Der belgische Dramaturg, Regisseur und Drehbuchautor Jaco Van Dormael schuf mit "Mr.Nobody" seinen dritten abendfüllenden Spielfilm und der Umstand, dass er seine Hauptberufung in der Inszenierungen von Theaterstücken sieht, führte wahrscheinlich dazu, dass er mit diesem wirklich aussergewöhnlichen Film erst sein drittes filmisches Werk veröffentlichte. "Toto, der Held" (1991) und "Der achte Tag" (1996) erfreuten sich auf den (relavanten) weltweiten Filmfestivals großer Beliebtheit, nicht nur bei Kritikern und so gewann Van Dormael die goldene Kamera bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 1992 für "Toto, der Held", als bestes Erstlingswerk. Viel Zeit ist seitdem vergangen, doch man konnte gespannt sein auf einen Film, der von Kritikerseite erneut über den Klee gelobt wird und bei dem zu erwarten ist, dass er auch unter den Kinobesuchern oder DVD Liebhabern so einiges auslösen könnte. Zum Beispiel eine Auseinandersetzung über die eigene Existenz, die all zu oft wie selbstverständlich akzeptiert und definiert wird, deren potentielle Möglichkeit/Unmöglichkeit vielleicht viel zu selten Gegenstand eines Gedankens ist.
Nemo Nobody ist 118 Jahre alt und das öffentliche und wissenschaftliche Interesse im Jahr 2092 richtet sich auf die letzten Tage des einzigen und vor allen Dingen letzten Sterblichen in einer futuristischen "Halb-Unsterblichkeits-Welt". Der Greis kann sich nur vage an seine Vergangenheit erinnern, zu wenig für den allerletzten seiner Art und der Interessensbefriedigung der forschenden Zunft. Neben einem Psychologen der mittels Hypnose an die Erinnerung heranzukommen versucht, ist es ein Reporter, der sich bemüht, die einzelnen Puzzleteile und Fragmente der vielleicht 118 Jahre alten Erinnerungsbestände zu entschlüsseln und zu einem schlüssigen und verstehbaren Ganzen zu konstruieren. Doch beide müssen sich damit zurecht finden, dass Nemo nicht allein den biographischen und geschichtlichen Werdegang seiner Person konkretisiert, sondern scheinbar einen großen Teil der zurückliegenden Entscheidungspunkte des eigenen langen Lebens aufgreift und die verschiedenen, daraus potentiell resultierenden Möglichkeiten durchspielt. Möglichkeiten, aus denen sich jeweils ein neues Leben, eine neue Wirklichkeit entwickelt.
Bis hierhin hört sich das Ganze verwirrend an und das ist es auch, denn der Erzählbogen verweilt nicht nur für einen kurzen Moment in der futurischen Welt der Folgezeit, sondern zappt zusätzlich bereits in verschiedene Lebensabschnitte Nobodys um den Zuschauer auf einen langen Trip vozubereiten, in der grundsätzliche Fragen zur menschlichen Existenz bereits fühzeitig als Hauptbestandteil des Films auszumachen sind. So sieht man Nemo, wie er in einem Auto zu ertrinken scheint, oder wie er mit einer Frau zusammelebt. Die Filmführung begnügt sich nicht mit einer linearen Erzählstruktur, in der an einem Anfang begonnen wird und anschließend auf einer mehr oder weniger geraden Strasse auf ein Ende hinzu gesteuert wird, sondern erweist sich als zirkulär, in der schon bald nicht mehr klar ist, ob Nobody als Sterbender die verschiedenen Möglichkeitskreuzungen analysiert und erzählt, oder ob es Nobody als 9jähriges Kind ist, welches im Theater oder im Kino sitzend, das Leben unterschiedlicher und möglicher eigener Perspektiven verfolg, in der es sich auch selbst als den erzählenden Greis in der Zukunft erkennt.
Zwei Hauptstränge lassen sich jedoch herausfiltern. Zum einen steht die Scheidung der Eltern im Mittelpunkt, die Nobody dazu zwingt sich zwischen dem eigenen Verbleib bei seiner Mutter oder dem Vater entscheiden zu müssen. Ausgehend von den unterschiedlichen Entscheidungsmöglichkeiten ergeben sich unterschiedliche Zukunftsmodelle, aus denen sich der zweite Hauptstrang ergibt. Drei Traumfrauen, Elise, Jean und Anna, mit denen er, in dem jeweiligen und dazugehörigen Leben niemals alt wurde, weil der Tod oder die Trennung dazwischen kamen, das jeweilge hypothetische Leben das er führte aber lebenswert erschien.
