Die Erwartungen, die sich mit den sogenannten neuen Bildungsmedien verbinden, sind hoch. Kolportiert wird die Meinung, daß "Online-Lernen nachhaltiger sei" als herkömmlicher Unterricht, da wird gemutmaßt, daß sich durch "Multimedia pädagogische Innovationen" auslösen lassen und, daß das weltweit verfügbare Wissen per Datenleitung erschlossen werden kann. Die Infobahn gilt schon als Handelsstrasse für weltumspannende Bildungsmärkte, das CBT-Programm als apersonaler Ersatz für den zu teuer gewordenen personalen Unterricht.
Angesichts solcher ungehemmter Technikgläubigkeit war es an der Zeit, die Maßstäbe zu justieren und auszuloten, wo Grenzen und Möglichkeiten des Medieneinsatzes eigentlich liegen. Genau diese wichtige Funktion leistet das von M. Kerres im Oldenbourg-Verlag 1998 vorgelegte Buch: "Multimediale und telemediale Lernumgebungen. Konzeption und Ent-wicklung.". Die Arbeit - so der Gesamteindruck - verfällt weder einer blinden Technophilie noch einer Technophopie. Belehrt durch pädagogische und psychologische Konzepte, spürt sie den Einsatzchancen der neuen Medien nach, wägt ab und gibt Entscheidungshilfen für Medienmacher und Endanwendner. Man spürt, daß hier einer redet und schreibt, der etwas von der Sache versteht. Kerres war - und das zeichnet seine Arbeit insbesondere aus - lange Jahre Leiter der Teleakademie in Furtwangen, d.h. jener Bildungseinrichtung, die, neben der "Virtuellen Universität", die an der FernUniversität in Hagen entsteht, gegenwärtig sicherlich auf dem Gebiet des Einsatzes und der Nutzung der neuen Bildungsmedien führend ist.
Das 399 Seiten starke Buch ist sehr klar gegliedert. Es unterteilt sich in vier große Kapitel: (1) Mediendidaktik, (2) lerntheoretische Ansätze, (3) Konzeption multimedialer Lernumgebungen und (4) Entwicklung multimedialer Lernumgebungen. Abgerundet wird die Arbeit durch einen Leitfaden, der als eine Art Pflichtenheft bei der Planung und Herstellung von telemedialen Lernumgebungen dienen kann.
Schon die Einstimmung auf das Thema läßt aufhorchen. Ausgangspunkt allen Medieneinsatzes, so kann man da lesen, ist das Bildungsproblem. So schlicht diese Feststellung auf den ersten Blick scheinen mag, so weitreichend ist sie in ihrer Konsequenz. Sie erteilt letztlich allen Versuchen eine klare Absage, die häufig genug darin bestehen, den frisch erworbenen HTML-Editor zur "Virtualisierung" der Ausbildungsinhalte zu nutzen und beflügelt vom Pio-niergeist der Gründerjahre online-learning oder computer-based-training zu praktizieren. "Es gibt keine innovativen oder antiquierten Medien für Lehr- und Lernzwecke. Und es gibt keinen Grund zu der Annahme, daß die Einführung bestimmter Medientechniken Innovationen oder gar Revolutionen in der Bildungsarbeit auszulösen vermögen. Die Bedeutung eines Mediums und seine Wirksamkeit ergibt sich aus dem jeweiligen Kommunikationszusammen-hang" (S. 11f.). Die gute alte Tafel ist insofern grundsätzlich nicht weniger Wert als die zum bunten Mediencocktail aufpolierte Lernsoftware für selbstgesteuertes Lernen.
Die Sichtweise, die Kerres einschlägt, bezeichnet er selbst als produktionsorientiert. Hier drückt sich die Handlungslogik eines auch praktisch Erfahrenen aus, der in den Kategorien des Herstellungsprozesses denkt. Wissenschaftstheoretisch sauber ordnet er diese Position dem Didaktischen Design und dem präskriptiven Aussagentypus zu. Einen Blick in die Medienwerkstatt zu werfen, ist natürlich hilfreich und als thematische Akzentuierung selbstverständlich legitim, besonders wenn man erfährt, was, bevor eine Anwendung entwickelt wird, zu erwägen ist und was nicht. Dennoch wird die Mehrzahl der Medieninteressierten eher auf der Seite der Anwender und weniger auf derjenigen der Hersteller zu finden sein. Daß aber heißt, daß das Problem der Nutzung und Auswahl von Bildungsmedien ein zentrales Thema ist und bleibt, mit dem sich nicht nur das Berliner Modell der Didaktik, das vermutlich jeder Lehrer kennt, ausführlich beschäftigt hat.
