Jay Rubin ist neben Birnbaum und Gabriel einer der drei Übersetzer Murakamis ins Englische. Allerdings erklärt er bereits im Vorwort, in erster Linie schreibe er dieses Buch als ein Anhänger Murakamis, der seine Leidenschaft für den Autor und seine Erfahrung über dessen Werk mit anderen Interessierten teilen möchte. Im Großen und Ganzen gelingt ihm das auch. Mit viel Sympathie hangelt er sich durch Murakamis Vita und Werk, jedoch ohne blanke Lobhudelei zu betreiben. Dennoch gibt es einige kritisch zu sehende und teilweise sogar ärgerliche, aber ebenso interessante Aspekte - dazu später mehr.
Murakami ist mit Abstand mein Lieblingsautor, wenngleich es natürlich auch in seinem Werk Höhen und Tiefen gibt. Kein anderer Autor hat mich so berührt, kaum ein anderer mich so gefesselt; kein anderer Autor konnte mich in solchem Umfang motivieren, mich mit den Werken anderer Schriftsteller zu befassen, bloß weil er sie als Inspiration und prägend angibt. Daher war es klar, dass ich auch dieses Buch lesen würde.
Rubin geht in »Murakami und die Melodie des Lebens« chronologisch vor, sowohl bei der Wiedergabe von Murakamis Leben als auch der seines Werkes. Einblicke in den persönlichen Lebensweg des Autors wechseln sich ab mit - wenn auch etwas oberflächlichen - Analysen seines Schaffens. Hierbei bedient sich Rubin verschiedener Zugänge und bietet sie als Interpretationsmöglichkeit an (Motive: Katzen, Brunnen, Erinnerungen ...), zwängt sie einem aber nie auf. So wird man vielleicht an der einen oder anderen Stelle auf neue Sichtweisen und Details hingewiesen, die man aus diesem Blickwinkel vielleicht nicht wahrgenommen hat. In erster Linie folgt man aber einem unaufdringlichen, unterhaltsamen Text.
Auf die inhaltliche Wiedergabe zu einer Veröffentlichung Murakamis folgt ein Interpretationsansatz, Parallelen zu anderen Werken werden gezogen sowie Verknüpfungen zu Murakamis Leben erstellt. Hier kann Rubin nicht durchgängig überzeugen. Interessant war es für mich daher in erster Linie, Hintergründe über Murakami zu erfahren, die man im Internet und Interviews so nicht findet.
Der Anhang befasst sich mit der Problematik des Übersetzens. Hier geht Rubin sowohl auf die Unterschiede zwischen Japanisch und Englisch (bzw. durch Anmerkungen der deutschen Übersetzerin Ursula Gräfe auch Deutsch) als auch auf Sekundärübersetzungen aus dem Englischen ins Deutsche ein. Man erinnere sich an dieser Stelle an die Besprechung zu »Gefährliche Geliebte« im »Literarischen Quartett«. Dies ist sowohl interessant als auch ärgerlich bzw. ernüchternd - spätestens dann, wenn Rubin keinen großen Hehl daraus macht, dass er Murakamis Texte maßgeblich verändert. So ändere er (anscheinend oder scheinbar?) unbeabsichtigte, von Autor und Lektorat übersehene Logikfehler in Murakamis Werken. Dass er sie damit angeblich verbessere, stößt unangenehm auf. »Mister Aufziehvogel« wurde darüber hinaus um nicht wenige Seiten gekürzt. Dies geschah allerdings im Auftrag des Verlags, ebenso wurde die gekürzte Fassung von Murakami (zwangsweise) genehmigt. Was man davon halten soll, bleibt natürlich jedem selbst überlassen - interessant ist es aber.
Weiterhin ist ein umfassendes Verzeichnis angefügt, wann Murakami welche Texte verfasst und übersetzt hat. Auch, in welchem Rahmen sie ursprünglich veröffentlicht wurden. Als »Interpretationshilfe« zieht Rubin noch eine bisher nicht auf Deutsch vorliegende, frühe Kurzgeschichte heran: Das 1963/1982-Mädchen von Ipanema.
Als großer Fan kann ich dieses Buch - zumal es kaum Alternativen gibt - durchaus empfehlen, allerdings mit Einschränkungen. Wer sich an dieses Buch macht, sollte bereits den Großteil von Murakamis Veröffentlichungen gelesen haben. Andernfalls wird man bei der Lektüre in doppeltem Sinne wenig Freude haben: Einerseits, da Rubin streckenweise eng am Text arbeitet, sodass einem ohne den Background ein Großteil des Lesegenusses entgeht; andererseits, da Rubin die Texte sehr detailliert bespricht und dabei teils selbst die Enden der Bücher nicht ausspart.
P.S.: An dieser Stelle möchte ich auch Murakamis Frühwerke empfehlen: »Hear the wind sing« (auf Englisch recht günstig aus Japan zu importieren) und »Pinball, 1973« (als .pdf-Dokument zu finden). Gemeinsam mit »Wilde Schafsjagd« bilden sie die »Trilogy of the Rat«.