Als Sonic Youth Hörer ist man es gewohnt, bei jedem neuen Album einem völlig neuen Sound zu begegnen, an den man sich erst heranarbeiten muss. So ist es auch bei dem neuen Album "Murray Street" der Fall. Beim ersten reinhören erkennt man die Band überhaupt nicht wieder. Vieles klingt zunächst viel zu "melodisch" und "harmlos", Eigenschaften, die man sonst überhaupt nicht in Zusammenhang mit den Königen des Noise-Rock in Verbindung bringt. Tatsächlich hatte ich beim ersten Hören das Gefühl, eher eine alte Platte von "Pavement" in den Händen zu halten.
Doch natürlich ist das alles immer nur der erste Eindruck, man muss sich wie immer erst einmal gewöhnen und schon fallen einem SY-typische Elemente auf. Diese Elemente sind z.b. lange, verworrene und Free-Jazz-artige Gitarrenparts ("Rain on Tin", "Sympathy for the Strawberry"), psychedelischer, wabernder Noise-Rock ("Karen Revisited") und verstörender, unharmonischer Experimental-Rock ("Plastic Sun"). Dazwischen sind jedoch auch ungewöhnlich harmonische Lieder, die man gar nicht so direkt von SY kennt ("The Empty Page", "Radical Adults lick Godhead Style"), die sich aber gut in den Gesamtzusammenhang des Albums einfügen.
Überwog auf dem letzten Album "NYC Ghosts & Flowers" eher das experimentelle und verstörende, so steht bei diesem Album wieder mehr das Schöne und Psychedelische im Vordergrund. Viele Stellen erinnern schnell an Lieder von der "A Thousand Leaves", weshalb ich "Murray Street" am ehesten zu diesem Album schieben würde.
Absolutes Highlight des Albums ist wohl das einerseits lässig-coole, andererseits herrlich kranke "Karen Revisited", das auch leider das einzige Lied des Albums ist, bei dem Lee Ranaldo den Gesang übernimmt. Dies ist wohl ein ziemlicher Minuspunkt des neuen Albums. Man hat bei "Murray Street" stark das Gefühl, als wenn sich Thurston Moore immer mehr in den Vordergund drängen würde. Ob dies nun gut oder weniger gut für die neue Platte ist, daß ist Geschmackssache, aber ich persönlich hätte gerne ein paar mehr Einflüsse von Kim Gordon und Lee Ranaldo herausgehört, dann wäre das Album sicherlich noch vielseitiger und kurzweiliger geworden.
"Murray Street" ist für jeden SY-Fan ein Pflichtkauf, da man wieder viele neue Eindrücke vermittelt bekommt, besonders im Bereich Free-Jazz und Blues haben SY stark ausgebaut. Jedoch ist Murray Street erstaunlicherweise ein Album, bei dem auch Neueinsteiger gut reinhören können, denn im Gegensatz zu den meisten anderen Alben von SY gibt es auf dem Neuen einen melodischen und einfachen Steg, der über das Meer aus unharmonischen, psychedelischen und gewöhnungsbedürftigen Gitarrensphären führt, in das nur wirklich eingefleischte Fans springen und ihren Spaß haben können.