Da "Mulholland Drive" mein absoluter Lieblingsfilm ist, lag es nicht fern, mir auch den Soundtrack zu besorgen. Denn bei kaum einem Regisseur wird die Musik so vielseitig in den Film eingebunden, wie bei David Lynch - einmal zum Einfangen der Atmosphäre und andererseits auch ganz vordergründig als direkter Teil der Erzählung.
Und was macht diesen Soundtrack für sich betrachtet nun so großartig? Nun, da sind zum Beispiel Songs, die selbstständig schon großartige Perlen sind, wie "Bring it on home" und Linda Scott's "I've told every little star". Dass der im Film verwendete 50er-Oldie "Sixteen Reasons" aus urheberrechtlichen Gründen auf dem Soundtrack fehlt, verärgert zunächst ein wenig, andererseits ist er aus diesem Bereich auch der schwächste Song, insbesondere Linda Scotts liebliche Stimme kann über den "Verlust" zigfach hinwegtäuschen.
Eine zweite große Gruppe - eigentlich die hauptsächliche - auf dem Album sind die sphärischen Kompositionen von Angelo Badalamenti. Zum Teil sind das wunderschöne Orchestralstücke , die sofort Erinnerungen an die wunderbaren Filmbilder wachrufen. Hervorzuheben ist dabei das Thema "Mulholland Drive", das bedrohlich und wunderschön zugleich ist und somit die merkwürdige Stimmung des Films eigentlich recht gut einfängt. Zum Teil sind die Badalamenti-Stücke aber auch leise Klangteppiche ohne echte Melodie, typisch Lynch'sche Störgeräusche. Wenn man nicht ganz genau hinhört, meint man fast, es käme gar keine Musik mehr aus den Lautsprechern. Einige dieser Stücke sind ziemlich lang, wie das 12minütige "Dwarfland" und nehmen dem Soundtrack an sich seinen Fluss. Zunächst habe ich mich gefragt, was man von diesen Stücken hat, inzwischen bin ich dahinter gekommen. Obschon man die Musik beim bloßen Soundtrack-Hören kaum wahrnimmt, schleicht sie sich doch unbewusst ein. Und wenn man sich den Film dann wieder anschaut, erkennt man plötzlich die perfide Geräuschstruktur, nimmt sie verstärkter war. So wird man sich erst wirklich bewusst, wie geschickt über die leisen Hintergrundgeräusche der Zuschauer manipuliert und emotional in bestimmte Richtungen gedrängt wird. Die leisen Stücke des Soundtracks dienen also zum intesiveren Filmerlebnis.
Die dritte Songruppe sind die größten Highlights, nämlich die Songs von David Lynchs eigener Band "Blue Bob". Die Lieder "Pretty 50s", "Go get some" und "Mountains Falling" sind zwar simpel strukturiert, gehen mit ihrer ungewohnten Mischung aus Blues und Industrial aber intesivst unter die Haut. Übrigens: Entgegen der Verlautbarung im Booklet der "Mulholland Drive"-CD befindet sich der Song "Pretty 50s" NICHT auf dem "Blue Bob"-Album, weshalb es sich durchaus lohnt, sich beide Werke anzuschaffen.
Bleibt noch ein Song, das unvergleichlich schöne "Llorando" von Rebekah del Rio [die Dame ist keine Filmerfindung]. Dieser Song, dem im Film eine Schlüsselfunktion zukommt, besteht nur aus Gesang und ist dennoch oder gerade deswegen atemberaubend. Wie zur Hölle kann ein Mensch so gut singen? Und wie schafft es dieser Song bloß, tiefe Emotionen wachzurütteln und mir bei jedem Hören Tränen in die Augen zu treiben? Man kann Betty und Rita im Film verstehen, wenn sie bei diesem Song, dem Titel entsprechend, zu weinen beginnen.