... ist ein Lied der Beatles auf ihrem berühmten SGT. PEPPER Album, um die Beatles geht's in Virginia Woolf's MRS. DALLOWAY jedoch nicht (wenngleich auch sie, wie die Romanautorin Woolf und die Hauptdarstellerin Vanessa Redgrave, Briten sind/waren), um "A Day In The Life" (= Ein Tag im Leben) allerdings um so mehr. Um einen Tag im Leben von Clarissa Dalloway nämlich, die, als Dame der Londoner Gesellschaft zur Zeit der frühen 20er Jahre, am Abend eine Party geben wird und dafür noch einige Vorbereitungen zu treffen hat. Dabei wird sie den ganzen Tag über von Erinnerungen begleitet, Erinnerungen an eine Zeit von vor 30 Jahren, die sie mit Menschen verbracht hatte, die sich abends auch zu ihrer Party einfinden werden. Zeitgleich (= im Wechsel mit den Szenen der Reminiszenzen und der Partyvorbereitungen von Mrs. Dalloway) wird der Zuschauer mit einem parallel ablaufenden Handlungsstrang konfrontiert, im Rahmen dessen ein junger Mann namens Septimus vorgestellt wird, der sich als Soldat im 1. Weltkrieg ein schweres Kriegstrauma zugezogen hat. Beide Handlungsstränge funktionieren weitestgehend unabhängig von einander, berühren einander für Momente nur oberflächlich, was dabei gelegentlich für einen surrealen Eindruck sorgt.
Klingt alles nicht so spannend? Ja, so in etwa würde ich vermutlich auch urteilen, würde mir jemand darüber erzählen. Zum Glück hatte ich diesen Film irgendwann in den 90ern schon einmal im TV gesehen und, obwohl meine Erinnerungen daran bedauerlich erblaßt waren, haben offenbar tiefgehendere Eindrücke erfolgreich überlebt - so habe ich kürzlich, nach einigem Zögern, doch zugegriffen und mir diese DVD zugelegt: Eine gute Entscheidung!
Ich habe Virginia Woolf niemals gelesen (so also auch nicht MRS. DALLOWAY) doch habe ich das sichere Gefühl: Es macht überhaupt nichts! Obwohl zeiteingrenzende, tradierte Vorstellungungen unzweifelhaft (und berechtigt) als Setting für die Story fungieren, erhebt sich ihre eigentliche Quintessenz weit darüber hinaus: Es geht ganz einfach um menschliche Empfindungen, Gedanken, Situationen, die theoretisch zu verschiedensten Zeiten an verschiedensten Orten der Welt von Bedeutung sein könnten ... Clarissa Dalloway hat seinerzeit Mr. Dalloway geheiratet, aus Gründen der Absicherung heraus, resultierend aus einer gewissen Angst vor dem 'Abenteuer Leben' - doch hat sie ihre Jugendliebe Peter Walsh niemals vergessen. Peter, aus jahrelanger Abwesenheit erst heute nach London zurück gekehrt, erscheint des Abends auch zu Clarissa's Party und er macht keinen Hehl daraus, daß Clarissa immer DIE Frau für ihn geblieben ist, alle anderen waren nur 'Ablenkung' - und dennoch zeigt er sich ein wenig enttäuscht von ihrer Oberflächlichkeit, die sie sich im Laufe ihres gesellschaftlichen Lebens so angeeignet zu haben scheint. Darüber spricht er auch mit Sally Seton, der damaligen, gemeinsamen Freundin von Peter und Clarissa - heute gesellschaftlich gut situiert, geadelt, Mutter von 5 Kindern und reichlich in die Breite gegangen - die dies schlagfertig und den Kern treffend zu kommentieren weiß. Ein schlimmes Ereignis, im Zusammenhang mit dem Soldaten Septimus, von dem Clarissa Dalloway ausgerechnet an ihrer Party Kenntnis erhält, läßt sie sich distanzieren vom 'Partyvolk', treibt sie auf den Balkon, wo sie mit sich und ihren Gedanken (an denen der Zuschauer fortwährend teil hat) allein sein kann ... und so - eben alles andere als oberflächlich - erlebt Peter die Liebe seines Lebens eben leider nicht. Was für die Protagonisten oft ungesagt/ungehört bleibt - dem Zuschauer enthüllt sich alles in vollem Maß.
