Ich weiß nicht, ob es anderen Menschen in ihren Dreißigern auch so geht, aber mir, uns, haben unsere 68er-Lehrer, welche beim Marsch durch die Institutionen beim Oberstudienrat hängengeblieben waren, stets alles nur Mögliche getan, um uns die Freude an der Literatur des Biedermeier zu vergällen. Der Biedermeier galt als verschnarcht und langweilig, eine Epoche aus der kein weltverbessernder Impuls kam. Und schon der Name "Mörike", etwa, klingt doch nach schwäbischer Verschlafenheit, oder?
Wer also, wie ich, Angst hat vor dem Lethe-Trank der kleinstädtischen Schlafmützigkeit der restaurativen Epoche, mag zu dieser kurzen Novelle greifen - dann ist er der biedermeierlichen Gravitation für weniger als drei Stunden ausgesetzt. Und was ihn, bis in alle Glieder entspannend erwartet, ist - eine Idylle. Hier sind wahre Menschen, die sich menschlich benehmen, die bescheiden sind und zufrieden, mit dem, was der Tag bringt. Hier sitzt der Bürger bei dem Fürsten, und niemand trägt revolutionäre Pamphlete vor. Ein wenig nur schielt das schwere Schicksal - wir wissen ja auch von Mozarts frühem Tod - in das traute (hier passt das bereits ausgestorbene Wort) Beisammensein.
Eine Idylle - so etwas darf es geben, so etwas darf sein, weil es, zwar fiktional, auch dem echten Leben entnommen ist. Und, so mag man beim Lesen denken, das Idyllische, ohne abgeschmackt oder süßlich zu wirken, wirklich als solches schildern zu können, ist vielleicht eine größere Kunst, als im Menschen einen brausenden "Sturm und Drang" zu erwecken.