Jede Konzeption von Unterricht macht implizit oder explizit von Vorstellungen Gebrauch in welcher Art und Weise Menschen lernen. Das gilt für die Konzeption, Entwicklung und den Einsatz von neuen Medien in gleicher Weise. Hinlänglich bekannt ist noch das Beispiel des Behaviorismus, der in den 60er Jahren den programmierten Unterricht anführte. In gleichem Maße wie dieser Ansatz an seinem Universalisierungsanspruch scheiterte, scheiterte letztlich auch die Vorstellung einer Mechanisierung des Unterrichts durch Zerlegung der Lernziele in kleinschrittige Programmabschnitte. Heute schicken sich Konstruktivismus und sogenannte situierte Ansätze des Lernens an, den neuen Bildungsmedien die notwendige lerntheoretische Untermauerung zu liefern. Die Wahlverwandschaft, die hier gestiftet wird, geht Kerres mit einiger Zurückhaltung an. Nach seiner Einschätzung handelt es sich beim Konstruktivismus "um ein Konglomerat von didaktischen Ansätzen und Methoden sowie Vorstellungen über Menschenbilder, so daß eine prägnante Charakterisierung einer entsprechenden Position als didaktischer Ansatz und Grundlage einer mediendidaktischen Konzeption schwer fällt." (..) "der Begriff" -so führt er weiter aus - sorgt "im bildungswissenschaftlichen Diskurs eher für Verwirrung als für Klarheit" (S. 68). Mag sein, daß diese Einschätzung auch dem Umstand geschuldet ist, daß Kerres selbst wohl eher den kognitivistischen Ansätzen zuneigt. Dies macht sich besonders in jenen Teilen seiner Arbeit bemerkbar, in denen er eine Taxonomie verschiedener Lehrziele vorlegt, an denen die Medienproduktion u.a. ihre Ausrichtung vorzu-nehmen hat. Großes Gewicht kommt hierbei der Unterscheidung verschiedener kognitive Lehrziele zu, denen bestimmte Wissensarten korrespondieren: In kognitionswissenschaftlichen Terms gesprochen geht es hierbei um die Differenzierung zwischen dem "deklarativen", dem "prozedualen" und dem "kontextuellen Wissen". Die Generierung dieser Wissensarten schließt an Lehrangebote an, die eher "darstellende" oder "aktivierende" Funktionen erfüllen, bzw. an solche, die eine "Einbettung in Handlungswelten" favorisieren.
Gleich welches Lernszenario auch gewählt wird, Kerres verweist darauf, daß seine multimediale Umsetzung stets die Frage nach einem Leitmedium aufwirft, das die zentrale Steuerungsfunktion in einem Konzert von Medien übernimmt. " In einer multimedialen Lernumgebung übernimmt das technische Medium in der Regel die Funktion des Leitmediums; perso-nale Dienstleistungen (Beratung, Betreuung, Unterstützung) sind an diesen auszurichten, und beziehen sich auf bestimmte Teilprozesse des Lernens und werden in bestimmten Phasen des Lernens relevant" (S. 280).
Eine schon fast inflationär gebrauchte Vokabel zur Kennzeichnung der neuen Bildungsmedien ist der Ausdruck "interaktiv". Nahezu jede Software, beinahe jede CD-Rom, die im Handel erscheint, schmückt sich mit diesem Etikett, ohne daß recht klar wird, an welche Semantik die Wortwahl anknüpft. Handelt es sich bei der Verwendung des Begriffs um den Bedeutungsinhalt, der im sozialwissenschaftlichen Kontext die Runde macht, oder um ein eher technisches Verständnis dergestalt, daß das Medium auf die Eingabe eines Nutzers eine schlichte Reaktion gemäß dem zugrundliegenden Algorithmus erzeugt? Kerres zeigt auf, daß wir es bei den neuen Bildungsmedien mit sehr verschiedenen Dimensionen von Interaktivität zu tun haben. Es kommt darauf an, um welche Art von Medium es sich jeweils handelt: Es macht einen Unterschied ob es sich um, gespeicherte", "generierte Multimedia-Information" oder um "kommunikationstechnische Szenarien" handelt. Im ersten Fall, d.h beispielsweise bei CD-Roms, die einen "wahlfreien Zugriff" auf die Information erlauben, sieht Kerres die Merkmale der Interaktivität in der Auflösung der physikalischen Speicherorganisation und der kognitiven Repräsentation beim Benutzer. Bei generierter multimedialer Information (Beispiele dieser Art sind u.a. virtuelle Realitäten) kann Interaktivität darin gesehen werden, daß das Medium zusätzlich zum Zugriff auf die Information auch die Möglichkeit des Eingriffs in die Information erlaubt. Erst bei kommunikationstechnischen Szenarien schließt der Begriff der Interaktion an den Bedeutungsumfang an, der ihm aus sozialwissenschaftlicher Sicht zukommt. Hier geht es dann allerdings auch nicht mehr um ein Lehren und Lernen mit vorgefertigten "Bildungskonserven", sondern um Formen des Online-Learnings und -trainings in synchroner oder asynchroner Form, also um die Realisierung eines kommunikativen Austau-sches mit Hilfe der neuen Informationstechnik.
Eingehend behandelt Kerres die Frage der Effizienz und Effektivität "mediengestützten Ler-nens", die für alle Medienmacher, Entscheidungsträger und solche, die sich mit der Überlegung tragen, neue Bildungsmedien in Bildungseinrichtungen einzusetzen, von zentraler Bedeutung ist. Verdienstvoll an den von Kerres vorgetragenen Überlegungen ist, daß er sie nicht ein (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)