Latife Hanim (der Zusatz Hanim steht für Dame, Frau - 1899-1975) und Mustafa Kemal Pascha (1881-1938), türkischer Soldat, Führer und Staatsmann, der die Republik Türkei gegründet hat und ihr erster Präsident wurde. Zweieinhalb Jahre waren die beiden verheiratet, von 1923-1925. In den Jahren nach der Scheidung wurde Latife von der offiziellen Geschichtsschreibung ignoriert. Ipek Çalislar erzählt mit diesem Buch nicht nur die Geschichte einer Frau, wie sie in einer wohlhabenden Familie aufwuchs, das Zusammenleben, die Zeit nach der Trennung bis zu ihrem Tod, sie zeigt auch die ersten, schwierigen Jahre der Republik, zeigt die gesellschaftlichen Umbrüche und welche Rolle Latife dabei spielte.
Die Schwerpunkte reichen dabei von dem gesellschaftlichen Leben bis hin zur türkischen Frauenbewegung. Das türkische Zivilgesetz, welches 1926 in Kraft trat und auf dem Schweizer Zivilgesetz basiert, wurde zumindest laut der Zeitschrift TIME durchaus von Latife beeinflusst. Die Führerin der türkischen Frauenbewegung jener Zeit war jedoch Nezihe Muhiddin. Darüber hinaus geht Ipek Çalislar aber auch auf spezielle Fragen ein: Worauf gründete die Ehe? Spielte bei der Eheschließung Geld eine Rolle? Was waren die Gründe für die Scheidung? Dabei gibt es keine klaren Antworten. Die Zeitzeugen sind tot und so hat die Autorin aus Dokumenten und Aussagen Verschiedenes zusammen getragen, welches sie dem Leser neutral präsentiert. Komplex, nicht einfach. Sicher scheint mir zumindest, dass Atatürk sehr wohl eine gebildete und selbstbewusste Frau schätzte. Warum sonst hätte er Latife geheiratet, sie nachhaltig unterstützt auf ihrem Weg. Hätte er ein Heimchen am Herd gesucht, so wäre Fikriye - eine Verwandte Atatürks und die Frau, die vor Latife seinen Haushalt führte - die richtige Wahl gewesen. Dass Fikriye ihn liebte und durch die Heirat maßlos enttäuscht wurde, zeigt ihr Selbstmord. Nein, meiner Meinung nach schätzte der türkische Führer eine Frau, mit der er auf Augenhöhe leben konnte, die durch ihre Fremdsprachenkenntnisse ausländische Diplomaten beeindruckte, die Reden halten konnte, die selbstbewusst ihre Meinung äußerte.
Latife selbst schwieg bis zu ihrem Tode über die Beziehung und hat auch ihre Verwandten zum Schweigen verpflichtet, so dass die Recherchen der Autorin erschwert wurden. Sie musste vor allem Dokumente, Zeitschriften, Zeitungen, Memoiren von Zeitzeugen und andere Bücher als Informationsmaterial nutzen. Zwei Jahre lang dauerten die Arbeiten. Die Bibliografie am Ende des Buches ist erstaunlich umfangreich. Schade nur, dass die meisten Bücher türkische Titel tragen. Des Weiteren sind natürlich nicht nur mehrere Seiten mit Fotografien vorhanden, sondern auch ein Anhang, in dem die wichtigsten Ereignisse (z.B. Gallipoli, Friede von Lausanne, etc.) sowie Personen und sonstige Besonderheiten erläutert sind. Im Text selber sind immer wieder Zitate (kursiv / eingerückt) eingebaut. Diese Zitate sind mitunter auch länger, stören aber zumindest meiner Meinung nach den Lesefluss nicht, sondern unterstützen die Aussagen der Autorin.
Mein Fazit: Ipek Çalislar erzählt nicht nur von einer gebildeten, fortschrittlichen Frau, sie zeigt auch unbekannte Seiten des Gründers der Republik Türkei. Seiten, die einem den Menschen Atatürk näherbringen. Gut geschrieben mit gelungener Integration des geschichtlichen Hintergrunds. Meiner Meinung nach empfehlenswert für Leser, die an Biografien Spaß haben oder sich für historische Themen interessieren.