Im Zusammenhang mit den angeblich wiederaufgedeckten verdrängten Erinnerungen an sexuellen Missbrauch in der Kindheit kam in den achtziger Jahren eine Diagnose wieder in Gebrauch, die lange Jahrzehnte hindurch kaum mehr benutzt worden war: Die multiple Persönlichkeitsstörung. Die Frage, was eine multiple Persönlichkeit sein soll, erfordert ein gewisses Ausmaß an philosophischer Vorarbeit und Ian Hacking ist Philosoph.
Der Weg, den er wählt, um sich der "multiplen Persönlichkeit" zu nähern, ist nicht immer der geradlinigste und einfachste. Hacking schreibt viel über die Geschichte der Erforschung der Multiplen - viel über die Geschichte der Psychiatrie im 19. Jahrhundert, interessante Details. Im Vorbeigehen kann der Leser eine Menge über Entwicklungen in der abendländischen Seelenforschung lernen. Was da steht ist klug, vernünftig und sorgsam recherchiert. Doch die Fragen, die sich der eher (sozial- oder natur-) wissenschaftlich denkende Leser angesichts der Welle an Diagnosen von multiplen Persönlichkeiten stellt, werden, wenn überhaupt, nur am Rande beantwortet. In einigen Fällen macht Hacking dem Leser aber auch deutlich, dass er die falschen Fragen stellt.
Hacking selbst erwidert auf die selbstgestellte Frage nach der Realität der multiplen Persönlichkeit:
"Ich werde diese Frage nicht beantworten. Ich hoffe, dass kein Leser des vorliegenden Buches am Ende genau diese Frage stellen will. Nicht weil ich der Realität oder der Idee der Realität irgendwie überdrüssig bin. .... Ich erwarte, dass sowohl die Befürworter als auch die Gegner der multiplen Persönlichkeit einen Teil meiner Erörterungen unangenehm finden werden. Ich verspüre keine Neigung, Partei zu ergreifen. Mein Interesse liegt nicht unmittelbar darin, eine grundlegende zeitlose Wahrheit über die Persönlichkeit oder den Bezug zur Fragmentierung zum psychischen Leiden aufzudecken. Ich will wissen, wie diese Ideenkonfiguration zustande kam und wie sie unser Leben, unsere Gewohnheiten und unsere Wissenschaft geschaffen und geprägt hat" (S. 26).
Hackings Buch eignet sich auf jeden Fall, um Befürworten wie Skeptikern der multiplen Persönlichkeit eine differenziertere Sicht zu vermitteln. Der Weg allerdings, den Hacking dabei einschlägt, ist mühsam und voller Umwege. Das Thema des Untertitels - die Geschichte der Seele(nforschung) in der Moderne nachzuzeichnen - nimmt breiten Raum ein und dürfte nur ein recht exklusives Publikum anziehen. Für den Rezensenten, der vor allem an Aufklärung über das Phänomen der "multiplen Persönlichkeit" interessiert ist, war die Mischung nicht befriedigend.