Die Realität hat keine Altersfreigabe, sie wird auch weder gekürzt noch zensiert, und stellt schon dadurch selbst die schrecklichsten Kinoeinfälle immer wieder in den Schatten. Spätestens nach den Entdeckungen in Amstetten weiss jeder Zeitungsleser, dass man nicht mehr erst ins tiefste amerikanische Hinterland fahren muss, um perverseste menschliche Degeneration zu finden, dass die Menschen, die diese Degeneration in sich führen, darüberhinaus auch nicht Gummischürze und Menschenhautmaske, sondern viel öfter einen Cosby-Pullover und Business-Anzug tragen, morgens ins Büro gehen, und nachmittags wiederkommen, und dann die Haustür hinter sich abschliessen.
Mum & Dad, entstand 2008, und die Nähe zu dem damals gerade erst aufgedeckten Geschehnissen hat ihn deutlich beeinflusst. Die Blaupause ist nahtlos auf jeden anderen Streifen aus dem unüberschaubaren Hinterwäldler und Kannibalengenre übertragbar (eine perverse vierköpfige Familie, die sich mit Gewalt einen unfreiwilligen Neuzugang entführt) - warum geht dieser Film aber so viel stärker an die Substanz? Warum befällt einem bei den Geschehnissen immer wieder ein Anflug von echter Übelkeit - obwohl niemand in Stücke gerissen, verstümmelt oder verspeist wird?
Die Antwort ist in dem altbekannten Zitat von Michael Haneke zu finden: Weil echte Gewalt einfach nicht konsumierbar ist. Mum & Dad verzichtet auf Musik, und auf Hochglanz, verzichtet sogar weitgehend auf echte Spezialeffekte - es sind dreckige, ungeschönte Aufnahmen, eines Hauses, wie man tagtäglich an einem vorbeigeht, und von unauffälligen Menschen, wie man sie tagtäglich in der Bahn, in der Tankstelle oder im Supermarkt zur Kenntnis nimmt.
In Mum & Dad kommt keine Machete vor, auch keine Nagelpistole oder Kettensäge - was wir hier sehen ist eine Unterschichthaushalt am Rande des Londoner Flughafens Heathrow, dessen Wertevorstellungen sich komplett von der menschlichen Natur abgekoppelt hat. Ein Haushalt, der ein Mädchen im Keller gefangen hält. Ein Haushalt, der auch schon andere Menschen im Keller gefangen gehalten hat. Ein Haushalt, wie es ihn in jeder Stadt gibt.