgabe, die wiederum Kräfte von dem Kerngeschäft Kunstvermittlung abziehen wird. Von Peter Sigmond werden die vielfältigen Herausforderungen bei der Durchführung des Neubaus des Amsterdamer Rijkmuseums beschrieben. Er vermittelt, wie komplex die interne wie externe Vermittlungsarbeit eines Direktors sein kann, der bei seiner Arbeit zwischen den Vorbereitungen zur Neupräsentation der Sammlungen, der Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern - Kunsthistorikern, Historikern, Pädagogen etc. - , der nachsichtigen Versorgung der Stakeholder als geschickter Diplomat tätig werden muss. Anja Dauschek und Josef Grün erinnern in ihrem Beitrag an die Bedeutung von immer wieder zu hinterfragenden und neu zu denkenden Entwicklungsprozessen - auch und insbesondere für Museen. Dabei stellen sie als geeignetes Instrument das Konzept der Zukunftskonferenz als Grundlage vor. Ein Vorgehen, das mit einer Bestands-aufnahme beginnt und über die Definition der Visionen hin zu Maßnahmen führt, um dieses Ziel der Neustrukturierung bzw. -orientierung zu erreichen.
Besonders hervorzuheben ist der Aufsatz Wider die Gegenwartsschrumpfung. Einige Überlegungen zur Zukunft des Museums von Michael Fehr. Dabei ist seine Beschäftigung mit der Museumszeit wirklich neu gedacht. Er hinterleuchtet die Praxis der ständig, in immer kürzeren Abständen wechselnden Ausstellungen und deren Auswirkungen auf die Museen, ihre Sammlungen und auch auf die Besucher. Sein besonders zu beherzigender Appell: Rückkehr zu Muße als die Grundbedingung für ästhetische Erfahrung.
Für den Sammelband Museen neu denken sollte man sich die Zeit nehmen, denn jeder Aufsatz für sich bietet zahlreiche Ideen und Ansätze, über die es sich lohnt, zweimal nachzudenken.--- Veronika Schuster