In dem verschlafenen Nest King's Abbot begeht eine begüterte Witwe Selbstmord, und einen Tag später wird der noch reichere Roger Ackroyd erstochen, dem man zarte Bande zu der Dame nachgesagt hat.
Verdächtige gibt es jede Menge in Ackroyds Umfeld, jeder hat ein Motiv, jeder hat etwas zu verbergen, dunkle Vergangenheiten en masse... Nun wird Monsieur Poirot hinzugezogen -- eigentlich lebt er inkognito in King's Abbot; der allgegenwärtige Dorfklatsch hält ihn zunächst für einen Friseur, der sich aus dem Geschäftsleben zuückgezogen hat...
Poirot muss diesmal ohne seinen treuen Adlatus Hastings ermitteln; seine Stelle nimmt ein Vertrauter des ermordeten Roger Ackroyd ein, der Landarzt Dr. Sheppard, der auch die Geschichte aus seiner Perspektive berichtet.
Wie in all ihren Krimis präsentiert Agatha Christie auch in "The Murder of Roger Ackroyd" dem Leser alle relevanten Fakten, die zur Lösung des Falles notwendig sind. Und wie in allen anderen ihrer Krimis übersieht man diese Fakten, obwohl man sie dauernd vor der Nase hat -- man hat keine Chance, den entscheidenden Punkt aus der Fülle der echten und falschen Fakten herauszulösen. "The Murder of Roger Ackroyd" ist nämlich ein Paradebeispiel dafür, dass man in der Literatur zwischen der Geschichte selbst und ihrer Präsentation streng unterscheiden muss.
Aber auch sonst findet man in "The Murder of Roger Ackroyd" jede Menge Christie-Standards: Neben der schier überbordenden Zahl unwahrscheinlicher und doch auch wieder wahrscheinlicher Zusammenhänge sind das vor allem die Romanfiguren -- Christies Stärke ist nicht die Darstellung komplizierter Charaktere; oft hat man es mit Typen zu tun, die einem so oder so in vielen ihrer Krimis begegnen. Mit einer Ausnahme: Wenn es um alte Damen geht, ist Dame Agatha unschlagbar (nicht nur in Sachen Miss Marple), und so hat sie auch hier zwei originelle Figuren an Bord: Die verhuschte Mrs. Ackroyd, eine verwitwete Cousine des Ermordeten, und vor allem die unschlagbar neugierige Caroline Sheppard, die Schwester des Doktors.
In "The Murder of Roger Ackroyd" hat Christie aber noch viel mehr zu bieten als ihre üblichen Standards (da diese Standards gutes Handwerk sind, ist dies kein Minus): Die Auflösung des unlösbar scheinenden Falles ist frappierend, weil sie hier einen Geniestreich in Sachen Darbietung des Plots abgeliefert hat; als der Roman 1926 erschien, warf man ihr allen Ernstes vor, sie habe mit den Regeln des Detektivromans gebrochen. Da allerdings die Lösung eng verbunden ist mit dieser genialen Idee, kann ich nicht verraten, worin Christies "Tabubruch" bestanden hat.
So oder so: Wegen dieses genialen Kunstgriffs ist "The Murder of Roger Ackroyd" ein Meisterwerk des Genres, das sich kein Krimi-Fan entgehen lassen sollte.