Möchte man es verkürzt darstellen, könnte man sagen, der Film widmet sich der Frage: Was wäre, wenn.....? Wenn Entscheidungen anders ausgefallen wären. Wenn es nicht der freie Wille war, der irgendein Verhalten beeinflussen konnte. Wenn es nicht das Unterbewusstsein war, was einen handeln liess. Was wäre, wenn man gelenkt, ferngesteuert wäre, an den Strippen irgendjemands hängen würde. Wenn man nur auf Reize und Stimuli reagieren würde und dadurch vielleicht mainpulierbar gemacht würde. Was wäre, wenn Interaktion und Kommunikation mehr Einfluss auf mich hätten, als ich denken kann. Wenn der bewusste Zustand des Erkennens von inneren Ereignissen und der Welt aussen nur eine Blaupause ist, einer Matrix entspringt? "Mr. Nobody" hat viele Ebenen, widmet sich verschiedenster Erkenntnisse, dem Schicksal, dem Zufall, dem Glück, der Liebe, der Angst oder der Selbstbestimmung als Motor der Entscheidung und des Verhaltens. Er benutzt und widerlegt Theorie, auf der Suche nach der Antwort darauf, was ich wissen kann, wenn ich nichts weiss. Und vor allem, was ich damit dann anfange. Der Film ist hochgradig philosophisch und begiebt sich auf das Pakett der Metaphysik, auf die Suche nach der letzten grossen Frage. Der Film ist hochgradig psycholgisch. Pavlov und der Behaviorismus, das Bewusstsein als Konstrukteur der Realität, der Fatalismus und kulturelle Identität werden verarbeitet. "Mr. Nobody hat eine biologische Ebende, eine evolutionäre, eine chaostheoretische und, und, und.
Aber vor allem eins ist der Film. Ein poetisches und auch trotz der in fragestellenden Grundthematik feinfühliges und weiches Meisterwerk, ein Feuerwerk an Inspiration und Kreativität, grandios inszeniert. Ein Film voller Schönheit und Anmut, in unbeschreiblichen Bildern und Fotographien, mehr oder weniger offener Symbolik und er ist eine Liebeserklärung an das Denken und die Reflexion. Er benutzt die Techniken des Theaters, des Kammerspiels, der Kulissen und Szenen und auf der anderen Seite erkennt man die Freude Van Dormaels daran, einmal mit Hilfe der filmischen Umsetzung aus dem Zwang und der Begrenzung des Theater ausbrechen zu können.
Auch wenn "Mr. Nobody" anstrengend ist und man sich häufig zwingen muss, nicht die Pausentaste zu betätigen, weil man eigentlich erst einmal Zeit zum verschnaufen bräuchte, zieht er einen durch die geistreich gestalteten Plots, durch die schönen und traurigen Geschichten und die begeisternde filmische Raffinesse. Der Film glänzt durch seine Ästhetik und Schönheit, durch Schlichtheit, so wie durch die unprätentiöse Erzählweise.
Die schauspielerische Leistung aller Akteure ist überragend, allerdings muß Jared Leto in der Rolle des "mittleren Nemo Nobody" in diesem Kontext ein Extrakompliment gemacht werden. Er spielt die Rolle mit einer Leichtigkeit und Souveränität, dass man kurzfristig vergessen kann, dass es eben nur eine gespielte Rolle ist (wenn sie es denn ist:-)). Jared Leto unterstreicht damit wiederholt, dass er nicht nur ein Musiker ist der nebenbei (schlechte) Filme macht, wie bei so vielen in der letzten Zeit, die ihr Ego anscheinend auf- und ausbauen müssen, sondern dass er das schauspielerische Handwerk aus dem FF beherrscht und vollkommen zu überzeugen weiss, nach "Requiem For A Dream", "Ein Amerikanischer Qulit", "American Psycho" etc, schon zum wiederholten Male.
"Mr. Nobody" ist ein kaum zu beschreibender Film, den man selbst gesehen haben muss, um sich ein wirkliches Bild machen zu können. Jeder Versuch meinerseits, ihn irgendwie zu beschreiben, geht schlußendlich in die falsche Richtung und lässt sein Potential nicht mal annähernd erahnen. Auch wenn der Film, der sich grob zwischen den Genres Drama und Sci-Fi einordnen lässt, mit knapp 140 Minuten wirklich sehr lang geraten ist und man ihm vorwerfen könnte, dass er zu viel will, man aus dem Stoff mindestens 10 Teile hätte machen können, gehört er für mich nach zweimaligem Sehen zu dem besten, was ich jemals gesehen habe. Einen wirklichen Vergleich zu anderen Filmen kann ich nicht ziehen, dafür ist er zu eigen und zu unkonventionell. Allerdings verarbeitet er verschiedene Ideen und Bilder anderer Streifen, oder verwendet gelegentlich sogar 1:1 Kopien. Nicht selten erinnerte mich "Mr.Nobody" an Filme wie "Stay", "Amelie", "2046", "The Trueman Show" "In The Mood For Love", "Blackbox" "Garden State", "12 Monkeys", "Butterfly Effect", "Die Stadt Der Verlorenen Kinder", "Donny Darko" oder "Harold and Maude", sowohl aufgrund einer gewissen Ähnlichkeit der Thematik, der Ästhetik, als auch, wie bereits erwähnt, wegen der Szenenübernahmen und -kopien. Diese sind jedoch so klug eingebaut, dass sie als Homage gesehen werden müssen und wenn ich eine ungefähre Empfehlungen ausgeben sollte, dann könnte das Gefallen an den genannten Filmen, sowie eine Begeisterung an nachhaltigem (Arthouse) Kino, bei dem der Kopf nicht kurzfristig entlastet werden soll, Grundlage sein, "Mr. Nobody" in die Tiefen seiner (und Deiner/Ihrer) Realität begleiten zu wollen und zu können.....aber was genau ist dennn diese Wirklichkeit eigentlich?