Dai Sijie emigrierte 1984 nach Paris, lebt und arbeitet seitdem dort, in erster Linie als Regisseur und Autor. Seine Romane schreibt er auf französisch. Mit Sicherheit beherrscht er die französische Sprache meisterlich, kehrt sogar Redewendungen und Vokabeln hervor, die die Franzosen selbst kaum benutzen.
Dennoch: In der ersten Hälfte des Romans hat mich diese "Spracharbeit" nur genervt. Ich wurde das Bild nicht los, wie Dai Sijie den "Larousse" wälzt , um die richtige sprachliche Wendung zu finden. So eine geblümte, mal zu lyrische, mal zu bemüht intellektuelle, an schmückenden Adjektiven überreiche Sprache; dieses Anbiedern an den französischen Nationalchauvinismus und dann der inflationäre Gebrauch von Versatzstücken europäischer Aufklärung und Psychoanalyse (Freud und Lacan). Das alles wirkt so konstruiert, liest sich so holprig, ist weder Fisch noch Fleisch, dass man sich fragt: Was willst Du eigentlich erzählen? Soll DAS eine Geschichte sein, die unbedingt heraus musste? Oder hat sich da ein kulturell etwas verwirrter Intellektueller in Schwerstarbeit eine Kopfgeburt abgerungen?
Was also zunächst überhaupt nicht authentisch wirkt, entwickelt dann überraschend doch noch ein abenteuerliches Potenzial und eine Eigendynamik, die trägt. Zum Schluss hin wird die Geschichte immer fantastischer, wimmelt vor Abenteuern und skurrilen Begegnungen sowie Einblicken in ein post-sozialistisches China mit all seinen Träumen und Verwerfungen, und zwar von Einem, der seine Herkunft nicht vergessen und doch gehörigen Abstand zu ihr gewonnen hat. Der Schluss wiederum ist eigentlich keiner, und der Leser fragt sich etwas ratlos, was nun aus Protagonist Muo werden wird. Fortsetzung folgt?
Viele Rezensenten empfehlen das Buch, wenn man vorhat, nach China zu reisen oder sich einfach für China interessiert. Stimmt schon, ich gebe nur zu bedenken, dass der Roman weniger spiegelt, wie China heute "ist", sondern wie ein Exilchinese China heute (nachdem er selbst über 20 Jahre nicht dort war) sieht, und das ist häufig drastischer, zugespitzter, radikaler, aber auch humorvoller und liberaler als der Blick von innen heraus.