Der Film lebt von seinen gut gezeichneten wie personifizierten Charakteren, das betrifft die gegenwärtige, ältere Generation ebenso, wie dieselben Charaktere, als sie noch einige Jahrzehnte jünger waren. Natasha McElhone, beispielsweise, überzeugt als junge Clarissa, die vielleicht gar nicht weiß, wie lebenshungrig sie eigentlich ist, weil sie es sich nicht zugesteht, ebenso, wie eine großartige (!!!) Vanessa Redgrave, die zeigt, daß Mrs. Dalloway auch im Alter auch noch keinesfalls abgeklärt ist - unabhängig davon, welches oberflächliche, über die Jahrzehnte gut einstudierte Bild sie nach außen hin vermitteln mag ... Vanessa Redgrave weiß im übrigen auch im 'Making Of' noch einmal zu glänzen, durch das Gedankengut und die Informationen, das/die sie dort veräußert. Die Inszenierung ist in ihrer Gänze gelungen, geht sensibel auf verschiedenste Situationen ein - dies zeigt sich in der Verbindung beider Handlungsstränge ebenso, wie im Übergleiten der Gegenwart in die Vergangenheit (und wieder zurück) oder auch in den Szenen, in denen Clarissa's Gedanken (= Stimme aus dem 'Off') eine ganz andere Sprache sprechen, als das simultan Gezeigte ... und es gibt noch viele Momente mehr. Trotz mancher Vorzeichen die darauf hindeuten könnten, ist MRS. DALLOWAY kein reiner 'Frauenfilm', er ist vielmehr ein 'menschlicher' Film, einer der durchaus 'leisen Töne', der dennoch offen entlarvt, auf den Punkt bringt und inspiriert - für Inspiration sorgen allein schon eine ganze Reihe von Äußerungen innerhalb der Dialoge, wie auch Monologe. Wer nicht völlig unbewußt lebt, sondern zuweilen den Mut aufbringt (sofern dieser denn überhaupt von Nöten ist), sich mit sich selbst und seinem eigenen bisherigen Lebensweg zu konfrontieren, findet in Clarissa Dalloway mit ihren Gedanken, Erinnerungen, Ängsten, verheimlichten Wünschen, Beobachtungen und Resumées eine ganz hevorragende 'Wegbegleiterin' für gute eineinhalb Stunden - dies optional in deutscher wie in englischer Sprache (jeweils in Dolby Digital 2.0, deutsche UT gibt's ebenfalls) und im Bildformat 1.85:1 anamorph. Das Bonusmaterial (das ebenfalls den deutschen Trailer enthält) lohnt wegen des bereits erwähnten 'Making Ofs', in dem außer Vanessa Redgrave auch andere (z.B. Regisseurin, Drehbuchautorin) zu Wort kommen.
Mir persönlich hat der Film zusätzlich auch noch einmal Aufschluß über das Konzept des Films THE HOURS gegeben, der sich bekanntlich stark an Virginia Woolf/MRS. DALLOWAY orientiert. Darüber hinaus ist MRS. DALLOWAY sicher kein Film für 'jeden Abend', sondern vermutlich eher für ausgesuchte Momente im Leben - wann immer man einen solchen für gekommen halten mag (Ostersonntag? Eine Vollmondnacht? Oder einfach ein Tag im Leben?). Ich jedenfalls bereue es keinesfalls, die DVD dann doch noch erworben zu haben, da ich mich an ihr, im richtigen Augenblick, immer wieder erfreuen werde, so viel weiß ich, nach erneutem Ansehen, heute sicher. Daher empfehle ich sie an Interessierte auch uneingeschränkt weiter, denn der Film berührt, bewegt und inspiriert, ohne jemals dem Kitsch zu verfallen, er besticht außerdem durch Beobachtungsgabe, Scharfsinn und Lebenserfahrung. Sind Sie bereit für "Einen Tag im Leben"? Dann los!
-- theSilentNoirFreak