Der Regisseur Wayne Wang dürfte vielen durch seine Filme "Smoke" und "Blue in the Face" mit Harvey Keitel bekannt sein. Mr. Shi unterscheidet sich aber stark von diesen Filmen, da der Filmemacher hier einem Thema nachgeht, das mehr mit seinem eigenen Hintergrund als chinesischer Einwanderer in den U.S.A. zu tun hat.
Wenn man die Inhaltsangaben und Beschreibungen zu den Film nur schnell überfliegt, könnte man meinen, es würde hier einfach die Geschichte eines alten Mannes erzählt, der durch seinen Vorsprung an Erfahrung ein Vorbild und Mentor für andere ist. Der Film gibt sich aber mit so einer einseitigen Darstellung nicht zufrieden, sondern zeigt die vielen Schwierigkeiten in der Beziehung eines Vaters zu seiner Tochter.
Mr. Shi ist ein verwitweter alter Mann, der seine Tochter, Hilan, in Amerika besuchen kommt. Er hat von ihrer Scheidung erfahren und meint daher sich um sie kümmern zu müssen. Dabei gibt er ihr viele gut gemeinte Ratschläge und kümmert sich um den Haushalt, während seine Tochter in der Arbeit ist. Doch all das genügt nicht, um zu Hilan durchzudringen, die sich gegenüber ihren Vater sehr verschlossen verhält. Man beginnt zu ahnen, dass zwischen ihnen ein tiefer Riss besteht, der auf ihre gemeinsame Vergangenheit in China zurückgeht...
Vor allem ist "Mr Shi und der Gesang der Zikaden" ein Film über die Sprache und die Schwierigkeiten der zwischenmenschlichen Kommunikation. Obwohl Mr Shi nur ein paar Brocken Englisch kann, unterhält er sich in einem Park sehr gut mit einer alten Frau aus dem Iran. Durch Aufrichtigkeit und guten Willen schaffen es die beiden die Sprachbarriere zu überwinden. Dem entgegen stehen die äußerst wortkargen Abendessen die Mr. Shi mit seiner Tochter verbringt. Es gibt Szenen, in denen der alte Mann beim einsamen Warten auf Hilan, immer wieder die Sätze übt, die er zu ihr sagen möchte. Ausgerechnet das Gespräch mit ihr, macht diesen Mann, der sonst zu fast allen Menschen einen guten Draht zu finden scheint, enorme Probleme. Erst ganz am Ende kommt es zur großen Aussprache zwischen den beiden...
In einem Interview, das auf der DVD als Bonus enthalten ist, sagt Wang dass es ihn diesmal darum ging eine mehr asiatische Filmsprache zu finden. Herausgekommen ist eine sehr stille Art des Erzählens, die mit ruhigen Bildern tiefe Gefühle vermittelt. Wie einsam der alte Mr. Shi ist, wird spürbar gemacht, wenn er alleine in der Wohnung seiner Tochter herumirrt und sich eine russische Matrjoschka Puppe (das Symbol schlechthin für Familie) anschaut. Man muss sich auf diese Atmosphäre einlassen, um den Film zu genießen.
Mit gerade mal 80 Minuten ist Mr. Shi ein sehr kurzer Film, der allerdings eine berrührende Geschichte auf sehr interessante Art und Weise erzählt. Vor allem bekommt man hier wirklich etwas aufregend anderes geboten. Sehr gelungen ist auch der sparsame Einsatz von Musik und speziell der wunderbare Song, der am Ende des Films zu hören ist.